Tri­ath­let Jan Fro­de­no will beim Iron Man aof Ha­waii sie­gen

Es ist ei­nes der här­tes­ten Ren­nen der Welt: Und doch zieht der Iron­man auf Ha­waii je­des Jahr Tau­sen­de Sport­ler in sei­nen Bann. Ei­ne An­nä­he­rung an ei­nen My­thos.

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - VON FRANK HELL­MANN

KAI­LUA-KO­NA. In al­ler Herr­gotts­frü­he er­tönt am klei­nen Dig Me Beach in der Bucht von Kai­luaKo­na am Sonn­abend end­lich je­nes lau­te Si­gnal, auf das rund 2000 Tri­ath­lon-en­thu­si­as­ten das gan­ze Jahr hin­ge­ar­bei­tet ha­ben. Für das sie kei­ne Kos­ten und Mü­hen ge­scheut ha­ben, um sich die­ser my­then­be­haf­te­ten Her­aus­for­de­rung zu stel­len. Mit ei­nem don­nern­den Ka­no­nen­schuss zwi­schen dem Pier des 12 000-Ein­woh­ner-städt­chens und dem eins­ti­gen Kö­nigs­pa­last von Ha­waii wird der le­gen­dä­re Iron­man ge­star­tet.

Es ist ei­nes der här­tes­ten Ren­nen der Welt: 3,86 Ki­lo­me­ter Schwim­men durch die un­gnä­di­gen Wel­len des auf­ge­wühl­ten Pa­zi­fiks, 180 Ki­lo­me­ter Rad­fah­ren durch die flir­ren­de La­va­wüs­te mit den tü­cki­schen Mu­mu­ku-win­den und 42,195 Ki­lo­me­ter Lau­fen über den glü­hen­den As­phalt. Rund 200 Ärzte sind in Kai­lua-ko­na vor Ort. Vor al­lem die Hit­ze macht den Ath­le­ten zu schaf­fen, die wäh­rend des Ren­nens rund vier Pro­zent ih­res Kör­per­ge­wichts und bis zu 11 500 Ka­lo­ri­en ver­brau­chen.

„Am An­fang ist der Kopf noch frisch“, hat Se­bas­ti­an Ki­en­le, der Sie­ger von 2014, den spek­ta­ku­lä­ren Drei­kampf mal be­schrie­ben. Aber spä­tes­tens auf dem Rad, „wenn es sehr lan­ge ge­ra­de­aus geht, und es ab­seits da­von nicht viel an­zu­schau­en gibt als nur die La­va­wüs­te, be­ginnt das Nach­den­ken“. Ki­en­le spricht von „men­ta­ler Er­mü­dung. Man denkt: Wie lan­ge ist denn noch?“Ge­ra­de beim Lau­fen. Da kom­me ir­gend­wann die Pha­se, in der man gar nichts mehr den­ken dür­fe, weil der Kör­per so über­las­tet sei. „Nur Schritt für Schritt, Ki­lo­me­ter für Ki­lo­me­ter, Ver­pfle­gungs­sta­ti­on zu Ver­pfle­gungs­sta­ti­on.“

Aber wer sich ein­mal auf die Langstre­cke wagt, will sich die­ser ul­ti­ma­ti­ven Her­aus­for­de­rung stel­len, die Ti­tel­ver­tei­di­ger Jan Fro­de­no als „das Wim­ble­don un­se­res Sports“be­schreibt. Als Olym­pia­sie­ger auf der Kurz­dis­tanz 2008 rümpf­te der 36-Jäh­ri­ge noch die Na­se. Ein Iron­man sei ihm nicht dy­na­misch ge­nug und nur et­was für ge­schei­ter­te Kurz­streck­ler. Was für ein Trug­schluss! Der in Köln ge­bo­re­ne Kos­mo­po­lit än­der­te sei­ne Mei­nung, als er auf Ha­waii zum ers­ten Mal selbst die be­son­de­re At­mo­sphä­re ein­saug­te.

Heu­te ist die An­zie­hungs­kraft stark wie nie. Da­bei fing al­les vor knapp drei Jahr­zehn­ten eher lau­nig an. Mit ei­ner Wet­te zwi­schen drei Ma­ri­ne-of­fi­zie­ren: In ei­ner Ma­tro­senknei­pe in Pe­arl Har­bor strit­ten die Her­ren, ob denn noch der Wai­ki­ki Rough Wa­ter Swim, das Rad­ren­nen rund um die In­sel Oa­hu oder der Ho­no­lu­lu Ma­ra­thon här­ter sei­en. Am bes­ten, man macht al­le drei hin­ter­ein­an­der – das war die zün­den­de Idee, der heu­te Heer­scha­ren von Aben­teu­rern des Aus­dau­er­sports nach­ei­fern. Iron­man-le­gen­de Mark Al­len hat ein­mal über den My­thos Ha­waii ge­sagt; „Es ist ei­ne Pa­ra­de von Tau­sen­den, die in der Form ih­res Le­bens sind.“

Bei der ers­ten Auf­la­ge am 18. Fe­bru­ar 1978 be­nö­tig­te der Us-ame­ri­ka­ner Gor­don Hal­ler elf St­un­den, 46 Mi­nu­ten und 56 Se­kun­den. Heu­te wür­den sich nicht mal mehr die meis­ten Al­ters­ath­le­ten da­mit qua­li­fi­zie­ren.

Wer bis nach Ko­na kom­men will, muss Be­ruf und Fa­mi­lie fast be­din­gungs­los dem Hob­by un­ter­ord­nen, das mit pro­fes­sio­nel­ler, ja ma­ni­scher Hin­ga­be be­trie­ben wird. Es ist ein Ab­glei­ten in ei­ne Par­al­lel­welt des Ex­trem­sports. Sich von mor­gens bis abends, Tag für Tag dar­auf ein­las­sen. Nir­gend­wo wird deut­li­cher als auf Big Is­land, wor­um es bei ei­nem Iron­man geht: der De­mons­tra­ti­on an sich selbst, der Na­tur­ge­walt zu trot­zen. Al­lein der enor­me Trai­nings­auf­wand eint die­se Ge­mein­de, die nur all­zu ger­ne ih­re Kör­per (oder auch ihr Ma­te­ri­al) zur Schau stellt. Al­lein die Renn­ma­schi­nen der meis­ten Ei­sen­män­ner und -frau­en kos­ten ein klei­nes Ver­mö­gen.

Der Tri­ath­lon ist zu ei­ner Be­we­gung ge­wor­den, die ein Mil­li­ar­den­ge­schäft in Gang bringt. Rund 2,5 Mil­lio­nen sol­len es welt­weit sein, die fast 3 Mil­li­ar­den Eu­ro in den Markt pum­pen. Für Be­klei­dung, Rei­sen, Trai­nings­la­ger, Fahr­rä­der – und nicht zu­letzt auch die hor­ren­den Teil­neh­mer­ge­büh­ren. Der längst wie­der aus­ver­kauf­te Iron­man Frank­furt 2018 kos­tet 640 Eu­ro Ge­bühr plus acht Pro­zent Be­ar­bei­tungs­ge­bühr. Auch die Erst­auf­la­ge des Iron­man Ham­burg in die­sem Jahr war aus­ge­bucht.

Als Jan Fro­de­no ver­gan­ge­nes Jahr nach 8:06:30 St­un­den fast apa­thisch ins Ziel lief, sprach er hin­ter­her von ei­ner Par­al­lel­welt, in der er sich be­fun­den ha­be: „Ich ha­be noch nie so ge­lit­ten, das ist die ab­so­lu­te Höl­le.“Aber, sag­te er kürz­lich: „Es ist das, was ich am liebs­ten ma­che.“

Es ist ei­ne Pa­ra­de von Tau­sen­den, die in der Form ih­res Le­bens sind. Mark Al­len, Iron­man-le­gen­de

Fo­tos: ima­go (3), dpa (2)

„Nur Schritt für Schritt, Ki­lo­me­ter für Ki­lo­me­ter, Ver­pfle­gungs­sta­ti­on zu Ver­pfle­gungs­sta­ti­on“: Nach 3,8 Ki­lo­me­tern Schwim­men, 180 Ki­lo­me­tern Rad­fah­ren und 42 Ki­lo­me­tern Lau­fen en­det die Qu­al. Vor zwei Jah­ren ge­wann mit Se­bas­ti­an Ki­en­le (r.) wie­der ein Deut­scher, 2015 und 2016 sieg­te Jan Fro­de­no (Bild dar­über).

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