Wahr­heit nach dem Wahl­tag

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - VON STE­FAN WIN­TER

Die Kom­bi­na­ti­on aus Flie­ge­rei und Haupt­stadt-flair hat of­fen­bar et­was Ro­man­ti­sches. Für die in­sol­ven­te Flug­ge­sell­schaft Air Ber­lin, de­ren bes­se­re Zei­ten im­mer­hin zwei Jahr­zehn­te zu­rück­lie­gen, in­ter­es­siert sich je­den­falls ein hal­bes Dut­zend In­ves­to­ren.

Dass es dann doch so vie­le ge­wor­den sind, ist man­chem Pa­ra­dies­vo­gel zu ver­dan­ken, der das Feld be­rei­chert. Da wä­re Hans Ru­dolf Wöhrl, Tex­til- und Flug­un­ter­neh­mer, Ehe­mann der Csu-po­li­ti­ke­rin Dag­mar Wöhrl und nach ei­ge­ner Aus­sa­ge wil­lens, sich Air Ber­lin zum 70. Ge­burts­tag zu schen­ken. Oder Utz Claas­sen, Mul­ti-ma­na­ger mit Er­fah­rung in Au­to-, Bio­tech-, Ener­gie- und Fuß­ball­bran­che und als Mallor­ca-pend­ler ver­mut­lich Dau­er­gast in den weiß-ro­ten Ma­schi­nen. Oder Niki Lau­da, Ex-renn­fah­rer und ent­schlos­sen, ge­mein­sam mit dem Fe­ri­en­flie­ger Con­dor die von ihm einst ge­grün­de­te Flug­ge­sell­schaft Niki aus den Trüm­mern zu ber­gen.

Die Ernst­haf­tig­keit va­ri­iert. Lau­da ist in die­sem Pro­mi-trio der Er­de wohl am nächs­ten. Wöhrl da­ge­gen schwebt so hoch, dass er nicht ein­mal in die Air-ber­lin-bücher blick­te, be­vor er die Schlag­zei­len mit ei­nem an­geb­li­chen Halb­mil­li­ar­den­ge­bot füll­te. Bis Frei­tag­mit­tag hat­ten al­le Zeit, ih­re An­ge­bo­te für Deutsch­lands im­mer noch zweit­größ­te Flug­ge­sell­schaft ab­zu­ge­ben.

Wahr­schein­lich wa­ren al­le spät dran, denn die La­ge ist dif­fi­zil: Der staat­li­che Hilfs­kre­dit schmilzt schnel­ler als er­hofft, vor stra­te­gi­schen Groß­ta­ten muss erst ein­mal die Li­qui­di­tät ei­ner Air­line ge­si­chert wer­den, die je­den Tag ei­nen Mil­lio­nen­ver­lust ein­fliegt. Als sei die La­ge nicht pre­kär ge­nug, mel­de­ten sich zwi­schen­durch Hun­der­te Pi­lo­ten krank. Zu­fäl­lig al­le an zwei Ta­gen. Das füg­te dem Ver­lust ein paar wei­te­re Mil­lio­nen hin­zu, zer­stör­te noch et­was mehr Kun­den­ver­trau­en und gibt je­dem Käu­fer ei­nen gu­ten Grund, oh­ne sie wei­ter­zu­ma­chen.

Ob nun ei­ner der Pro­mis oder ein kon­ven­tio­nel­le­rer Aspi­rant wie Luft­han­sa oder Ea­sy­jet das Ren­nen macht, soll nicht – wie ur­sprüng­lich ge­dacht – am Frei­tag vor der Bun­des­tags­wahl, son­dern am Mon­tag da­nach ver­kün­det wer­den. Man mag dar­über die Na­se rümp­fen, aber die sach­ge­rech­te Lö­sung ist dann si­cher leich­ter zu ver­kün­den. Denn die wird Ar­beits­plät­ze kos­ten und nicht in ei­nem Kom­plet­ter­halt von Air Ber­lin be­ste­hen. Auch die Idee, die in­ter­es­san­ten Res­te still der Luft­han­sa zu­zu­schan­zen, hat sich nach lau­tem Pro­test wohl er­le­digt.

Man wird das ge­schei­ter­te Un­ter­neh­men samt sei­ner Start- und Lan­de­rech­te wahr­schein­lich auf­tei­len – un­ter den wa­chen Au­gen der Kar­tell­be­hör­den. Wenn da­bei zum Bei­spiel auch Ea­sy­jet zum Zu­ge kommt, ist für den Wett­be­werb wahr­schein­lich mehr ge­tan, als wenn ei­ner der selbst er­nann­ten Ret­ter tä­tig wird und mit ei­nem un­aus­ge­go­re­nen Kon­zept nach ei­nem hal­ben Jahr die nächs­te Staats­hil­fe braucht.

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