Eu­bü­ro­kra­tie, Ka­ta­lo­ni­en und ein Ro­bo­ter

Ein Be­such der Frank­fur­ter Buch­mes­se

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON NI­NA MAY

„Da läuft ein Schwein!“Mit die­sem Aus­ruf be­ginnt der Ro­man „Die Haupt­stadt“von Ro­bert Me­n­as­se, der ge­ra­de mit dem Deut­schen Buch­preis aus­ge­zeich­net wur­de. Die­ses Schwein, das da so frech durch Brüs­sel rennt, ist ein Sym­bol für all die Sau­en, die Tag für Tag durchs eu­ro­päi­sche Dorf ge­trie­ben wer­den. Die Prot­ago­nis­ten die­ses ers­ten Eu­ro­pa­ro­mans eint die Auf­re­gung. Wenn jetzt so­gar Eu-bü­ro­kra­tie ro­man- und preis­wür­dig ist, dann ist der eu­ro­päi­sche Ap­pa­rat viel­leicht ein An­ker in Zei­ten des Sturms. Die­sen Ein­druck zu­min­dest er­weckt Me­n­as­se ges­tern bei ei­nem Auf­tritt auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se. Der ös­ter­rei­chi­sche Schrift­stel­ler sagt im Hin­blick auf die Ka­ta­lo­ni­en­kri­se und die Er­star­kung rech­ter Kräf­te: „Eu­ro­pa ent­wi­ckelt sich nur in schwe­ren Kri­sen wei­ter.“Ge­ra­de jetzt sei es wich­tig, sich zu der Uto­pie die­ser Ge­mein­schaft zu be­ken­nen.

Eu­ro­pa ist auf der Mes­se in al­ler Mun­de. Die Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en, die die Un­ab­hän­gig­keit von Spa­ni­en an­strebt, hat in Frank­furt schon mal ei­nen ei­ge­nen Stand. „Wir er­hof­fen uns bei un­se­rem Frei­heits­be­stre­ben ei­ne Ver­mitt­ler­rol­le von der EU. Für die ka­ta­la­ni­sche Kul­tur und Li­te­ra­tur be­deu­tet die Un­ab­hän­gig­keit mehr Auf­merk­sam­keit“sagt ein Ver­tre­ter, der na­ment­lich nicht ge­nannt wer­den möch­te. Der Welt­emp­fang for­miert in die­sem Jahr un­ter dem Mot­to „Kri­se – Ord­nung – Gestal­tung“. Da­hin­ter steht die The­se, dass Kon­flik­te Mo­to­ren für ge­sell­schaft­li­che Re­for­men sein kön­nen. Der Un­ter­neh­mens­be­ra­ter und Au­tor Prinz As­fa-wos­sen As­se­ra­te, in Äthio­pi­en ge­bo­ren und in Deutsch­land le­bend, ap­pel­liert auf der Büh­ne an Eu­ro­pa, die Afri­ka­po­li­tik an­ge­sichts von Mil­lio­nen Flücht­lin­gen ra­di­kal zu än­dern und den All­tag der Men­schen vor Ort le­bens­wert zu ma­chen. Der Nach­fah­re des ent­mach­te­ten äthio­pi­schen Kai­ser­hau­ses ist hier­zu­lan­de für sei­nen Best­sel­ler über deut­sche „Ma­nie­ren“be­kannt.

Für den deut­schen Schrift­stel­ler Sten Na­dol­ny ist die Buch­mes­se ein Ort, um Eu­ro­pa zwi­schen Buch­de­ckeln neu zu er­fin­den. Der 75-Jäh­ri­ge steu­ert den Ro­man „Das Glück des Zau­be­rers“bei, die deut­sche Ant­wort auf „Der Hun­dert­jäh­ri­ge, der aus dem Fens­ter stieg“: Ein Mann mit Zau­ber­kräf­ten um­reißt ei­ne gan­ze Epo­che in Brie­fen an sei­ne En­ke­lin Mat­hil­da, die sein Ta­lent ge­erbt hat. Das Zau­bern ist bei Na­dol­ny ei­ne gro­ße Me­ta­pher da­für, das Le­ben mit Neu­gier und Raf­fi­nes­se zu meis­tern. Wie Na­dol­ny in „Die Ent­de­ckung der Lang­sam­keit“(1983) ei­nen Ge­gen­ent­wurf zu un­se­rer be­schleu­nig­ten Ge­sell­schaft zeich­net, so wehrt er sich in sei­nem ak­tu­el­len Ro­man ge­gen die Ent­zau­be­rung der Welt. „Mein Zau­be­rer steht für ei­nen frei­en Men­schen. Und als sol­cher kann er ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Neu­ge­stal­tung Eu­ro­pas spie­len“, sagt Na­dol­ny im Ge­spräch auf der Mes­se.

Frank­reich ist das dies­jäh­ri­ge Gast­land. Nur aus dem Eng­li­schen wer­den mehr Bü­cher ins Deut­sche über­tra­gen, und so sind auch die in Frank­furt prä­sen­tier­ten 555 Über­set­zun­gen von 143 deut­schen Ver­la­gen re­kord­ver­däch­tig. Mi­chel Hou­el­l­e­becq pro­phe­zeit im Frank­fur­ter Schau­spiel, die Fran­zo­sen wür­den wie­der zu ei­nem Na­tio­nal­stolz zu­rück­fin­den: „Wir wer­den wie­der das ar­ro­gan­te Volk von frü­her.“Auf­fäl­ligs­tes Mit­bring­sel der eu­ro­päi­schen Nach­barn sind die rie­si­ge As­te­rix­pup­pe im Mes­se­hof und die Viel­zahl an Gra­phic No­vels. So kon­se­quent hat viel­leicht noch kaum ein Gast­land die­se Gat­tung als Li­te­ra­tur an­er­kannt.

Herz­stück des fran­zö­si­schen Pa­vil­lons ist ei­ne nach­ge­bau­te Gu­ten­berg­pres­se. Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel dru­cken hier zur Mes­se-er­öff­nung die ers­te Sei­te der Men­schen­rechts­er­klä­rung. Dass die­se vie­ler­orts nicht ein­ge­hal­ten wird, ist im­mer wie­der ein The­ma auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se, die je­des Jahr po­li­ti­scher wird. Zum Bei­spiel bei dem neu­en For­mat „Welt­emp­fang Sa­tel­lit“, für das Mes­se-di­rek­tor Ju­er­gen Boos im Bu­si­ness Club Li­te­ra­ten in­ter­viewt. Er er­in­nert am Don­ners­tag­mor­gen an die Buch­mes­se 2008, als die Tür­kei Gast­na­ti­on in Frank­furt war: „Wir hat­ten die­sel­be Re­gie­rung, das Land prä­sen­tier­te sich bei uns als welt­of­fen. Seit­dem hat sich al­les ge­än­dert.“Die gro­ße tür­ki­sche Ro­man­au­to­rin As­lı Er­do­gan ist ei­ne der wich­tigs­ten Stim­men der tür­ki­schen Op­po­si­ti­on. Ei­ner die­ser Tex­te wur­de nun zur Er­öff­nung der Buch­mes­se ver­le­sen.

In Frank­furt lie­gen Po­li­tik und Un­ter­hal­tung, Tra­di­ti­on und Fort­schritt nah bei­ein­an­der. Ganz buch­stäb­lich fin­det sich di­rekt ne­ben der An­ti­qua­ri­ats­mes­se die In­stal­la­ti­on ei­nes schrei­ben­den Ro­bo­ters. Ge­ra­de roch es noch an­hei­melnd nach al­tem Pa­pier, dann plötz­lich nüch­ter­ne High­tech­welt. Ein oran­ge­far­be­ner Me­tall­arm schreibt mit ei­nem über­di­men­sio­na­len Ku­gel­schrei­ber Apho­ris­men wie „Aus Weis­heit geht Phan­ta­sie her­vor.“auf ein Stück Pa­pier. Mit­hil­fe von Al­go­rith­men ge­ne­riert der Ro­bo­ter des Stutt­gar­ter Künst­ler­kol­lek­tivs ro­bolab neue Tex­te. Her­aus­kom­men soll ein von künst­li­cher In­tel­li­genz ge­schaf­fe­nes Ma­ni­fest.

Spie­le­risch geht auch der Bü­cher-dj am Stand des Bör­sen­ver­eins des deut­schen Buch­han­dels an die Li­te­ra­tur her­an: Hier kön­nen sich die Be­su­cher aus Gen­re und Co­ver­far­be ih­ren per­sön­li­chen Bü­cher­mix zu­sam­men­stel­len. Mit ei­ner neu­en Cos­play-are­na und ei­nem wach­sen­den „Book­fest“mit Le­sun­gen in der Stadt ad­ap­tiert Frank­furt er­folg­rei­che For­ma­te der Leip­zi­ger Kol­le­gen. Und der ame­ri­ka­ni­sche Best­sel­ler­au­tor Dan Brown ver­rät bei der Vor­stel­lung sei­nes Ro­mans „Ori­gin“, das er von ei­ner Kom­po­si­ti­on über Charles Dar­win zu die­ser Ge­schich­te über den Ur­sprung der Mensch­heit in­spi­riert wur­de. Brown sagt: „Sind wir nicht na­iv zu glau­ben, dass es un­se­re Göt­ter in 100 Jah­ren noch ge­ben wird? Thors Blitz ha­ben wir schließ­lich auch längst ent­zau­bert.“

Ein Schwein wur­de auf der Buch­mes­se noch nicht ge­sich­tet. Es wür­de wohl auch nicht wei­ter auf­fal­len.

Fo­tos (4): dpa

Ne­ben je­der Men­ge neu­en Bü­chern gibt es in Frank­furt am Main auch Pro­test ge­gen den Stand des rechts an­ge­sie­del­ten An­tai­os Ver­lag (un­ten links), in dem das um­strit­te­nen Buch „Fi­nis Ger­ma­nia“von Rolf Pe­ter Sie­fer­le er­schie­nen ist, ei­nen Be­such des fran­zö­si­schen Au­tors Di­dier Eri­bon (Mit­te) und Thril­ler-au­tor Dan Brown.

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