Trost aus dem Blick in die Ab­grün­de

Ul­ri­ke Al­mut San­dig las in der Bi­b­lio­thek Streh­len aus ih­rem wun­der­ba­ren „Buch ge­gen das Ver­schwin­den“

Dresdner Neueste Nachrichten - - Bühne Dresden - VON TO­MAS GÄRT­NER

Im­mer die­se dunk­len Ge­schich­ten, hat sich Ul­ri­ke Al­mut San­dig manch­mal ge­fragt, muss das denn sein? Für die 37jäh­ri­ge Au­to­rin, Toch­ter ei­nes evan­ge­li­schen Pfar­rers, auf­ge­wach­sen in ei­nem Dorf bei Rie­sa, muss­te es sein. „Die­se Er­zäh­lun­gen sind aus Ängs­ten her­aus ent­stan­den“, sagt sie. „Ich ha­be fürch­ter­li­che Angst vor dem Ver­schwin­den.“

Die­se Angst da­vor, dass et­was, Men­schen vor al­lem, plötz­lich nicht mehr da sind, dürf­te sie mit den meis­ten von uns tei­len. Sechs Ge­schich­ten hat sie dar­über ge­schrie­ben, ver­sam­melt im „Buch ge­gen das Ver­schwin­den“. Ih­re Le­se­tour da­mit hat sie nun in Dres­den be­en­det, in der Bi­b­lio­thek Streh­len.

Es sind Be­ge­ben­hei­ten, die wir nie­man­dem wün­schen, uns am al­ler­we­nigs­ten. In „Weit un­ter uns die flüs­si­gen Fel­sen“et­wa stirbt ei­ne al­te Frau an Her­zin- farkt, ihr Mann bleibt al­lein zu­rück. Aber er ist so eng durch das ge­mein­sa­me Le­ben mit ihr ver­wach­sen, dass es im Grun­de nicht zu er­tra­gen ist.

Da­zu wählt die Au­to­rin die Per­spek­ti­ve, mit der sie uns Le­ser am dich­tes­ten her­an­holt: Sie lässt den Mann selbst er­zäh­len. Die­se Au­to­rin nimmt uns bei der Hand, stellt uns vor die Ab­grün­de der Trau­rig­keit und lässt uns tief hin­ein­bli­cken. Das je­doch tut sie auf solch an­mu­ti­ge Wei­se, dass all dies un­er­träg­lich Schwe­re in ei­nen Schwe­be­zu­stand ge­rät.

Der Ef­fekt ist ver­blüf­fend: Als sie zu En­de ge­le­sen hat, mel­det sich ein Mann un­ter den Zu­hö­rern und sagt: „Ich ha­be die­sen Text als tröst­lich er­lebt.“Das ha­ben Ul­ri­ke Al­mut San­dig nach Le­sun­gen auch an­de­re ge­sagt. Wir­ken die­se Tex­te wie ei­ne The­ra­pie, bei der man ge­nau das, was man am meis­ten fürch­tet, durch­lebt? Als rei­ni­gen­den Schre­cken?

Das al­lein wä­re es noch nicht. Es ist die Art des Er­zäh­lens. Sie nimmt uns ein für all ih­re Fi­gu­ren – für den jun­gen Mann aus der ers­ten Ge­schich­te, sei­nen Sohn aus ei­ner zer­bro­che­nen Be­zie­hung, sei­ne neue Freun­din, die schwan­ger ist, für den spä­ter ver­schwin­den­den äl­te­ren Freund. Welch brü­chi­ge Ver­hält­nis­se. Und dann steht da die­ser er­schüt­tern­de Satz: „Es ist so leicht zu ver­schwin­den.“

Sie nimmt uns ein für den Mann, dem ei­ne un­heil­ba­re Krank­heit die Be­we­gungs­fä­hig­keit nimmt und der auf die im­mer wie­der ver­spro­che­ne Ge­schich­te sei­nes Bru­ders hofft. Oder für den 28-jäh­ri­gen Re­por­ter in Istan­bul, ei­nen et­was selt­sa­men, nun ja, Mann, mit sehr in­ten­si­ver Mut­ter­bin­dung. Nur so viel sei ver­ra­ten. Die­se Ge­schich­ten le­ben auch von be­stür­zen­den Über­ra­schungs­ef­fek­ten. An­deu­tun­gen sind spar­sam ge­setzt; das for­dert höchs­te Auf­merk­sam­keit.

Hier zeigt sich ei­ne gran­dio­se Er­zäh­le­rin, die ihr enor­mes Sprach­be­wusst­sein in der Ly­rik ge­schult hat, in über­zeu­gen­den Ge­dich­ten von ei­ge­nem Ton­fall, mit de­nen sie vor al­lem be­kannt ge­wor­den ist. Es ist be­ein­dru­ckend, wie bild­kräf­tig, poe­tisch, dicht und ge­nau sie zu schil­dern ver­mag.

Da kommt in der ers­ten Er­zäh­lung „Ge­gen das Ver­schwin­den“ein Som­mer­abend „mit ei­ner ein­zi­gen Hand­be­we­gung am Rad der Zeit zum Still­stand“. Oder ei­ne Frau hü­tet ei­ne Freund­schaft „wie ei­ne be­son­ders schö­ne Pflan­ze, von der man weiß, dass sie ein­jäh­rig ist“.

Die­se Schrift­stel­le­rin kann Pro­sa zu ei­nem fein­ma­schi­gen, viel­schich­ti­gen Ge­we­be ver­flech­ten. Mo­ti­ve, Wor­te wie­der­ho­len, wo­bei sich ih­re Be­deu­tung ver­schiebt.

Es ist nicht bil­li­ger Trost, den uns die­se Ge­schich­ten spen­den, son­dern der des gu­ten Er­zäh­lens, das mit­ten durch das Dun­kels­te ge­hen muss. In der letz­ten Ge­schich­te ist von ei­ner Be­haup­tung die Re­de, „dass nur das Er­zäh­len von Ge­schich­ten uns die­se nicht aus­rott­ba­re, zer­brech­li­che Tier­art na­he­bringt, die der Mensch ist“.

Fo­to: PR

Ben Hag­gar­ty

Ul­ri­ke Al­mut San­dig: Buch ge­gen das Ver­schwin­den. Schöff­ling & Co. 208 S., 18,95 Eu­ro

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