Lis­ten­plät­ze, Über­hang­man­da­te und das deut­sche Wahl­recht

Im neu­en Bun­rest­lg sit­zen 111 Ab­ge­orr­ne­te mehr lls vor­ge­se­hen – wie kommt rls?

Dresdner Neueste Nachrichten - - SACHSEN UND MITTELDEUTSCHLAND - VON JÜR­GEN KOCHINKE

DRES­DEN. Selbst po­li­tisch In­ter­es­sier­ten er­scheint die Sitz­ver­tei­lung im deut­schen Bun­des­tag als Buch mit sie­ben Sie­geln. Das Gan­ze wirkt wie ein Zah­len-dschun­gel aus ge­wähl­ten Man­dats­trä­gern und rech­ne­ri­schen Grö­ßen, hin­ter de­nen un­durch­schau­ba­re Al­go­rith­men lau­ern. Auch un­ser Le­ser Klaus Spa­nier aus Leip­zig wünscht sich in­halt­li­che Auf­klä­rung zu Be­grif­fen wie Di­rekt­man­da­te, Über­hang­man­da­te und Aus­gleichs­man­da­te. Mit Blick auf Sach­sen ver­su­chen wir ein we­nig Licht ins Dunkel zu brin­gen.

Sach­sens Wäh­ler schi­cken Ver­tre­ter von sechs Par­tei­en nach Ber­lin

Auf den ers­ten Blick wirkt al­les noch weit­ge­hend über­schau­bar. Nach dem Vo­tum der Wäh­ler bei der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber sind es ins­ge­samt sechs Par­tei­en aus Sach­sen, die ih­re Ver­tre­ter nach Ber­lin schi­cken kön­nen. Ne­ben CDU, SPD, Lin­ken und Grü­nen, die schon zu­vor im Bun­des­par­la­ment ver­tre­ten wa­ren, trifft dies auf die bei­den New­co­mer zu, AFD und FDP. Am En­de wer­den so­mit 38 Ab­ge­ord­ne­te aus dem Frei­staat Platz neh­men – ne­ben reich­lich vie­len Ver­tre­tern aus an­de­ren Bun­des­län­dern. Schließ­lich liegt die Ge­samt­zahl im Bun­des­tag der­zeit bei sat­ten 709.

Ge­nau von da ab aber be­ginnt es kom­pli­ziert zu wer­den. Denn im „Nor­mal­fall“müss­te der Bun­des­tag viel klei­ner sein: 598 Ab­ge­ord­ne­te sind es auf dem Pa­pier ins­ge­samt, 299 als so­ge­nann­te Di­rekt- man­da­te über die Erst­stim­me der Wäh­ler, 299 wei­te­re, die per Zweit­stim­me über die Lan­des­lis­ten ih­rer je­wei­li­gen Par­tei ein­zie­hen. Da­mit sit­zen ak­tu­ell 111 Ab­ge­ord­ne­te mehr im Par­la­ment, als ei­gent­lich vor­ge­se­hen. Grund da­für ist das deut­sche Wahl­recht, das ein Zu­sam­men­spiel von Erst- und Zweit­stim­men vor­sieht.

Da­bei gilt die Zweit­stim­me all­ge­mein als die wich­ti­ge­re, da sie die je­wei­li­gen Par­tei­stär­ken be­stimmt. Da aber al­le per Erst­stim­me di­rekt ge­wähl­ten Volks­ver­tre­ter per se in den Bun­des­tag ein­zie­hen, kommt es im­mer wie­der vor, dass mehr Ab­ge­ord­ne­te ei­ner Par­tei in ih­ren je­wei­li­gen Wahl­krei­sen als Sie­ger her­vor­ge­hen, als der Par­tei ins­ge­samt zu­ste­hen. Fol­ge da­von ist ei­ne po­li­ti­sche Un­wucht, die nicht im Sin­ne des Er­fin­ders ist. Denn ein Mehr an Di­rekt­man­da­ten ver­zerrt die Sitz­ver­tei­lung, der Bun­des­tag ge­rät in ei­ne Schief­la­ge. Um das wie­der aus­zu­bü­geln, kom­men die so­ge­nann­ten Aus­gleichs­man­da­te ins Spiel, und die wer­den nach ei­nem kom­pli­zier­ten Schlüs­sel an an­de­re Par­tei­en ver­teilt.

Aus­gleichs­man­da­te kom­men der AFD und der Lin­ken zu­gu­te

All das lässt sich auch in Sach­sen be­ob­ach­ten, am Bei­spiel der Christ­de­mo­kra­ten. Ak­tu­ell ha­ben zwölf Cdu­ler im Frei­staat ih­ren Wahl­kreis per Erst­stim­me di­rekt ge­holt und zie­hen da­mit in den Bun­des­tag ein. Gleich­zei­tig aber war das Cdu-zweit­stim­men-er­geb­nis äu­ßerst ge­ring, lag bei ge­ra­de mal 26,9 Pro­zent. Laut Bun­des­wahl­lei­ter stän­den der Uni­on in Sach­sen da­mit le­dig­lich neun Sit­ze zu, we­gen der Di­rekt­man­da­te sind es aber fak­tisch elf – drei mehr als auf dem Pa­pier. Und ge­nau die­se drei wer­den all­ge­mein als Über­hang­man­da­te be­zeich­net.

Fol­ge da­von ist, dass ak­tu­ell per ma­the­ma­tisch aus­ge­klü­gel­tem Ver­fah­ren im Frei­staat drei wei­te­re Man­da­te zu­guns­ten an­de­rer Par­tei­en „ins Sys­tem ein­ge­speist“wer­den. Da­bei kom­men die­se so­ge­nann­ten Aus­gleichs­man­da­te der AFD in zwei Fäl­len zu Gu­te und der Lin­ken ein Mal. Mit po­si­ti­ven Fol­gen für die kon­kre­ten Kan­di­da­ten: So kann sich zum Bei­spiel bei der Lin­ken Sa­bi­ne Zim­mer­mann über ih­ren Wie­der­ein­zug ins Bun­des­par­la­ment letzt­lich bei der Sach­sen-cdu be­dan­ken. Denn erst die Tat­sa­che, dass die Uni­on mehr Ab­ge­ord­ne­te stellt, als ihr ei­gent­lich zu­ste­hen, be­schert der Lin­ken ei­nen wei­te­ren Sitz – wo­durch Zim­mer­manns Lis­ten­platz 5 zieht, ob­wohl es ei­gent­lich nur vier hät­ten sein dür­fen.

Ganz ähn­lich ver­hält es sich im Fall der AFD. Hier sind Klaus Lars Herrmann so­wie Chris­toph Ne­u­mann (Lis­ten­platz 10 und 11) die bei­den Nutz­nie­ßer. Sie zie­hen über die Afd-lan­des­lis­te ein, ob­wohl hin­ter Verena Hart­mann auf Platz 9 hät­te Schluss sein müs­sen. Doch dass selbst ein sol­cher, für Nor­mal­men­schen kaum nach­voll­zieh­ba­rer Al­go­rith­mus nicht je­de Un­wucht im Ein­zel­fall kom­pen­siert, lässt sich eben­falls in Sach­sen be­ob­ach­ten – im Ver­hält­nis von CDU und AFD. Denn per Zweit­stim­men-er­geb­nis lie­gen die Rechts­po­pu­lis­ten mit 27 Pro­zent gar 0,1 Punk­te vor der Uni­on. Fak­tisch aber stellt die CDU zwölf Ab­ge­ord­ne­te, die AFD aber bloß elf. Da­ge­gen wirkt die Sach­la­ge im Fall der an­de­ren Par­tei­en fast wie ein Kin­der­spiel: SPD, Grü­ne und FDP schi­cken je­weils ex­akt so vie­le Ab­ge­ord­ne­te nach Ber­lin, wie ih­nen per Zweit­stim­men zu­ste­hen – oh­ne Ver­zer­rung oder Kom­pen­sa­ti­on, oh­ne je­de ma­the­ma­ti­sche Ver­ren­kung.

Noch mehr zu­sätz­li­che Man­da­te in an­de­ren Bun­des­län­dern

Da­bei ist die Sitz­ver­tei­lung der Sach­sen im Bun­des­ver­gleich so­gar re­la­tiv über­schau­bar. Wie ver­trackt das Pro­ze­de­re im Ex­trem­fall sein kann, ver­deut­licht ein Blick über den Tel­ler­rand, nach Ba­den-würt­tem­berg zum Bei­spiel. Wäh­rend im Frei­staat mit ins­ge­samt sechs noch ei­ne ver­gleichs­wei­se ge­rin­ge An­zahl von zu­sätz­li­chen Man­da­ten an­fällt, sind es dort ins­ge­samt 20, elf Über­hang- so­wie neun Aus­gleichs­man­da­te. Noch ekla­tan­ter aber ist es in Nord­rhein-west­fa­len. Dort fällt nicht ein ein­zi­ges Über­hang­man­dat an, und den­noch sind sa­gen­haf­te 14 Aus­gleichs­man­da­te zu ver­tei­len – ei­ne er­klä­rungs­be­dürf­ti­ge Tat­sa­che. Des Rät­sels Lö­sung lau­tet: Ne­ben Erst- und Zweit­stim­men fließt in die Ge­samt­rech­nung auch die je­wei­li­ge Lan­des­grö­ße mit ein. Und nicht nur das, auch die Stär­ke der Par­tei­en im je­wei­li­gen Land wird mit ein­ge­preist – was das Gan­ze end­gül­tig ver­kom­pli­ziert.

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