Be­we­gung im Kopf

Ma­le­rei und Gra­fik von Frank K. Rich­ter-hoff­mann im Schloss Rein­hardt­s­grim­ma

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON JÖRDIS LADEMANN

Der Dresd­ner Künst­ler Frank K. Rich­terHoff­mann ver­steht sich als En­kel­schü­ler von Jo­seph Beuys und lebt dies als per­for­ming-tou­ring-vi­su­al ar­tist künst­le­risch aus. Nach Stu­di­en von Kunst­ge­schich­te, Mu­sik­wis­sen­schaft und Thea­ter­wis­sen­schaft an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin von 2000 bis 2003 ging er durch die Schu­len zwei­er Leh­rer, die un­mit­tel­bar noch mit Jo­seph Beuys zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat­ten: Prof. Pa­co Kn­öl­ler, Hoch­schu­le für Küns­te Bre­men (2003–2006) und Prof. Ul­ri­ke Gross­arth (2006-2009), HFBK Dres­den, Fach Über­grei­fen­des künst­le­ri­sches Ar­bei­ten/ Mi­xed Me­dia.

2008 grün­de­te er sein ei­ge­nes In­sti­tut für Ele­men­ta­re Zei­chen­sys­te­me. Nutzt ge­le­gent­lich Fo­to­gra­fie und Per­for­mance zu kon­sta­tie­ren­der oder be­le­ben­der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem öf­fent­li­chen Raum als Ort zei­chen­haf­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on. Im Schloss Rein­hardt­s­grim­ma stellt er sich ma­le­risch-gra­fisch vor, wo­bei ihm für die Mo­ti­ve der Blät­ter sein Kopf als Denk­ort und Pro­jek­tor in­ne­rer Ge­stimmt­heit auf in­ne­re Bil­der ge­nügt. Al­le Ein­drü­cke – op­ti­sche, mu­si­ka­li­sche, emo­tio­na­le – ver­schmilzt er auf dem Pa­pier zu far­bi­gen Klän­gen und For­men. Er sor­tiert nicht vor. Er baut kein Mo­dell. In­so­fern ist er, stär­ker noch als an­de­re Künst­ler, auf sich selbst be­zo­gen. Aber in­dem er sein in­di­vi­du­el­les äs­t­he­ti­sches Ge­fühls­er­leb­nis vi­sua­li­siert, macht er es, oh­ne es ding­lich zu be­nen­nen – wie Mu­si­ker –, An­de­ren zu­gäng­lich. Zur Aus­stel­lungs­er­öff­nung be­stä­tig­te der Pia­nist Flo­ri­an Schu­mann am Flü­gel ein­fühl­sam und tem­pe­ra­ment­voll im­pro­vi­sie­rend die­se Ana­lo­gie.

Ein hei­te­rer, kon­zen­trier­ter Ge­samt­ein­druck teilt sich in Rich­ter-hoff­manns Bild­welt mit. Nicht ge­ra­de ein him­mel- hoch Auf­jauch­zen! Aber das si­che­re Emp­fin­den, dass bei al­len auf uns ein­stür­men­den, uns um­wo­gen­den und sich über­la­gern­den Er­eig­nis­sen das auf­stei­gen­de Prin­zip, das Durch­lich­te­te, im­mer wie­der ver­stärkt an die Ober­flä­che ge­spült wird. Da gibt es kei­ne har­ten Kan­ten, kei­ne spit­zen oder rech­ten Win­kel, ei­gent­lich gar nichts von kon­kre­ten geo­me­tri­schen For­men. Durch die stän­di­ge Be­we­gung im Kopf wur­den sie ab­ge­schlif­fen.

Na­tür­lich aber gibt es In­ter­ven­tio­nen in Form fast schwar­zer, sich all­mäh­lich li­ne­ar ver­jün­gen­der Bo­gen­schwün­ge oder oran­ge­far­bi­ger, klein­tei­li­ge­rer zeich­ne­ri­scher Ge­bil­de oder das Aus­blu­ten ein­zel­ner der do­mi­nie­ren­den, amö­ben­ar­tig pul­sie­ren­den un­re­gel­mä­ßi­gen For­men, aus de­nen wäss­rig ge­lös­te Farb­spu­ren rin­nen. Schmerz­haf­te Er­fah­run­gen, Be­dro­hun­gen und in sich ab­ge­schlos­se­ne Epi­so­den sind al­so durch­aus in die Bild­schich­tun­gen ein­ge­fügt, ge­win­nen aber nie die Ober­hand. Das tun die hel­ler leuch­ten­den, sorg­fäl­tig mit viel Weiß an­ge­misch­ten Acryl­far­ben und Zei­chen­tu­schen in den letzt­lich doch im­mer wie­der nach oben ge­wir­bel­ten, fast schwe­re­lo­sen or­ga­nisch-rund­li­chen Ele­men­tar­zei­chen, die Rich­ter-hoff­mann mit grund­le­gen­den Zell­struk­tu­ren oder Ato­men in Bio­lo­gie und Phy­sik ver­gleicht. Noch nach Ta­gen, Mo­na­ten oder Jah­ren kann ei­ne er­neu­te Be­trach­tungs­ebe­ne den vor­he­ri­gen Sta­tus quo er­gän­zend über­la­gern.

Bei den Holz­schnit­ten im Foy­er des Fest­saals al­ler­dings, aus der Se­rie „Das Schwei­gen der Klar­heit“von 2015, über­trägt er den zeit­li­chen Rei­fe­pro­zess auf die un­ter­schied­li­che Kom­bi­na­ti­on von fünf ver­schie­den aus­ge­ar­bei­te­ten und je­weils an­ders ge­färb­ten Farb­holz­druck­stö­cken, so dass ins­ge­samt 101 uni­ka­te Dru­cke in den un­ter­schied­lichs­ten Farb­tem­pe­ra­tu­ren ent­stan­den sind. Au­ßer den acht aus­ge­stell­ten ze­le­brier­te Rich­terHoff­mann, be­glei­tet von ei­ner er­neu­ten mu­si­ka­li­schen In­ter­ak­ti­on durch Schu­mann, die Vor­füh­rung wei­te­rer Ori­gi­nal­blät­ter per Hand, wo­bei dar­in man­che Ele­men­te in­tui­tiv wie­der­er­kannt wer­den konn­ten, an­de­re hin­ge­gen in ei­nem fas­zi­nie­ren­den Spiel im­mer neu­er Farb- und For­men­kon­stel­la­tio­nen zeig­ten, wie sich Be­kann­tes ver­frem­den und die ge­wohn­te Klar­heit ins Wan­ken brin­gen kann.

Frank K. Rich­ter-hoff­mann en­ga­giert sich auch als Leh­rer für Bild­ne­ri­sches Gestal­ten, bei­spiels­wei­se als Kurs­lei­ter der Som­mer­aka­de­mie des Rie­sa e.v., wo­bei in die­sem Jahr sein Mot­to lau­te­te: Ma­len aus der Stil­le – Ins träu­me­ri­sche Zeich­nen ge­lan­gen durch Ge­las­sen­heit.

bis 3. No­vem­ber,

Schloss Rein­hardt­s­grim­ma, Schloss­gas­se 2, Te­le­fon: 035053 / 407-0 ge­öff­net Mo–do 7.30–16 Uhr,

Fr 7.30–14 Uhr

14. Ok­to­ber, 16 Uhr: Künst­ler­ge­spräch mit Frank K. Rich­ter-hoff­mann

Fo­to: Frank K. Rich­ter-hoff­mann /VG Bild-kunst, Bonn 2017

Frank K. Rich­ter-hoff­mann: aus der Se­rie „Das Schwei­gen d Klar­heit-bild“, 2015, Farb­holzschn (Uni­kat).

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