Psy­cho­lo­ge Maaz ana­ly­siert den ost­deot­schen Mann

Psy­cho0n0­ly­ti­ker H0ns-jo0chim M00z zur Kri­tik 0m ost­deut­schen M0nn und des­sen W0hl­ver­h0l­ten

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - In­ter­view: And­re0s Dunte

DRES­DEN. Seit der Bun­des­tags­wahl steht der Os­ten am Pran­ger, weil hier so vie­le Men­schen AFD ge­wählt ha­ben. Statt die Wäh­ler zu kri­ti­sie­ren, soll­te die Po­li­tik auf die Ängs­te in der Be­völ­ke­rung re­agie­ren, for­dert Dr. Hans-joa­chim Maaz, Psy­cho­ana­ly­ti­ker und Buch­au­tor („Der Ge­fühls­stau“). Wir spra­chen mit dem 74-Jäh­ri­gen.

Der ost­deut­sche Mann ist für vie­le das neue Feind­bild. Fast je­der Drit­te hat sein Kreuz­chen hin­ter der AFD ge­macht. Die Grün­de sind auch schnell aus­ge­macht: Der Ost­deut­sche gilt als fei­ge, un­ge­bil­det, frus­triert. Ist er das?

Ehr­lich ge­sagt, regt es mich auf, wenn auf die Ost­deut­schen so pla­ka­tiv los­ge­gan­gen wird. Stel­len wir doch die Ge­gen­fra­ge: War­um hat der west­deut­sche Mann so ge­wählt, wie er ge­wählt hat, sprich für die Fort­set­zung ei­ner Po­li­tik un­ter Frau Mer­kel, die für zahl­rei­che Feh­ler steht? Ich nen­ne nur Eu­roK­ri­se, Ener­gie­wen­de oder Grenz­öff­nung. In die­sen Punk­ten hat die Kanz­le­rin aus mei­ner Sicht plan­los und falsch ge­han­delt.

Vie­le se­hen in An­ge­la Mer­kel ei­ne star­ke ver­läss­li­che Kraft in schwie­ri­gen Zei­ten, Sie nicht?

Dass sie Ver­diens­te hat, steht au­ßer Fra­ge. Aber an­ge­sichts der auf­ge­zeig­ten Feh­ler hät­te sie gar nicht erst an­tre­ten, ge­schwei­ge denn wie­der ge­wählt wer­den dür­fen. Man könn­te jetzt west­deut­schen Wäh­lern vor­wer­fen, dass sie das ver­leug­nen und fei­ge sind. Macht aber kei­ner.

Aber es gab doch ge­nü­gend Al­ter­na­ti­ven zur AFD?

Vie­le ha­ben in den Po­si­tio­nen der Par­tei­en zu­letzt kei­ne Un­ter­schie­de ge­se­hen. Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch, ich ste­he der AFD durch­aus kri­tisch ge­gen­über, da ei­ni­ge Afd-mit­glie­der und -An­hän­ger ras­sis­ti­sche oder rechts­ex­tre­me Ge­dan­ken ver­brei­ten. Das se­he ich mit Sor­ge. Im Pro­gramm die­ser Par­tei – ich ha­be mir die Mü­he ge­macht, es durch­zu­le­sen – fin­den sich aber sol­che Pas­sa­gen nicht, viel­mehr geht es hier um den Pro­test an po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Fehl­ent­wick­lun­gen.

Der Os­ten hat al­so den Pro­test ge­wählt?

Ich kann nichts Ne­ga­ti­ves dar­an fin­den. Denn an­ders als in vie­len Kom­men­ta­ren der letz­ten Wo­chen be­haup­tet, han­delt der Ost­deut­sche mehr­heit­lich nicht un­über­legt, son­dern er ist kri­tisch ge­gen­über jed­we­der Re­gie­rung, er hin­ter­fragt vor­herr­schen­de Zu­stän­de und neigt we­ni­ger da­zu, po­li­ti­schen Par­tei­en auf ewig die Treue zu hal­ten. Er sagt klar, wo­mit er sich nicht ein­ver­stan­den er­klärt und han­delt ent­spre­chend. Sprich: An­ders als der West­deut­sche scheut er sich nicht da­vor, von ei­ner Wahl zur nächs­ten die Par­tei zu wech­seln. Ja, er pro­tes­tiert mit sei­nem Wahl­ver­hal­ten.

Wel­che Rol­le spielt ak­tu­ell die Flücht­lings­po­li­tik?

Ei­ne we­sent­li­che. Das weiß ich aus Be­geg­nun­gen wäh­rend mei­ner Ar­beit als The­ra­peut, auf der Stra­ße oder im Be­kann­ten­kreis. Man steht Neu­em und Frem­den grund­sätz­lich of­fen ge­gen­über, sieht aber zugleich, wo sich Schwie­rig­kei­ten auf­tun, et­wa wo sich Men­schen nicht in­te­grie­ren wol­len oder re­spekt­los ver­hal­ten. Auch hat man Sor­ge, dass ein un­kon­trol­lier­ter Zu­zug zu Is­la­mi­sie­rung und Über­frem­dung füh­ren könn­te. Das sind rea­le Ängs­te. Angst ist ei­ne Über­le­bens­stra­te­gie un­se­rer See­le. Statt die­se Ängs­te wahr­zu­neh­men, wird der als ras­sis­tisch und frem­den­feind­lich ab­ge­stem­pelt, der die Flücht­lings­po­li­tik kri­ti­siert und mit der Mas­sen­zu­wan­de­rung Pro­ble­me hat.

Was ent­geg­nen Sie de­nen, die jetzt sa­gen, dass da, wo die AFD den meis­ten Zu­lauf hat, ver­gleichs­wei­se we­ni­ge Aus­län­der le­ben?

Dass ih­re Lo­gik zu kurz greift. Denn wir spre­chen über Bun­des­po­li­tik. Wenn je­mand mit dem Aus­maß der Zu­wan­de­rung im Ruhr­ge­biet, in Bay­ern oder Ber­lin nicht ein­ver­stan­den ist, kann er das auch als Dresd­ner, Des­sau­er oder Ros­to­cker auf sei­nem Wahl­zet­tel be­kun­den. Ich hal­te den ost­deut­schen Wäh­ler in sei­ner Mehr­heit nicht für so dumm, dass ihn nur in­ter­es­siert, was ge­ra­de vor sei­ner Haus­tür pas­siert. Ihm aber ge­nau das vor­zu­wer­fen, zeigt, wie we­nig im Wes­ten die kri­ti­sche La­ge im Land wahr­ge­nom­men wird.

Wür­den Sie so weit ge­hen wie Bun­des­prä­si­dent Frank-wal­ter St­ein­mei­er, der in sei­ner Re­de zur Deut­schen Ein­heit ein­drück­lich vor ei­ner neu­en Mau­er aus Ent­täu­schung, Ent­frem­dung und Wut warnt?

St­ein­mei­er hat zum ers­ten Mal neue Tö­ne an­ge­schla­gen und ist da­mit auf ei­nem rich­ti­gen Weg. Es wä­re gut, wenn mehr Po­li­ti­ker ver­su­chen wür­den, auf Kri­tik ein­zu­ge­hen. Al­ler­dings hö­re ich auch beim Bun­des­prä­si­den­ten den Un­ter­ton her­aus: Jetzt müs­sen wir de­nen, die den Pro­test ge­wählt ha­ben, sa­gen, was rich­tig ist und was falsch. Sie auf­klä­ren und ins rich­ti­ge po­li­ti­sche La­ger ho­len. An­ders wird ein Schuh dar­aus: Die Po­li­tik soll­te ler­nen, rich­tig zu­zu­hö­ren, um ei­ge­ne Feh­ler zu er­ken­nen und zu kor­ri­gie­ren.

Hört man Ih­nen zu, dann ist es um die Ein­heit Deutsch­lands nicht zum Bes­ten be­stellt?

Wirt­schaft­lich hinkt der Os­ten dem Wes­ten hin­ter­her. Und dar­an wird sich so schnell nichts än­dern. Na­tür­lich regt das vor al­lem die auf, die we­nig ha­ben. Aber ich ken­ne vie­le im Os­ten, de­nen es durch die Wen­de rich­tig gut geht, und die den­noch nicht an­ge­kom­men sind in ei­nem Sys­tem, das auf Ge­winn­ma­xi­mie­rung aus­ge­rich­tet ist, in dem der schnel­ler vor­an­kommt, der die El­len­bo­gen aus­fährt. Die wol­len gar nicht, dass al­les so wird wie im Wes­ten.

Son­dern?

Mei­ne Er­kennt­nis ist: Wir sind ins­ge­samt in ei­ner schwe­ren Ge­sell­schafts­kri­se, deutsch­land­weit, eu­ro­pa­weit und auch welt­weit. Ei­gent­lich kann man sa­gen, so wie bis­her kön­nen wir nicht wei­ter­ma­chen. Wir ha­ben ei­ne Wachs­tums­gren­ze er­reicht. Die Sche­re zwi­schen Arm und Reich geht im­mer wei­ter aus­ein­an­der. Die Kri­sen und Krie­ge in der Welt wer­den noch mehr Men­schen als bis­her au­ßer Lan­des trei­ben. Da­mit müs­sen wir uns aus­ein­an­der­set­zen. Und der Ost­deut­sche scheint mir zu die­ser schmerz­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung eher be­reit zu sein als Men­schen im Wes­ten des Lan­des.

Weil der Ost­deut­sche schwe­re Zei­ten nach der Wen­de durch­lebt hat?

Das reicht wei­ter zu­rück. Der Wes­ten hat nach dem Krieg ei­ne an­de­re Ent­wick­lung ge­nom­men. Dort ging es mit we­ni­gen Ab­stri­chen im­mer vor­an. Man hat­te im­mer das Ge­fühl, in der rich­ti­gen Spur zu sein, erst recht, als die Mau­er fiel. Im Os­ten mit sei­ner Man­gel­wirt­schaft hat es ei­ne aus­ge­präg­te So­li­da­ri­tät un­ter den Men­schen ge­ge­ben, ei­ne völ­lig an­de­re Form des Zu­sam­men­halts. Au­ßer­dem hat man weit skep­ti­scher ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen ver­folgt.

Wo geht Ih­rer Mei­nung nach die Rei­se hin?

Wir ste­hen vor ei­nem Wan­del. Ei­ne Ent­wick­lung hin zu im­mer mehr Wohl­stand ist il­lu­so­risch. Es geht um ei­ne ge­rech­te­re Ver­tei­lung, nicht nur in Deutsch­land. Im Üb­ri­gen sind die Re­fle­xe vie­ler West­deut­scher, die nach der Wahl hass­er­füllt in den Os­ten bli­cken, für mich ein Be­leg da­für, dass sie die Ve­rän­de­run­gen durch­aus er­ah­nen, aber nicht wahr­ha­ben wol­len. Neh­men Sie das Ar­muts­ri­si­ko, das im Wes­ten seit 2006 ge­stie­gen ist: Da gleicht sich der Wes­ten im­mer mehr dem Os­ten an.

Mit Deutsch­land geht es al­so berg­ab?

Wir ste­hen vor gro­ßen Ve­rän­de­run­gen. Wir brau­chen Po­li­ti­ker, die Vi­sio­nen ha­ben und kon­kre­te Vor­schlä­ge ma­chen und die nicht die brand­mar­ken, die Kri­tik üben.

Wir dür­fen rea­le Ängs­te nicht als ras­sis­tisch ab­stem­peln.

Wir ste­hen vor ei­nem Wan­del.

Fo­to: An­dré Kemp­ner

Dr. Hans-joa­chim Maaz ist über­zeugt, dass die deut­sche Ge­sell­schaft vor ei­nem Wan­del steht.

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