Darf man das?

Dresdner Morgenpost - - KULTUR -

DRES­DEN - Ein ver­stö­ren­der Mo­ment nach En­de der Auf­füh­rung: Da sitzt man im Zu­schau­er­saal und ap­plau­diert al­len Erns­tes KZ-Sträf­lin­gen, noch eben zur Ver­nich­tung be­stimmt, und SS-Scher­gen, ih­ren Mör­dern, die Hand in Hand und fröh­lich lä­chelnd den Schluss­ap­plaus ent­ge­gen­neh­men. Ist das er­laubt, aus dem Grau­en des Ho­lo­caust Thea­ter ma­chen?

Die Re­de ist von Miec­zys­law Wein­bergs Oper „Die Pas­sa­gie­rin“nach dem gleich­na­mi­gen Ro­man von Zo­fia Pos­mysz über das schick­sal­haf­te Zu­sam­men­tref­fen ei­ner ehe­ma­li­gen Au­schwitz-Auf­se­he­rin, Li­sa (Chris­ti­na Bock), mit ei­ner Au­schwitz-Über­le­ben­den, Mar­ta (Bar­ba­ra Do­brzans­ka), auf ei­nem Damp­fer von Deutsch­land nach Bra­si­li­en bald nach Kriegs­en­de, in Re­gie von An­selm We­ber und mu­si­ka­li­scher Lei­tung von Chris­toph Ged­schold. Pre­mie­re war am Sonn­abend in der Sem­per­oper.

Ei­ne Au­schwitz-Oper al­so. Pos­mysz, 1923 ge­bo­ren, war als pol­ni­sche Wi­der­stands­kämp­fe­rin in Au­schwitz. Wein­berg (1919-1996), der pol­ni­sche Ju­de, ver­lor sei­ne ge­sam­te Fa­mi­lie im Ho­lo­caust. Buch und Oper sind au­then­tisch, sie spre­chen er­leb­te Wahr­heit aus. Die Mu­sik ist ex­pres­siv, laut, zu­wei­len dis­so­nant, doch auch zart und mit­füh­lend. Das Stück er­zählt aus der Ge­gen­wart der Schiffs­pas­sa­ge her­aus in Rück­blen­den vom La­ger­le­ben und -ster­ben in Au­schwitz. Es geht um das Furcht­ba­re von einst, die An­kla­ge der Über­le­ben­den, das Er­tappt­sein und Rein­wa­schen der Tä­ter. Ein klu­ges, span­nen­des, pha­sen­wei­se er­schüt­tern­des Mu­sik­thea­ter, pa­ckend ge­sun­gen, ge­spielt und mu­si­ziert - wel­ches das Pu­bli­kum am En­de Sän­gern und Schau­spie­lern in Sträf­lings­klei­dung und SS-Uni­form zu­ju­beln lässt.

Bleibt die Fra­ge: Darf der Ho­lo­caust Un­ter­hal­tungs­kunst sein? Oder gilt das in Aus­ein­an­der­set­zung mit Ste­ven Spiel­bergs Ki­no­film „Schind­lers Lis­te“ ge­spro­che­ne Ur­teil des fran­zö­si­schen Fil­me­ma­chers und Schöp­fers der mo­nu­men­ta­len „Shoah“-Do­ku­men­ta­ti­on Clau­de Lanz­mann, dass die me­lo­dra­ma­ti­sche Fik­tio­na­li­sie­rung des Un­ge­heu­er­li­chen in Au­schwitz und an­ders­wo un­er­laub­te Grenz­über­schrei­tung sei?

Wir mei­nen: Es darf der Ho­lo­caust auch Un­ter­hal­tungs­kunst sein. Die Er­in­ne­rung wach­zu­hal­ten kann nicht aus­schließ­lich Auf­ga­be der His­to­ri­ker sein. Die Kunst ist ge­eig­ne­tes Me­di­um da­für, auch tiefs­te Ab­grün­de des Mensch­seins aus­zu­lo­ten. Da­her Ap­plaus für die­se - ge­lun­ge­ne - Pro­duk­ti­on auch von uns. gg

Im La­ger: KZ-Wär­te­rin Li­sa (Chris­ti­na Bock) knöpft sich die in­haf­tier­te Wi­der­stands­kämp­fe­rin Mar­ta (Bar­ba­ra Do­brzans­ka) vor. An Bord: Li­sa ist wie elek­tri­siert,

als sie Mar­ta auf dem Schiff er­kennt. Links ihr Ehe­mann Wal­ter (Jür­gen Mül­ler), ein Di­plo­mat, der Angst hat, von der Ver­gan­gen­heit sei­ner Frau kom­pro­mit­tiert zu wer­den. Das groß­ar­ti­ge Sze­nen­bild von Katja Haß zeigt auf der Dreh­büh­ne ei­nen

Schiffs­kör­per, des­sen In­ne­res mal KZ-La­ger, mal

Schiffs­sa­lon ist.

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