Zehn Rie­sen für bes­se­res Kli­ma

Zwei Dresd­ner Mäd­chen ho­len mit pro­mi­nen­ter Un­ter­stüt­zung ei­ne sat­te Zdf-spen­de fürs Pro­jekt­thea­ter

Dresdner Neueste Nachrichten - - BÜHNE DRESDEN - VON ANDRE­AS HERRMANN

Zehn Zdf-rie­sen sind ein Se­gen für ein klei­nes Thea­ter wie das Dresd­ner Pro­jekt­thea­ter. Es hät­ten auch zwan­zig oder fünf wer­den kön­nen – wer die 1000. Sen­dung von „1, 2 oder 3 – die gro­ße Ju­bi­lä­ums­show“ge­se­hen hat, weiß, wie schnell und un­ge­recht zum Schluss die Koh­le ver­teilt wird. Da­bei rei­chen die letz­ten acht von ins­ge­samt 149 Mi­nu­ten – heu­te dank wir­rer bun­des­deut­scher Netz­ge­setz­ge­bung als Vi­deo auf ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Röh­ren­platt­form aus­ge­la­gert und da­her lei­der nicht oh­ne per­ma­nen­te Wer­be­be­läs­ti­gung zu ge­nie­ßen. Selbst die ein­ge­bet­te­ten Tv­su­per­hel­den wie He­le­ne Fi­scher und Gün­ther Jauch hel­fen da nicht wei­ter.

Na­tür­li­cher­wei­se sind die be­tei­lig­ten Ak­teu­re – samt ge­cas­te­ter Kids, die sich zu­vor als „Ka­mera­kind“mit ei­nem Film­chen bei ZDF ti­vi be­wer­ben – und auch die aus­er­wähl­ten Glücks­ob­jek­te al­le­samt sym­pa­thisch: So ran­gen zur Ju­bi­lä­ums­aus­ga­be am 22. Ju­li, an ei­nem Fe­ri­en­sams­tag zur so­ge­nann­ten Prime­time, al­so ab 20.15 Uhr, der Mu­si­ker Mark Forster mit zwei Ham­bur­ger Mäd­chen in Blau ge­gen Ko­mi­ker Bü­lent Cey­lan mit zwei Mann­hei­mer Jungs in Rot ge­gen ein gel­bes Trio aus Dres­den.

Die­ses trägt die Schuld an der un­er­war­te­ten Spen­de, die Pro­jekt­thea­ter­lei­ter Ju­li­us Sko­w­ro­nek auch im 28. Jahr des Be­ste­hens gut ge­brau­chen kann: das „Team Film“, das als ein­zi­ges rein weib­lich be­setzt war und mit ei­nem fu­rio­sen Schluss­spurt noch das blaue Team Mu­sik über­hol­te, hat­te nur ge­gen die ro­ten Come­dy-teu­fel aus Mann­heim kei­ne Chan­ce. Die neu­en Hel­din­nen, die dank ih­res Ein­sat­zes schon vier Wo­chen nach der Sen­dung ganz un­prä­ten­ti­ös 10 000 Eu­ro auf das Thea­ter­kon­to spül­ten, sind Ka­pi­tä­nin Ste­pha­nie Stumph so­wie die bei­den ech­ten Neu­städ­ter Girls na­mens Mat­hil­da und Ja­ra.

An die­se bei­den wur­de die Teil­nah­mei­dee einst her­an­ge­tra­gen – rasch dreh­ten sie ei­nen klei­nen Han­dy­film auf dem Alaun­platz und wur­den aus­er­wählt für den Dreh in Köln. Dort wirk­ten sie ga­ran­tiert ähn­lich wie beim Vor­stel­lungs­film in der Sen­dung: frech, schlau, be­weg­lich und oh­ne je­de Ka­me­ra­scheu. Die bei­den „bes­ten Freun­din­nen“spie­len gern Thea­ter, kön­nen gut Hand­stand und tau­gen bes­tens als taf­fe Bot­schaf­te­rin­nen der Lan­des­haupt­stadt für die Sen­dung.

Be­reits vor­her muss­ten sie ei­nen ge­eig­ne­ten Spen­den­emp­fän­ger wäh­len – was ih­nen ob der Nä­he zur ei­ge­nen Woh­nung gar nicht schwer fiel. In der Sen­dung er­klärt das Mat­hil­da nach rund 100 Sen­de­mi­nu­ten re­la­tiv prä­gnant: Die „Kul­tur­oa­se“bie­te Thea­ter von und mit Schul- klas­sen und auch für kran­ke Kin­der. Knapp 50 Mi­nu­ten spä­ter steht dann im bun­ten Kon­fet­ti­re­gen fest: Zwei­ter Platz für Dres­den – und Sko­w­ro­nek kann ei­ne Fi­nan­zie­rungs­lü­cke für die neue Kli­ma­an­la­ge, die beim Um­bau im Som­mer ins Thea­ter kam, schlie­ßen.

Hei­le Welt und span­nen­des Fi­na­le

Nun ge­hört die Sen­dung – zu­min­dest in der ex­or­bi­tan­ten Ju­bi­lä­ums­aus­ga­be – durch­aus in je­ne Ka­te­go­rie der zahl­rei­chen öf­fent­lich-recht­li­chen Gu­te-lau­nehei­le-welt-sen­dun­gen, die die düs­ter­über­bor­den­den Mord­or­gi­en des sonst all­abend­li­chen Hei­mat­kri­mis stim­mungs­mä­ßig ein we­nig kom­pen­sie­ren müs­sen, in de­nen nur recht we­nig Bil­dungs­auf­trag zu er­ken­nen ist. Es sei denn, man will auf dem Mond oder in der Ark­tis mit zwei Staub­sau­gern auf dem Rü­cken und zwei Ge­schirr­spül­be­cken in der Hand ei­ne senk­rech­te Sechs-me­ter-wand hoch klet­tern. Es ist auch, jen­seits der alt­rö­mi­schen Be­dürf­nis­be­frie­di­gung mit­tels Brot und Spie­le, nicht so leicht, ei­nen Sinn zu er­ken­nen, der da­ge­gen sprä­che, die spä­ter als Wohl­tat ge­spen­de­ten 35 000 Eu­ro nicht gleich be­dürf­ti­gen Or­ga­ni­sa­tio­nen zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Un­vor­stell­bar wun­der­bar wä­re es gar, hät­ten sol­che Brenn­punk­t­in­sti­tu­tio­nen wie das Pro­jekt­thea­ter, ge­le­gen zwi­schen meh­re­ren stadt­teil­wich­ti­gen Schu­len, je­ne für Stars ver­pul­ver­ten Pro­duk­ti­ons­kos­ten al­ler öf­fent­lich-recht­li­chen Shows (laut Ei­gen­an­ga­ben al­lein bei der ARD 0,72 Cent pro Haus­halt im Mo­nat) gleich di­rekt zur Ver­fü­gung. Doch noch wun­dert man sich in Mainz und Köln lie­ber über frü­he Pi­sa- und spä­te­re Wah­l­er­geb­nis­se und deu­tet da­für mit dem Zei­ge- oder Mit­tel­fin­ger gen War­schau, Bu­da­pest, Bar­ce­lo­na – und die Land­schaft ab und hin­ter Dres­den.

We­nigs­tens das Sen­dungs­fi­na­le ge­riet span­nend: Die zu­vor er­hüpf­ten und er­ra­te­nen Punk­te wur­den um­ge­setzt in Farb­ei­er, die die bei­den Kids je­weils auf ein­ge­pack­te Er­wach­se­ne wer­fen durf­ten: 17 ro­te Tref­fer über­wan­den Mu­si­ker Mark und brach­ten den Mann­hei­mer Come­dy­sieg, 13 gel­be Tref­fer ne­ben dem sport­li­chen Spaß­ma­cher Bü­lent brach­ten den zwei­ten Platz fürs Dresd­ner Film­team, und nur zehn blaue Tref­fer, die Film­star Ste­pha­nie in wirk­li­cher Tor­wart­top­form zu­ließ, die bron­ze­ne La­ter­ne fürs Ham­bur­ger Mu­sik­trio. Zu­vor gab es in ewi­gen zwei­ein­halb St­un­den, da­von rund ein Sieb­tel Ge­klat­sche und Ge­joh­le, ne­ben den Spiel­chen ra­san­te Ka­me­ra­fahr­ten und mehr­fach je­den te­le­ge­nen Zu­schau­er im Bild – al­so rei­nes Boulevard-tv.

Ge­schenkt, denn da­für gibt es nun bes­se­res Kli­ma für Pro­jek­te im Thea­ter, auch für die nächs­ten Hö­he­punk­te der Er­wach­se­nen, die als Er­zie­her und Bild­ner via Kunst­gunst an ih­re Ver­ant­wor­tung er­in­nert wer­den. So am heu­ti­gen Frei­tag die Dres­den-pre­mie­re des En­sem­bles La Vie, das samt Chef Re­né Ro­the nun in Mün­chen be­hei­ma­tet ist. Sie brin­gen mit „Sie nann­ten mich ‚Es‘“Da­ve Pel­zers Ge­schich­te „über den Mut ei­nes Kin­des zu über­le­ben“(so der Un­ter­ti­tel) auf die Büh­ne (Frei­tag & Sams­tag, je 20 Uhr).

Be­reits am Di­ens­tag (17. Ok­to­ber, 20 Uhr) bie­tet das Mu­sik­thea­ter Spring­ins­feld mit­tels „Hau ab, Du Angst!“, the­ma­tisch durch­aus in Er­gän­zung da­zu, ein Stück über se­xu­el­len Miss­brauch, be­vor Utz Pan­ni­ke per un­ver­wüst­li­chem und im­mer wie­der re­le­vant-pa­ni­schem Not­thea­ter am kom­men­den Wo­che­n­en­de mit „Li und die ro­ten Berg­stei­ger“ein Fa­mi­li­en­stück nach dem Ju­gend­buch des Dresd­ners Max Zim­me­ring über den an­ti­fa­schis­ti­schen Wi­der­stands­kampf der säch­si­schen Berg­stei­ger vor­stellt (20.10., 20 Uhr; 21.10., 18 Uhr).

➦ www.pro­jekt­thea­ter.de

➦ Vi­deo der 1000. Sen­dung: https://you­tu.be/ m29-znekkkc;

Fo­to: An­ja Schnei­der

Mat­hil­da und Ja­ra ha­ben mit Ste­pha­nie Stumph 10 000 Eu­ro für das Pro­jekt­thea­ter in der Dresd­ner Neu­stadt er­kämpft.

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