Die neue Macht der Al­ten

Erst­mals in /er Ge­schich­te /er Bun/es­tags­wah­len ha­ben /ies­mal /ie äl­tes­ten Wäh­ler /ie Na­se vorn. Sie sin/ /ie größ­te Grup­pe un/ üben zu/em /urch ih­re ho­he Wahl­be­tei­li­gung mehr Macht aus /enn je. Lei­se ve­rän/ert sich /amit /ie Po­li­tik in Deutschlan/.

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - VON MAT­THI­AS KOCH

BER­LIN. Wer als Cdu-ak­ti­vist in die­sen Ta­gen ein Flug­blatt ver­tei­len will, muss sich we­gen der In­hal­te nicht selbst den Kopf zer­bre­chen oder gar die Welt neu er­fin­den. Die Par­tei­zen­tra­le in Ber­lin hält al­les, was die Kämp­fer in den Kreis­ver­bän­den ge­brau­chen könn­ten, di­gi­tal zum be­que­men Her­un­ter­la­den be­reit.

Ein Flug­blatt deckt al­les auf ei­nen Schlag ab. Ti­tel: „Für ein Deutsch­land, in dem wir gut und ger­ne le­ben.“Der ers­te Satz be­ginnt mit den Wor­ten: „Da­mit es un­se­ren Kin­dern, En­keln und auch uns selbst auch in Zu­kunft gut geht ...“Un­se­ren Kin­dern? Un­se­ren En­keln? Die CDU un­ter­stellt in ih­rer Wer­bung ein­fach mal ei­nen groß­el­tern­haf­ten Blick auf die Welt. Frü­her hät­ten Kri­ti­ker ge­sagt: Da sieht man es wie­der – die Uni­on ist Par­tei der al­ten Kna­cker. Heu­te ist sol­che Hä­me ver­stummt. Vie­le ah­nen: Das Groß­el­tern­haf­te passt heu­te bes­ser denn je in die Zeit. Nie zu­vor hat­ten die Äl­te­ren ei­nen so gro­ßen Ein­fluss auf ei­ne Bun­des­tags­wahl wie am 24. Sep­tem­ber 2017.

■ 36,1 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten sind 60 Jah­re und äl­ter.

■ Die 40- bis 59-Jäh­ri­gen sind mit 34,7 Pro­zent nur noch zweit­stärks­te Kraft.

■ Auf Platz drei lan­den die 18- bis 39Jäh­ri­gen mit 29,3 Pro­zent.

Und die Do­mi­nanz der Äl­te­ren wächst wei­ter. Schon bei der Bun­des­tags­wahl 2021 wird die Grup­pe der Äl­te­ren, die jetzt nur knapp die Na­se vorn hat, die mitt­le­ren und jün­ge­ren Jahr­gän­ge mit noch deut­li­che­rem Ab­stand ab­hän­gen. Und die im Durch­schnitt deut­lich wach­sen­de Al­te­rung er­fasst nicht nur die Wäh­ler, son­dern auch die Mit­glie­der der Par­tei­en. Noch in der Ära Wil­ly Brandt war fast je­des vier­te Spd-mit­glied jün­ger als 30 . Heu­te zäh­len die meis­ten Orts­ver­bän­de, trotz vie­ler Neu­ein­trit­te, meist nur um die 10 Pro­zent Jun­ge.

Kein Wun­der, dass im­mer stär­ker ei­ne Po­li­tik von Äl­te­ren für Äl­te­re in Gang kommt. Schwarz-rot hat da­bei in der ab­ge­lau­fe­nen Le­gis­la­tur­pe­ri­ode viel be­wirkt. Erst for­der­te die CSU ei­ne Ver­bes­se­rung der Müt­ter­ren­te, dann woll­te die SPD neue Mög­lich­kei­ten zur Ren­te ab 63. Am En­de lag der Kom­pro­miss dar­in, dass man sich bei­des leis­tet. Zu­dem stieg im vo­ri­gen Jahr die Ren­te im Wes­ten um 4,25 und im Os­ten um 5,95 Pro­zent.

Die äl­te­ren Wäh­ler füh­len sich bei

Uni­on und SPD be­son­ders gut auf­ge­ho­ben. Zur po­li­ti­schen Ver­läss­lich­keit kommt hin­zu, dass auch in so­zio­kul­tu­rel­ler Hin­sicht die Wel­len­län­ge stimmt: Die Wäh­ler der Ü-60-ge­ne­ra­ti­on bli­cken auf An­ge­la Mer­kel (63) und Mar­tin Schulz (61) und ent­de­cken: sich selbst.

„Die­se Bil­der wa­ren für Mer­kel un­be­zahl­bar“, är­ger­te sich ein Mann aus dem Schulz-team, als im Som­mer wie­der Pa­pa­raz­zi-fo­tos vom Wan­der­ur­laub der Kanz­le­rin in Süd­ti­rol die Run­de mach­ten. „Die­sel­be Ja­cke wie im ver­gan­ge­nen Jahr“ha­be Mer­kel ge­tra­gen, mo­kier­ten sich Bou­le­vard­blät­ter. Doch die Bot­schaft, die im Un­ter­be­wusst­sein der Wäh­ler an­kam, war: Das ist ei­ne von uns. Be­schei­den. Bo­den­stän­dig. Schon ein biss­chen äl­ter. Aber voll da. Und im­mer noch ak­tiv.

Schulz funkt auf der glei­chen Wel­le. „Kann ei­ner mit Bart, Glat­ze und Kas­sen­ge­stell Bun­des­kanz­ler wer­den?“, fragt der Spd-spit­zen­kan­di­dat sei­ne An­hän­ger die­ser Ta­ge in sei­nen Re­den – und ruft dann, et­was oba­ma­haft: „Ja, er kann.“An die­ser Stel­le gibt es re­gel­mä­ßig Ap­plaus, so­gar Ju­bel – und stumm stel­len im Pu­bli­kum vie­le fest, dass sie auch so et­was zu bie­ten ha­ben: Bart, Glat­ze, Kas­sen­ge­stell.

Die neu­en Al­ten brin­gen nicht nur von ih­rer Kopf­zahl her mehr auf die Waage als frü­her. Sie ge­hen auch zu grö­ße­ren An­tei­len zur Wahl. Bei der Bun­des­tags­wahl 2013 war die Wahl­be­tei­li­gung der 21- bis 24-Jäh­ri­gen mit 60,3 Pro­zent am ge­rings­ten. Die 60-plus-grup­pe stell­te da­ge­gen den Re­kord auf: 79,8 Pro­zent.

Die deut­sche Po­li­tik be­ginnt zu ler­nen, was Mar­ke­ting­pro­fis der Wirt­schaft längst ver­in­ner­licht ha­ben: Wer die „best ager“nicht ge­winnt, die „sil­ver sur­fer“, hat ver­lo­ren. Wie aber ver­schafft man sich die meis­ten An­tei­le auf die­sem Markt? Spd-spit­zen­kan­di­dat Mar­tin Schulz lockt künf­ti­ge Ru­he­ständ­ler mit dem Ver­spre­chen, die SPD wer­de die ge­setz­lich fest­ge­leg­te schritt­wei­se Sen­kung des Ren­ten­ni­veaus in den kom­men­den Jah­ren nicht mitmachen: „Wir wol­len, dass es dau­er­haft auf der jet­zi­gen Hö­he bleibt“, heißt es trot­zig im Spd-wahl­pro­gramm.

Die So­zi­al­de­mo­kra­ten ha­ben sich mehr Mü­he als an­de­re Par­tei­en mit de­tail­lier­ten Be­schlüs­sen zum The­ma Ren­te ge­ge­ben; die Wäh­ler ho­no­rie­ren dies, in­dem sie der SPD in Um­fra­gen ho­he Kom­pe­ten­z­wer­te im Feld So­zia­les zu­bil­li­gen. Doch das So­zia­le ist nicht al­les. Ers­tens stieg der An­teil der Deut­schen, de­nen es nach ei­ge­ner Ein­schät­zung wirt­schaft­lich gut geht, auf nie da ge­we­se­ne 64 Pro­zent. Zwei­tens zieht der Deut­sche So­zio­lo­gen zu­fol­ge um­so mehr The­men für sei­ne Wah­l­ent­schei­dung in Be­tracht, je äl­ter er ist. So kommt dann auch die Wirt­schaft in den Blick, die in­ne­re Si­cher­heit, am En­de gar die ge­sam­te Welt­po­li­tik. Jun­ge Leu­te da­ge­gen, heißt es in ei­ner Ber­tels­mann-stu­die, re­agier­ten „the­men­spe­zi­fi­scher und si­tua­ti­ver“.

Nicht so die Äl­te­ren: Mit ei­nem ein­zel­nen The­ma sind sie nicht so leicht zu be­ein­dru­cken. Sie ha­ben ein un­aus­ge­spro­che­nes Ziel vor Au­gen, das die Ber­tels­mann-so­zio­lo­gen so for­mu­lie­ren: „Die Be­wah­rung des jet­zi­gen Zu­stands, das Ein­rich­ten in ei­ner Art per­ma­nen­ter Ge­gen­wart, in der al­les für im­mer so sein soll, wie es heu­te ist.“

An die­ser Stel­le kom­men dann die Pro­fi-wer­ber ins Spiel, von de­nen man­che sich auch in der Tie­fen­psy­cho­lo­gie aus­ken­nen. In der Mer­kel-kam­pa­gne gab es ei­ne Se­rie von Be­spre­chun­gen, in de­ren Ver­lauf die Wer­be­li­nie im­mer kon­ser­va­ti­ver, im­mer de­zen­ter wur­de. Groß­flä­chen­pla­ka­ten und Fern­seh­spots zei­gen jetzt die Frau, die mit ma­xi­ma­ler Be­son­nen­heit das Be­kann­te be­wahrt. Die Ham­bur­ger Wer­be­agen­tur Jung von Matt ist stolz auf ih­re Mer­kel-kam­pa­gne, ver­mei­det aber of­fi­zi­el­le Stel­lung­nah­men zur Stra­te­gie. Agen­tur­chef Je­an-re­my von Matt ließ sich le­dig­lich mit dem Satz zi­tie­ren: „Ich durf­te in mei­ner Lauf­bahn die bes­ten Bier­mar­ken und schnells­ten Sport­wa­gen be­treu­en, aber noch nie ein dem Wett­be­werb so über­le­ge­nes Pro­dukt wie Frau Mer­kel.“Po­li­ti­ker als Pro­dukt? Bei der CDU in Nord­rhein-west­fa­len, die im Bun­des­tags­wahl­jahr ein 20-Mi­lio­nen-ein­woh­ner­land kipp­te, winkt man ab: Am En­de sei­en nicht Wer­be­agen­tu­ren ent­schei­dend, son­dern Ty­pen. So ha­be der Wahl­sie­ger Ar­min La­schet ei­ne gu­te Art ge­fun­den, Äl­te­re an­zu­spre­chen: auf Ver­kehrs­pro­ble­me, Bil­dungs­the­men, auch All­tags­kri­mi­na­li­tät, „al­les oh­ne Het­ze“. Fünf Jah­re zu­vor hat­te der zu­ge­knöpf­te CDU-MANN Nor­bert Rött­gen an Rhein und Ruhr kei­nen Er­folg – ob­wohl auch er auf die Al­ten setz­te und et­wa für „so­li­de Fi­nan­zen“warb.

„Das Fi­nanz­the­ma ist gro­ßer Mist“, schimpft ein Jün­ge­rer aus dem nord­rhein­west­fä­li­schen Cdu-lan­des­vor­stand. „Da­für in­ter­es­sie­ren sich auch die Äl­te­ren in Wirk­lich­keit nicht.“La­schet ha­be an­ge­knüpft an die Le­bens­wirk­lich­keit der Leu­te – das ha­be den Aus­schlag ge­ge­ben.

In NRW lag bei den un­ter 30-Jäh­ri­gen die SPD vier Punk­te vor der CDU. Doch das half ihr nicht: Denn bei den über 60Jäh­ri­gen lag die CDU vier Punk­te vor der SPD – und die Al­ten ha­ben in­zwi­schen zah­len­mä­ßig ein­fach mehr Ge­wicht.

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