Bet­te Nash ist 82 – und noch im­mer Ste­war­dess

Bet­te Nash ist 82 Jah­re alt und fei­er­te kürz­lich ihr 60-jäh­ri­ges Ju­bi­lä­um als Flug­be­glei­te­rin. Die „Kö­ni­gin der Lüf­te“über die Ken­ne­dys, Por­zel­lan­ge­schirr und die Ma­gie des Lä­chelns.

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - In­ter­view: Ste­fan Wa­gner

WA­SHING­TON. Bet­te Nash, mit 82 Jah­ren wohl die äl­tes­te Ste­war­dess der Welt, ist im­mer noch je­de Wo­che in der Luft. Die Flug­be­glei­te­rin ar­bei­tet seit 60 Jah­ren bei Ame­ri­can Air­lines und will wei­ter in die Luft ge­hen. Im In­ter­view er­zählt sie vom Wan­del in der Luft­fahrt.

Gra­tu­la­ti­on, Sie ha­ben vor ein paar Ta­gen Ihr 60-jäh­ri­ges Di­enst­ju­bi­lä­um ge­fei­ert. Dan­ke. Vom Chef mei­ner Flug­li­nie Ame­ri­can Air­lines ha­be ich dia­mant­be­setz­te Ohr­rin­ge von Tif­fa­ny be­kom­men. Sie ver­ste­hen, we­gen Dia­mant­hoch­zeit, al­so dem 60. Hoch­zeits­tag mit mei­nem Ar­beit­ge­ber. Ich ar­bei­te im­mer noch je­de Wo­che, ma­che zig Shut­tle­flü­ge zwi­schen Wa­shing­ton und Bos­ton. Mei­ne Lieb­lings­stre­cke. Die flie­ge ich seit 1961. Ist das nicht lang­wei­lig? Vie­le wol­len als Flug­be­glei­ter ar­bei­ten, um die wei­te Welt ken­nen­zu­ler­nen. Ich mag es, mei­ne Rou­ti­ne zu ha­ben und je­de Wo­che die glei­chen Men­schen zu tref­fen. Ich weiß, dass auch die Pas­sa­gie­re es mö­gen, wenn sie ver­trau­te Ge­sich­ter se­hen. Au­ßer­dem ist mein Sohn be­hin­dert, und ich möch­te je­den Abend bei ihm zu Hau­se sein und für ihn sor­gen kön­nen. Für vie­le ist Flie­gen heut­zu­ta­ge ei­ne Qu­al. Für Sie nicht? Da hät­ten Sie mal frü­her flie­gen müs­sen! Die Kli­ma­an­la­gen wa­ren bei Wei­tem nicht so gut wie heu­te, es war brül­lend heiß oder eis­kalt. Ich hat­te sechs bis neun Lan­dun­gen und 13-St­un­den-schich­ten. Vie­les, was heu­te au­to­ma­ti­siert ist, muss­te man da­mals mit der Hand ma­chen, das Es­sen ha­ben wir im Flug­zeug zu­be­rei­tet. Aber na­tür­lich wird es in mei­nem Al­ter an­stren­gen­der. Ich muss zum Bei­spiel je­des Jahr ei­nen Test be­ste­hen, bei dem ich zei­gen muss, dass ich in der La­ge bin, ei­nen er­krank­ten Pas­sa­gier aus dem Sitz in den Gang zu bug­sie­ren, um dann dort Mund­zu-mund-be­at­mung zu ma­chen. In mei­nem Al­ter ist Ge­sund­heit wirk­lich al­les. Frü­her galt das Flie­gen als Lu­xus.

Das war es auch. Wir ser­vier­ten Hum­mer auf Por­zel­lan­tel­lern, es gab Cock­tails, das Cor­ned Beef schnit­ten wir vor den Au­gen der Pas­sa­gie­re in Schei­ben. Wir ser­vier­ten Ku­chen und Tee in Sil­ber­kan­nen. Nach dem Es­sen gin­gen wir mit Zi­ga­ret­ten durch den Gang, Marl­bo­ros, Wins­tons und Kents, na­tür­lich gra­tis. „Ei­ne Marl­bo­ro für Rei­he 14? Klar!“Die Streich­höl­zer ka­men auf ei­nem ei­ge­nen Ta­blett. Die Flug­gäs­te zo­gen ih­re Sonn­tags­klei­der an, wenn sie ei­nen Flug un­ter­nah­men. Wir tru­gen Hand­schu­he und auf dem Kopf ein Hüt­chen. Wie ver­rückt, wer wür­de schließ­lich da­heim ei­nen Hut auf­set­zen, wenn er das Abend­es­sen ser­viert. Auf mei­ner Pen­del­stre­cke zwi­schen Wa­shing­ton und Bos­ton wa­ren häu­fig die Ken­ne­dys un­ter­wegs. Manch­mal saß da Ja­ckie Ken­ne­dy. Es war gla­mou­rös. Je­der woll­te das ma­chen, der Wett­be­werb war rie­sig. Wir mach­ten Wit­ze, dass wir so­gar um­sonst ar­bei­ten wür­den, wenn man uns nur näh­me. Wur­de man aus­ge­wählt, ging es erst los. Die Flug­li­nie hat­te so­gar Kos­me­ti­ke­rin­nen an­ge­stellt, die den Ste­war­des­sen Schmink­tipps ga­ben. Wim­pern­tu­sche war okay, Li­dschat­ten nicht. Die Haa­re durf­ten nicht zu lang sein. Wenn Kol­le­gin­nen mal das vor­ge­schrie­be­ne Ge­wicht über­schrit­ten, be­ka­men sie ei­ne Wo­che Zeit, um mit Hun­ger­ku­ren die Pfun­de wie­der weg­zu­be­kom­men. Wenn nicht, wur­de ih­nen ge­kün­digt. Schließ­lich die Klei­der! Am An­fang sehr for­mell, ir­gend­wann ka­men so­gar Hot­pants oder wei­ße ho­he Stie­fel oder Roll­kra­gen­pull­over. In­zwi­schen sind un­se­re Uni­for­men viel ver­nünf­ti­ger. Was ha­ben Ih­re El­tern zu Ih­rer Be­rufs­ent­schei­dung ge­sagt? Als ich 16 war, saß ich ne­ben mei­ner Mut­ter auf ei­nem grü­nen So­fa hier im Flug­ha­fen von Wa­shing­ton. Es war vor mei­nem ers­ten Flug. Uns ka­men zwei Pi­lo­ten und ei­ne Flug­be­glei­te­rin ent­ge­gen. Sie sa­hen so ele­gant aus, so pro­fes­sio­nell, hat­ten ma­kel­lo­ses Be­neh­men. Ab die­ser Mi­nu­te wuss­te ich, dass es genau das war. Dass ich nur die­sen Be­ruf er­grei­fen woll­te. Am 4. No­vem­ber 1957, da war ich 21, fing ich an. Mei­ne Mut­ter schlief näch­te­lang nicht, weil sie sich so um mich sorg­te. Aber das hat sich ir­gend­wann ge­legt. Letz­te Fra­ge: To­ma­ten­saft oder Kaf­fee?

Im­mer Was­ser, im Job und im Re­stau­rant. Beim Flie­gen pas­siert es leicht, dass man zu we­nig trinkt und de­hy­driert. Da­heim ab und zu gern mal ein Glas Brom­beer­wein. Der wird hier bei uns in Vir­gi­nia her­ge­stellt – und er hilft bei Ver­dau­ungs­pro­ble­men.

Da war es si­cher nicht ein­fach, ei­nen Job als Ste­war­dess zu er­gat­tern.

Fo­tos: Get­ty, pri­vat

„Wir tru­gen ein Hüt­chen“: Bet­te Nash zu Be­ginn ih­rer Kar­rie­re (li.) und mit ih­rem Team heu­te an Bord ei­ner Pas­sa­gier­ma­schi­ne. Nash ist mitt­ler­wei­le seit 60 Jah­ren im Di­enst. Über den Wol­ken hält sie da­mit den Al­ters­re­kord.

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