Zi­vi­li­sa­ti­on oder Ver­bre­chen?

„Ma­dame Lafran­ce“schil­dert die fran­zö­si­sche Ko­lo­ni­al­zeit

Dresdner Neueste Nachrichten - - BÜHNE DRESDEN - VON TO­MAS GÄRT­NER

Frank­reich als Ko­lo­ni­al­macht – das ist dort­zu­lan­de ei­ne noch längst nicht ver­narb­te Wun­de. Von 1830 bis 1962 stand auch Al­ge­ri­en un­ter fran­zö­si­scher Herr­schaft. In den so­ge­nann­ten ban­lieues, den Vor­städ­ten, le­ben vie­le al­ge­ri­sche Mi­gran­ten. Vor den Prä­si­den­ten­wah­len im Früh­jahr flamm­ten aber­mals hef­ti­ge De­bat­ten auf. Für die ei­nen, Kon­ser­va­ti­ve vor­nehm­lich, hat die Gran­de Na­ti­on da­mals die Zi­vi­li­sa­ti­on in den rück­stän­di­gen Nor­den Afri­kas ge­bracht. Der so­zi­al­li­be­ra­le Em­ma­nu­el Ma­cron hin­ge­gen, seit 14. Mai fran­zö­si­scher Prä­si­dent, be­zeich­ne­te Ko­lo­ni­sa­ti­on und Al­ge­ri­en­krieg als „Ver­bre­chen ge­gen die Men­sch­lich­keit“.

Für zu­sätz­li­chen Zünd­stoff hat­te zu­vor, im Jahr 2005, ein Ge­setz ge­sorgt, das Lehr­kräf­ten und Wis­sen­schaft­lern vor­schrei­ben woll­te, „die po­si­ti­ve Rol­le der fran­zö­si­schen Prä­senz in Über­see und be­son­ders in Nord­afri­ka“zu be­to­nen. Das ist wie­der auf­ge­ho­ben wor­den. Doch Maïs­sa Bey sah die Zeit ge­kom­men, in Er­in­ne­rung zu ru­fen, was tat­säch­lich in Nord­afri­ka ge­schah – mit ei­nem Ro­man.

Zwei Jah­re re­cher­chier­te die fran­zö­sisch schrei­ben­de al­ge­ri­sche Au­to­rin, Jahr­gang 1950, ar­bei­te­te sich durch Zei­tungs­ar­ti­kel, Ta­ge­bü­cher und Brie­fe zeit­ge­nös­si­scher Au­to­ren. 2008 er­schien „Pierre Sang Pa­pier ou cend­re“, wo­für sie prompt den Grand Prix du ro­man fran­co­pho­ne SILA er­hielt. Jetzt hat Chris­ti­ne Bel­akhdar das Buch ins Deut­sche über­setzt, un­ter dem Ti­tel „Ma­dame Lafran­ce“. Zur Buch­pre­mie­re war sie ge­mein­sam mit der Au­to­rin, mo­de­riert von Tors­ten Kö­nig vom In­sti­tut für Ro­ma­nis­tik der TU, nach Dres­den in die Vil­la Au­gus­tin ge­kom­men.

Der Ro­man ist ein in­ter­es­san­tes Bei­spiel für die li­te­ra­ri­sche Ver­ar­bei­tung ei­nes his­to­ri­schen Ka­pi­tels, das heu­te ex­trem ge­gen­sätz­lich ideo­lo­gisch ge­deu­tet wird. Maïs­sa Bey stand da­mit vor ei­ner dop­pel­ten Auf­ga­be: Ih­re Darstel­lung muss­te glaub­haft sein. Des­halb griff sie auf Tat­sa­chen­be­rich­te zu­rück. Zum an­de­ren woll­te sie, dass uns Le­ser die­se Er­eig­nis­se be­we­gen. Da­her schil­dert sie die­se sehr de­tail­reich, far­big, bis­wei­len poe­tisch, in 25 Ka­pi­teln, die sie „Bil­der“ge­nannt hat. „Ich ha­be mich be­müht, so prä­zi­se wie ein Ma­ler zu sein“, sagt sie.

Wir sit­zen wie vor ei­ner Büh­ne. Auf der se­hen wir bei­spiels­wei­se 1840 ei­nen fran­zö­si­schen Of­fi­zier, der Al­ge­ri­er da­zu bringt, sich in ei­ner Höh­le zu ver­ste­cken, die ver­schließt, Feu­er da­vor ent­facht und den Rauch durch Öff­nun­gen hin­ein lei­tet. 740 Men­schen er­stick­ten. Oder sie lässt uns die Über­heb­lich­keit von Leh­rern ver­neh­men, die al­ge­ri­schen Schü­lern, die sie für geis­tig min­der­be­mit­telt hal­ten, ein pri­mi­ti­ves Fran­zö­sisch bei­brin­gen.

Als Leh­re­rin tritt dort Ma­dame Lafran­ce auf. Es han­delt sich um ei­ne al­le­go­ri­sche Fi­gur, wel­che die Ko­lo­ni­al­macht ver­kör­pert. Die­se Mut­ter der Frei­heit und der Küns­te, heißt es an ei­ner Stel­le, schrei­tet „selbst­si­cher auf ver­brann­ter Er­de, auf We­gen vol­ler Lei­chen“.

Er­zäh­len lässt Maïs­sa Bey all dies ein Kind. In sei­ner Nai­vi­tät be­schreibt es al­les ganz ob­jek­tiv. Auf die­se Wei­se löst die Au­to­rin ih­re Dop­pel­auf­ga­be: Die sach­li­che Schil­de­rung der Tat­sa­chen wühlt uns auf. Her­aus­ge­kom­men ist ein Werk, das we­der ganz Ro­man noch Ge­schichts­buch ist. Fak­ten und Fik­ti­on – Maïs­sa Bey ist be­reit, sich zwi­schen die­se zwei Stüh­le zu set­zen. Ihr Buch – ein li­te­ra­ri­sches Zwit­ter­we­sen? Sei’s drum. Ein Stück en­ga­gier­te Li­te­ra­tur, das un­ser historisches Wis­sen be­rei­chert, ist es al­le­mal.

Fo­to: Ver­lag

Maïs­sa Bey

Maïs­sa Bey: Ma­dame Lafran­ce. Su­jet Ver­lag. 190 S., 21,90 Eu­ro

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