Ei­ne Art „Mo­na Li­sa“: zwei Pa­ra­de­har­ni­sche aus Sil­ber

Mit dem Sil­ber­waf­fen­saal wird im Re­si­denz­schloss ei­ne wei­te­re Dau­er­aus­stel­lung der Rüst­kam­mer er­öff­net

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON CHRIS­TI­AN RUF

Sil­ber­ge­rät war im­mer Ob­jekt der Be­gier­de, und was aus den al­ten Zei­ten über­leb­te, ist viel­leicht nur ein Tau­sends­tel des­sen, was es ein­mal gab. Ob­wohl Deutsch­land im 16. Jahr­hun­dert von Bau­ern­krieg und Re­li­gi­ons­kämp­fen er­schüt­tert wur­de und im 17. Jahr­hun­dert der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg ein Lei­chen­tuch über die Kul­tur der Re­nais­sance warf, hat sich doch vom deut­schen Sil­ber der Früh­zeit weit mehr er­hal­ten als in Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich. Wäh­rend aber Lon­don und Pa­ris die Ach­sen wa­ren, um die sich al­les dreh­te, ein­ge­schlos­sen Stil, Markt und Auf­sicht al­ler Gold­schmie­de­ar­beit, gab es in Deutsch­land vie­ler Her­ren Sil­ber.

Am An­fang stan­den Nürn­berg und Straß­burg. Dann stieg in­fol­ge der Re­for­ma­ti­on Augs­burg auf als Gold- und Sil­ber­zen­trum. Un­ter den rei­chen Han­se­städ­ten zähl­ten Ham­burg, Lü­beck, Dan­zig und Kö­nigs­berg. Und es leb­ten na­tür­lich nicht zu knapp auch Gold­schmie­de in Städ­ten, die Re­si­denz­funk­ti­on hat­ten: Wi­en, Mün­chen, Braun­schweig. Und dann war da na­tür­lich der Hof der Wet­ti­ner in Dres­den, die dank der Sil­ber­vor­kom­men im Erz­ge­bir­ge wie auch dem Ge­wer­be­fleiß der Sach­sen über reich­lich fi­nan­zi­el­le Mit­tel ver­füg­ten und die­sen Reich­tum auch in al­ler Öf­fent­lich­keit zur Schau zu stel­len ge­dach­ten. No­bles­se ob­li­ge. Adel ver­pflich­tet. Nie­mand von blau­em Ge­blüt hat­te da­mals die Ab­sicht, sein Licht in Gestalt pe­ku­niä­ren Reich­tums un­ter den Schef­fel zu stel­len.

Und des­halb ließ Kur­fürst Chris­ti­an I. an­läss­lich der Tau­fe des hol­den Töch­ter­leins Do­ro­thea im Ja­nu­ar 1591 zwei Fuß­tur­nier­har­ni­sche an­fer­ti­gen, die es in sich hat­ten. Je­der wog 11,7 Ki­lo­gramm, der Helm al­lein noch­mal 2,6 Ki­lo­gramm. Län­ge­re Zeit zu tra­gen wa­ren die­se Schwer­ge­wich­te nur mit durch­trai­nier­ter Na­cken- und Rü­cken­mus­ku­la­tur. Der Grund: Die Har­ni­sche be­stan­den aus rei­nem Sil­ber und wa­ren reich ver­ziert. Die Haupt­mo­ti­ve bil­den an­ti­ke Hel­den­dar­stel­lun­gen an der Har­nisch­brust: der Op­fer­tod des Mar­cus Cur­ti­us so­wie Ho­ra­ti­us Co­cles auf der Ti­ber­brü­cke in Rom. Flä­chen­über­grei­fend sind Waf­fen­tro­phä­en, Blatt­werk und ori­en­ta­li­sie­ren­de Blü­ten ein­ge­bracht.

Laut dem Rüst­kam­mer­in­ven­tar wa­ren die sil­ber­nen Har­ni­sche und Ross­stir­ne für den Kur­fürs­ten selbst und für Fürst Chris­ti­an I. von An­halt-bern­burg be­stimmt. Die kup­fer­v­er­gol­de­ten Hel­me, Ross­stir­ne und Sat­tel­ble­che wei­sen aber auch au­ßer dem kur­säch­si­schen Wap­pen von Chris­ti­an I. zu­sätz­lich die Wap­pen von Chris­ti­an I. von An­halt-bern­burg und die von Jo­hann Ge­org I. von An­halt-des­sau auf.

Prunk­har­ni­sche als wei­te­rer wich­ti­ger „Mo­sa­ik­stein“des Schlos­ses

An sich schon äs­the­ti­sche Schwer­ge­wich­te, drü­cken die bei­den Sil­ber­har­ni­sche, die von Dirk Syn­dram, dem Di­rek­tor des Grü­nen Ge­wöl­bes, zur Mo­na Li­sa der an High­lights oh­ne­hin nicht ar­men Rüst­kam­mer er­klärt wur­den, nun dem Sil­ber­waf­fen­saal ih­ren Stem­pel auf. Die­ser Saal im Ge­or­gen­bau des Stadt­schlos­ses war En­de des 19. Jahr­hun­derts das Re­si­denz­ge­mach der Kö­ni­gin Ca­ro­la, wur­de dem „Ver­such ei­ner (teil­wei­sen) Re­kon­struk­ti­on“un­ter­zo­gen und soll „ei­ne Schar­nier­funk­ti­on über­neh­men“, wie Char­lot­te von Bloh ges­tern er­klär­te, die Ober­kon­ser­va­to­rin der Rüst­kam­mer und Ku­ra­to­rin der Aus­stel­lung. Die Ob­jek­te in die­sem Raum, dar­un­ter nicht zu knapp Waf­fen, meist sil­ber­plat­tier­te Ra­pie­re und Dol­che aus der Zeit um 1580 bis 1610, knüp­fen als kur­fürst­li­che Fest­aus­stat­tun­gen zum ei­nen the­ma­tisch di­rekt an die Tur­nier­und Pa­ra­de­waf­fen im Rie­sen­saal an, zum an­de­ren bil­den sie als Sil­ber­schatz den sinn­fäl­li­gen Auf­takt zum Münz­ka­bi­nett. Für Syn­dram ist der Sil­ber­waf­fen­saal ein „wei­te­rer wich­ti­ger Mo­sa­ik­stein bei der Gestal­tung des Schlos­ses als Mu­se­ums­zen­trum der Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen“, am heu­ti­gen Sonn­abend kann er im Rah­men der Mu­se­ums­nacht zum ers­ten Mal be­gut­ach­tet wer­den. Und ist erst mal der klei­ne Ball­saal um die Ecke fer­tig re­kon­stru­iert, „dann kommt hier Le­ben in die Bu­de“, zeigt sich Bloh über­zeugt, was die Be­su­cher­strö­me im Sil­ber­waf­fen­saal an­geht.

Gut, Ha­sen­fü­ße mag ob all der Waf­fen hier ein mul­mi­ges Ge­fühl über­kom­men, aber im hö­fi­schen Le­ben wa­ren es für Fürs­ten in der Re­nais­sance wie im Ba­rock nicht zu­letzt Waf­fen, die als Ge­schen­ke dem ver­wandt­schaft­li­chen, freund­wil­li­gen und di­plo­ma­ti­schen Ver­kehr sach­li­che Stüt­zung ver­lie­hen.

Wei­te­re Schmuck­stü­cke aus den Hin­ter­las­sen­schaf­ten der Fürs­ten

Ein Blick­fang ist auch das Prunkra­pier mit ei­nem neu­ar­ti­gen Tief­schnitt­de­kor für Her­zog Jo­hann Ge­org I., auch dien­te es der De­mons­tra­ti­on wirt­schaft­li­cher Pro­spe­ri­tät bei öf­fent­li­chen Auf­zü­gen. Ei­ne Au­gen­wei­de sind die bei­den Ra­pier­dolch-gar­ni­tu­ren mit kunst­vol­len Ran­ken und Blü­ten, die Kur­fürst Chris­ti­an II. von Sach­sen an­läss­lich sei­ner pracht­voll ge­fei­er­ten Hoch­zeit mit Hed­wig, kö­nig­li­che Prin­zes­sin von Dä­ne­mark, 1602 in Dres­den für sich selbst fer­ti­gen ließ. Noch ha­ben nicht al­le Kost­ar­bei­ten, die man hier zei­gen will, ih­ren Platz ge­fun­den. Die „Vi­tri­nen­pro­duk­ti­on hakt“, wie von Bloh wis­sen ließ. Wenn es so weit ist, dann wer­den noch drei wei­te­re kup­fer­v­er­gol­de­te Har­ni­sche hier prä­sen­tiert.

Aus künst­le­ri­scher Sicht stellt der Sil­ber­waf­fen­saal ein be­deu­ten­des Zeug­nis der Gold­schmie­de­kunst in der auf­blü­hen­den kur­fürst­li­chen Re­si­denz Dres­den dar. Man konn­te sich die er­le­sens­ten Gold­schmie­de­ar­bei­ten aus Nürn­berg oder Augs­burg leis­ten, woll­te die Ori­gi­nal­ar­bei­ten „aber noch top­pen“, wie Syn­dram er­klär­te. In­ter­es­sant sind auch zwei gleich­ar­ti­ge sil­ber­plat­tier­te Ra­pie­re und Pa­tro­nen­büch­sen, die das Wap­pen und die Initia­len „HGW“von Hans Ge­org Weh­se tra­gen, kur­säch­si­scher Hof­mar­schall von 1604 bis 1608. Sie stan­den wohl im Zu­sam­men­hang mit den Hoch­zei­ten Chris­ti­ans II. 1602 so­wie Jo­hann Ge­orgs I. 1604 und 1607.

Ei­ner, der für die Be­dürf­nis­se des Dresd­ner Ho­fes ar­bei­te­te, war Wen­del un­ter der Lin­den. Er lie­fer­te ins­be­son­de­re un­ter Kur­fürst Chris­ti­an I. zahl­rei­che Sil­ber­ar­bei­ten, dar­un­ter Sie­gel, Gür­tel- und Schei­den­be­schlä­ge so­wie Blank­waf­fen­ge­fä­ße. Nach 1610 war dann Schluss mit der gan­zen Pracht und Herr­lich­keit von Hieb- und Stich­waf­fen – „es do­mi­nier­ten dann, 1618 brach der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg aus, ganz an­de­re Waf­fen­ty­pen“, wie Syn­dram er­läu­ter­te.

Dass die Er­zeug­nis­se un­ter der Lin­dens und sei­ner Zunft­kol­le­gen über­lebt ha­ben, ist oh­ne­hin ein gro­ßer Glücks­fall für die Nach­welt. Trotz al­ler öko­no­mi­schen Schwie­rig­kei­ten Sach­sens im Zu­ge der fri­de­ri­zia­ni­schen wie na­po­leo­ni­schen Krie­ge kam kei­ner auf die Idee, „aus den 22 Ki­lo der Prunk­har­ni­sche wie­der 22 Ki­lo Sil­ber zu ma­chen“, wie Dirk Syn­dram er­klär­te. Und auch nach 1945 war Glück im Spiel. Als die So­wjet­uni­on 1953/55 das Gros der ge­raub­ten oder (nach rus­si­scher Les­art „kriegs­be­dingt ver­la­ger­ten“) Beu­te­kunst zu­rück­gab, wa­ren die Be­stän­de der Dresd­ner Rüst­kam­mer da­bei, der Ver­bleib der rund 100 Har­ni­sche um­fas­sen­den Samm­lung der Rüst­kam­mer auf der Wart­burg ist un­ge­klärt.

Rüst­kam­mer im Dresd­ner Schloss, ge­öff­net täg­lich au­ßer Di­ens­tag, 10-18 Uhr

➦ www.skd.mu­se­um/aus­stel­lun­gen/sil­ber­waf­fen­saal/

Prunk­har­nisch aus mas­si­vem Sil­ber, die „Mo­na Li­sa der Rüst­kam­mer“.

Fo­tos (2): Dietrich Flecht­ner

Blick in ei­ne Vi­tri­ne des Sil­ber­waf­fen­saals.

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