Braucht Ber­lin mehr Rhein­land?

Dresdner Neueste Nachrichten - - POLITIK -

Auch in sei­ner Hei­mat­stadt Wür­se­len grüßt Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz na­tür­lich von vie­len Wahl­pla­ka­ten. Neu al­ler­dings ist für mich der Spruch, der hier un­ter sei­nem Kon­ter­fei steht: Ber­lin braucht mehr RHEIN­LAND.

Hm. Ist denn schon wie­der Karneval? Oder wie soll man das sonst ver­ste­hen?

Nach­fra­ge beim SPDOrts­ver­ein, der an die­sem Abend im Ne­ben­zim­mer der Gast­stät­te Hou­ben tagt: „Ist euch die Po­li­tik in Ber­lin et­wa noch nicht jeck (ver­rückt) ge­nug?“

Ste­pha­nie Küp­pers, die Vor­sit­zen­de des Orts­ver­eins Wür­se­len, lacht: „Jeck zu sein ist im Rhein­land nichts Schlim­mes, eher schon ei­ne Tu­gend. Ein Jeck hat sei­nen ei­ge­nen Kopf. Er nimmt vie­les erst ein­mal mit Hu­mor, ist sei­nen Mit­men­schen ge­gen­über auf­ge­schlos­sen – und blickt stets mit fro­her Zu­ver­sicht in die Zu­kunft.“

Die Idee zu die­ser rhei­ni­schen Of­fen­si­ve hat­te der Bon­ner Ab­ge­ord­ne­te Ul­rich Kel­ber. 17 wei­te­re Spd-kan­di­da­ten/ Kan­di­da­tin­nen von Ko­blenz bis den Rhein hin­auf nach Kle­ve ha­ben sich ihr an­ge­schlos­sen und sie ge­mein­sam im Au­gust der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert. Vor dem Dom zu Köln na­tür­lich. Wo sonst an­ders ist man so jeck.

Von „fro­her Zu­ver­sicht“in Wür­se­len ist in die­sen Ta­gen al­ler­dings nicht viel zu spü­ren. Und das liegt nicht nur an den sin­ken­den Um­fra­ge­wer­ten des ehe­ma­li­gen Bür­ger­meis­ters und heu­ti­gen Kanz­ler­kan­di­da­ten Mar­tin Schulz.

Hier wie über der ge­sam­ten Re­gi­on Aa­chen liegt der Schat­ten des in Tei­len be­reits schon 40 Jah­re al­ten Atom­kraft­werks im bel­gi­schen Ti­han­ge, ge­ra­de mal 70 Ki­lo­me­ter jen­seits der Gren­ze. We­gen Haar­ris­sen für vier Jah­re fast durch­gän­gig ab­ge­schal­tet, wur­de der ma­ro­de Re­ak­tor 2 En­de 2016 wie­der hoch­ge­fah­ren. Trotz mas­si­ver Pro­tes­te der Be­völ­ke­rung und der Po­li­tik auch jen­seits der bel­gi­schen Gren­ze.

Seit dem 1. Sep­tem­ber wer­den nun auf deut­scher Sei­te vor­sorg­lich Jod­ta­blet­ten be­reit­ge­stellt, die im Fall ei­nes Atom­un­falls Schild­drü­sen­krebs ver­hin­dern sol­len. Auch das aber nur bei Men­schen, die 45 Jah­re und jün­ger sind. Die kön­nen jetzt über das In­ter­net Be­zugs­schei­ne be­an­tra­gen, die sie in den Apo­the­ken kos­ten­los ge­gen die Ta­blet­ten ein­lö­sen kön­nen. Genau­so wie Schwan­ge­re und stil­len­de Müt­ter. Was die Be­völ­ke­rung aber eher noch mehr be­ängs­tigt als be­ru­higt.

„Ich ha­be mir die Ta­blet­ten ges­tern ab­ge­holt“, sagt Haus­frau Son­ja Weiss­bur­ger. „Für mei­ne bei­den Kin­der. Und ich hät­te bei­na­he ge­weint, als ich sie in den Hän­den hat­te. Wenn un­se­re Ver­ant­wort­li­chen schon zu sol­chen Maß­nah­men grei­fen, heißt das doch nichts an­de­res, dass auch die da­mit rech­nen, als dass es je­der­zeit pas­sie­ren könn­te.“

Und dann dreht sie sich noch ein­mal um. „In wel­cher Zeit le­ben wir ei­gent­lich?“, sagt sie. „Hö­ren Sie mir auf mit Po­li­tik! Die Welt wird doch im­mer per­ver­ser. Wir lie­fern den Bel­gi­ern Brenn­ele­men­te – und krie­gen da­für Jod­ta­blet­ten zu­rück.“

Udo Rö­bel forscht ab­seits der Haupt­stadt nach Stim­mun­gen und Strö­mun­gen in Deutsch­land vor der Wahl.

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