Im­mer auf Ach­se

Dresdner Neueste Nachrichten - - POLITIK - VON WLA­DI­MIR KA­MI­NER

Laut Be­rech­nun­gen der Wis­sen­schaft­ler dreht sich die Er­de mit ei­ner ho­hen Ge­schwin­dig­keit um ih­re ei­ge­ne Ach­se und um die Son­ne her­um. War­um uns da­bei nicht schwind­lig wird, die­se Fra­ge be­schäf­tig­te mich in der Kind­heit sehr. Wahr­schein­lich, weil die ei­ne Be­we­gung die an­de­re aus­gleicht, dach­te ich. Wir Men­schen be­we­gen uns auch stän­dig um un­se­re ei­ge­ne Ach­se oder um die Er­de her­um. Wenn wir län­ger sit­zen blei­ben, fal­len wir vom Stuhl. Die meis­ten von uns be­we­gen sich in Grup­pen. Zur­zeit sind zwei gro­ße Grup­pen be­son­ders hef­tig un­ter­wegs: die Flücht­lin­ge und die Tou­ris­ten, frei­wil­lig und un­frei­wil­lig Rei­sen­de. Wo­bei die­se so­zia­len Rol­len aus­tausch­bar sind, die Flücht­lin­ge von heu­te kön­nen schon mor­gen zu Tou­ris­ten wer­den und um­ge­kehrt. Die Gren­zen zwi­schen bei­den Grup­pen sind nicht ein­deu­tig mar­kiert.

In mei­ner Woh­nung in Ber­lin sind Flücht­lin­ge aus Mia­mi un­ter­ge­bracht, Ame­ri­ka­ner, die vor dem Hur­ri­kan „Ir­ma“und vor ih­rem Prä­si­den­ten ge­flüch­tet sind. Sie wol­len je­doch mei­ne Gast­freund­schaft nicht über­stra­pa­zie­ren und sa­gen, so­bald „Ir­ma“und Trump weg sind, keh­ren sie nach Mia­mi zu­rück. In der Tou­ris­ten­pen­si­on im Erd­ge­schoss woh­nen bei uns neu­er­dings Sy­rer, je­den Abend set­zen sie sich mit gro­ßen Was­ser­pfei­fen auf den Bord­stein vor dem Haus und blub­bern in der Däm­me­rung. Bei ih­nen ha­be ich Zwei­fel, ob sie je­mals zu­rück­ge­hen, ih­re Städ­te sind zer­bombt. Mei­ne Lands­leu­te, die Rus­sen, ha­ben letz­tes Jahr ei­ne Re­kord­zahl an Asyl­an­trä­gen in Ame­ri­ka ge­stellt, sie schei­nen kei­ne Angst vor „Ir­ma“oder Trump zu ha­ben, ihr Pu­tin macht ih­nen mehr Angst. Und bei den Deut­schen sind al­le Kreuz­fahr­ten aus­ge­bucht. Im­mer wenn es am in­ter­es­san­tes­ten wird, hau­en sie al­le ab.

Wla­di­mir Ka­mi­ner ist Schrift­stel­ler in Ber­lin

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