Krieg oder Frie­den mit „MBS“

Je­men, Li­ba­non, Iran: Der Sau­di-prinz setzt sei­ne Fein­de un­ter Druck – er könn­te aber zu­gleich Is­rae­lis und Kur­den die Hand rei­chen

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - VON MAT­THI­AS KOCH

Rund um die Welt zer­bre­chen sich der­zeit Staats­kanz­lei­en und pri­va­te Denk­fa­bri­ken den Kopf über den Kurs des Kron­prin­zen vom Sau­di-ara­bi­en. Vom Per­si­schen Golf bis hin­auf zum Mit­tel­meer gibt es kei­nen Staat und kei­nen Kri­sen­herd, auf den Mo­ham­med bin Sal­man – MBS, wie er in­ter­na­tio­nal ge­nannt wird – nicht er­heb­li­chen Ein­fluss hat.

■ Iran: Die mehr­heit­lich sun­ni­ti­schen Sau­dis sind seit je­her die gro­ßen Ge­gen­spie­ler der mehr­heit­lich schii­ti­schen Ira­ner. In­zwi­schen hat MBS den Ton ge­gen­über Teheran ver­schärft: Der Iran sol­le end­lich auf­hö­ren, über­all in der Re­gi­on „Un­ru­he zu stif­ten“. Tat­säch­lich übt der Iran über schii­ti­sche Mi­li­zen in vie­len Län­dern sehr gro­ßen Ein­fluss aus, un­ter an­de­rem in Sy­ri­en, im Irak und im Li­ba­non. MBS fürch­tet mit Blick auf die schii­ti­sche Min­der­heit im ei­ge­nen Land, re­vo­lu­ti­ons­freu­di­ge Ira­ner könn­ten, wie beim Schah-sturz von 1979, lang­fris­tig auch die sau­di­sche Mon­ar­chie un­ter­gra­ben. Es gibt west­li­che Ex­per­ten, die des­halb ein bal­di­ges mi­li­tä­ri­sches Kräf­te­mes­sen zwi­schen Ri­ad und dem – mög­li­cher­wei­se ato­mar be­waff­ne­ten – Teheran kom­men se­hen. „Ver­gesst Nord­ko­rea“, schrieb jüngst ein bri­ti­scher Kom­men­ta­tor. Wer den drit­ten Welt­krieg fürch­te, müs­se viel eher nach Sau­di-ara­bi­en bli­cken und auf des­sen Rin­gen mit dem Iran. Weil Ka­tar sich dem Iran zu sehr an­nä­her­te, soll MBS im Som­mer er­wo­gen ha­ben, in das klei­ne Emi­rat ein­zu­mar­schie­ren, er be­ließ es dann bei ei­ner Blo­cka­de.

■ Der Je­men ist be­reits zu ei­nem blu­ti­gen Schau­platz des Macht­kampfs zwi­schen Ri­ad und Teheran ge­wor­den. Hier kämp­fen schii­ti­sche Huthi-re­bel­len, un­ter­stützt vom Iran, ge­gen Res­te der im Bür­ger­krieg zer­fal­le­nen je­me­ni­ti­schen Ar­mee, die von ei­ner Ko­ali­ti­on un­ter Füh­rung Sau­di-ara­bi­ens und von den USA un­ter­stützt wird. Die In­ter­ven­ti­on der Sau­dis be­feu­ert ei­ne hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phe, ei­ne Be­ru­hi­gung ist nicht in Sicht. Am 5. No­vem­ber kam ei­ne von Hut­his ab­ge­feu­er­te Ra­ke­te dem in­ter­na­tio­na­len Kö­nig-kha­lid-flug­ha­fen von Ri­ad ge­fähr­lich na­he – MBS sprach prompt von ei­ner „di­rek­ten mi­li­tä­ri­schen Ag­gres­si­on“des Irans, die man als Kriegs­akt be­trach­ten kön­ne. Auf 40 „Huthi-ter­ro­ris­ten“setz­te MBS Kopf­gel­der in zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­hö­he aus, zu­sam­men 440 Mil­lio­nen Dol­lar. Das sind Sum­men, die er­fah­rungs­ge­mäß auch im Na­hen Os­ten po­li­tisch man­ches be­we­gen kön­nen.

■ Der Li­ba­non wird zur zwei­ten Are­na für den sau­disch-ira­ni­schen Macht­kampf. Am 4. No­vem­ber er­klär­te Li­ba­nons Pre­mier Saad al-har­i­ri von Ri­ad aus über­ra­schend sei­nen Rück­tritt und be­grün­de­te dies mit Mord­dro­hun­gen ge­gen ihn. Er er­hob schwe­re Vor­wür­fe ge­gen den Iran und die mit ihm ver­bün­de­te His­bol­lah. In Bei­rut al­ler­dings stuf­ten vie­le die­se An­sa­ge als un­glaub­wür­dig ein. Der Ge­schäfts­mann Har­i­ri, Sun­nit, pflegt öko­no­mi­sche und re­li­giö­se Ver­bin­dun­gen nach Sau­diA­ra­bi­en, Kri­ti­ker un­ter sei­nen Lands­leu­ten nen­nen ihn ei­ne Ma­rio­net­te Riads. Wur­de er in Sau­di-ara­bi­en wie ei­ne Gei- sel fest­ge­hal­ten? Vie­le Li­ba­ne­sen se­hen das so. In ei­nem Fern­seh­in­ter­view be­teu­er­te Har­i­ri al­ler­dings, er wer­de „in zwei Ta­gen“in die Hei­mat zu­rück­keh­ren. Im Li­ba­non, ei­nem Land mit gera­de mal sechs Mil­lio­nen Ein­woh­nern, le­ben Sun­ni­ten, Schii­ten und Chris­ten ei­ni­ger­ma- ßen fried­lich zu­sam­men. MBS will aber auch hier den Ein­fluss der vom Iran un­ter­stütz­ten Schii­ten zu­rück­drän­gen.

■ Is­ra­el sieht sich durch nichts so sehr be­droht wie durch die mög­li­che Ent­wick­lung ei­ner Atom­bom­be im Iran. Is­rae­li­sche Ge­ne­rä­le ha­ben Teheran be­reits an­ge­droht, ge­ge­be­nen­falls ei­nen Luft­schlag ge­gen For­schungs­ein­rich­tun­gen durch­zu­füh­ren, un­ab­hän­gig da­von, was die USA da­zu sa­gen. Die­se Kon­stel­la­ti­on ist aus Sicht der Sau­dis in­ter­es­sant: Sie be­trach­ten Is­ra­el als Feind ih­res Fein­des Iran. Neu­er­dings kur­sie­ren im Wes­ten Theo­ri­en, wo­nach aus ge­hei­men mi­li­tä­ri­schen Ko­ope­ra­tio­nen zwi­schen Ri­ad und Tel Aviv ein sta­bi­li­sie­ren­der Ef­fekt für den ge­sam­ten Na­hen Os­ten er­wach­sen könn­te, im Sin­ne ei­ner in­tel­li­gen­ten Ein­däm­mung al­ler po­ten­zi­ell ge­fähr­li­chen Kräf­te. Auch heißt es, MBS drän­ge die Pa­läs­ti­nen­ser mit Geld und gu­ten Wor­ten da­zu, ei­nen von Do­nald Trumps Schwie­ger­sohn Ja­red Kush­ner aus­ge­han­del­ten Frie­dens­plan an­zu­neh­men.

■ Der Irak kommt ins Spiel, weil rei­che sau­di­sche Stif­tun­gen glau­ben, kur­di­sche Kämp­fer hät­ten dort und in Sy­ri­en oft den Sun­ni­ten zur Sei­te ge­stan­den – und des­halb ih­rer­seits Hil­fe ver­dient. Die Kur­den, in ih­rem ste­ti­gen Be­mü­hen um ei­nen ei­ge­nen Staat, könn­ten in den Sau­dis Ver­bün­de­te finden.

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