Got­tes­acker – Kampf­platz – Lern­ort

Mit Per­spek­ti­ven für den Dresd­ner Hei­de­fried­hof be­fasst sich ein Kol­lo­qui­um im Stadt­mu­se­um

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON JUS­TUS H. UL­BRICHT*

Fast auf den Tag genau ist es 80 Jah­re her, dass am 20. No­vem­ber 1937 auf ei­nem neu­en Be­gräb­nis-are­al der Stadt Dres­den die ers­te Erd­be­stat­tung vor­ge­nom­men wur­de. Zehn Jah­re zu­vor hat­te die Stadt­ver­wal­tung ver­an­lasst, in ei­nem Wald- und Hei­de­ge­län­de nörd­lich Dres­dens ei­nen neu­en Fried­hof an­zu­le­gen. Ori­en­tiert war das Vor­ha­ben an Ide­en der Fried­hofs­re­form­be­we­gung, die kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de ein­ge­setzt hat­te. Der Münch­ner Wald­fried­hof (1905-1907) und die be­reits seit Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts an­ge­leg­ten Park­fried­hö­fe ame­ri­ka­ni­scher Städ­te ge­hör­ten mit zu den Vor­bil­dern für das Dresd­ner Pro­jekt. – Auf sol­chen „Got­tes­äckern“soll­ten An­ge­hö­ri­ge und Be­su­cher er­fah­ren, dass Le­ben und Ster­ben na­tür­li­che Exis­ten­z­wei­sen des Men­schen sind, der nach dem Tod zu­rück­fin­det in die Na­tur, der er ent­stammt. Zu­gleich leg­te man Wert dar­auf, Gr­ab­stät­ten mög­lichst gleich aus­se­hen zu las­sen. Denn im Tod, je­nem „ewi­gen Be­glei­ter und Gleich­ma­cher“des Men­schen (wie ein eng­li­sches Sprich­wort sagt) soll­ten Rang- und Stan­des­un­ter­schie­de, Be­ru­fe und Fa­mi­li­en­zu­ge­hö­rig­kei­ten so­wie an­de­re so­zia­le Dif­fe­ren­zie­run­gen auf­ge­ho­ben sein.

Schon vor dem Zwei­ten Welt­krieg avan­cier­te der Fried­hof in den Pla­nun­gen der Gar­ni­sons- und Gau­haupt­stadt Dres­den zum Ort für künf­ti­ge Mas­sen­be­stat­tun­gen im Luft­krieg und zum Eh­ren­hain für Ge­fal­le­ne. 1945 fan­den 17 500 der 25 000 To­ten des 13. Fe­bru­ar dort ih­re letz­te Ru­he­stät­te. Aber die Ru­he der To­ten wur­de als­bald durch ers­te er­in­ne­rungs­po­li­ti­sche Maß­nah­men ge­stört. Die Op­fer des Luft­kriegs dien­ten im ein­set­zen­den Kal­ten Krieg als Blut­zeu­gen des pro­gram­ma­ti­schen An­ti-im­pe­ria­lis­mus und An­tiA­me­ri­ka­nis­mus der SBZ/DDR. Pri­va­te Er­in­ne­rungs­zei­chen räum­te man suk­zes­si­ve ab; al­le To­ten wur­den zu „na­men­lo­sen Op­fern“und da­mit leich­ter in­stru­men­ta­li­sier­bar. 1954 war der Eh­ren­hain end­lich fer­tig – in ei­ner Zeit, als Dres­den in Ost wie West zum Sym­bol des „ter­ro­ris­ti­schen“, „sinn­lo­sen“An­griffs auf ei­ne „un­schul­di­ge“Kul­tur­stadt ge­wor­den war. Auf dem Sand­stein­qua­der des mit­tel­ach­si­gen Pro­zes­si­ons­und Trau­er­wegs soll­te ei­ne In­schrift des Dresd­ner Schrift­stel­lers Max Zim­me­ring ste­hen: ZWÖLFTAUSEND RU­HEN HIER, VER­BRANNT / HABT IHR DEN MÖR­DER GUT ER­KANNT? / DER MÖR­DER, DEN MAN SCHUL­DIG FAND / TRUG WALLSTREETS ZEI­CHEN AN DER HAND.“– Doch das war selbst der SED zu star­ker To­bak, so dass man das mah­nen­de Dik­tum ab­schwäch­te: „WIE VIE­LE STAR­BEN? WER KENNT DIE ZAHL? / AN DEI­NEN WUN­DEN SIEHT MAN DIE QU­AL /DER NA­MEN­LO­SEN DIE HIER VER­BRANNT /IM HÖL­LEN­FEU­ER AUS MENSCHENHAND“.

Da­mit aber rück­te das rea­le Ge­sche­hen der Bom­ben­näch­te ein in qua­si-sa­kra­le Sphä­ren apo­ka­lyp­ti­schen Zu­schnitts, ließ kon­kre­te Fra­gen nach dem Kon­text des Kriegs­en­des nicht auf­kom­men und ent­ließ die Stadt Dres­den aus der ge­schicht­li­chen Ver­ant­wor­tung für die lo­ka­len Au­s­prä­gun­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Die „na­men­lo­sen Op­fer“ent­schul­de­ten die be­kann­ten Mit­läu­fer, Zu­schau­er und Tä­ter. Das Selbst­bild der DDR, aus­schließ­lich den Wi­der­stand ge­gen den NS im Exil, den La­gern und im Un­ter­grund be­erbt zu ha­ben, schrie nach ei­ner me­mo­ri­al­po­li­ti­schen Be­glau­bi­gung. So er­hielt der Hei­de­fried­hof neue Or­te „an­ti­fa­schis­ti­scher“Tra­di­ti­ons­pfle­ge. – Ein „Me­mo­ri­al­kom­bi­nat“(Mat­thi­as Neutz­ner) ent­stand, des­sen Bot­schaft durch all­jähr­li­che, von Staat, Par­tei und for­mier­ter Be­völ­ke­rung ge­tra­ge­ne Ri­tua­le be­glau­bigt wur­de. – Ab Mit­te der 1960er Jah­re do­mi­nier­te das of­fi­zi­el­le Ge­den­ken ans „Er­be“der „An­ti­fa­schis­ten“al­les an­de­re. Ir­gend­wo zwi­schen Bom­ben­to­ten und „Odfs“muss­ten sich Fa­mi­li­en und Freun­de ei­nen pri­va­ten Platz für ih­re Trau­er su­chen.

Ge­gen En­de der DDR und in den ers­ten Nach­wen­de-jah­ren en­ga­gier­ten sich bür­ger­li­che Grup­pen da­für, die ein­ge­fah­re­nen Ge­denk­ge­wohn­hei­ten zu ver­las­sen, neue For­men des Mah­nens zu er­pro­ben und den in­di­vi­du­el­len To­ten ei­nen Platz im Ge­dächt­nis der Stadt­ge­sell­schaft ein­zu­räu­men. – Die neue Bun­des­re­pu­blik ad­op­tier­te je­doch erst ein­mal mit ge­samt­na­tio­na­lem An­spruch Dres­den und den Hei­de­fried­hof als pau­scha­le Er­in­ne­rungs­or­te an den Bom­ben­krieg. Ab 2005 spitz­ten sich die Deu­tungs­kon­flik­te zu, da die po­li­ti­sche Rech­te die El­be­stadt als Büh­ne ih­rer ge­schichts­po­li­ti­schen Ab­sich­ten ent­deck­te. Am 13. Fe­bru­ar wur­de der Hei­de­fried­hof zum Kampf­platz un­ter­schied­li­cher Deu­tun­gen der deut­schen und Dresd­ner Ge­schich­te, für die „Lin­ke“, „An­ti­fa­schis­ten“, „Rech­te“so­wie Bür­ger, Ver­wal­tung und Po­li­zei hef­tig strit­ten; man­che nicht nur mit Ar­gu­men­ten.

Der wach­sen­de Druck der lo­ka­len Zi­vil­ge­sell­schaft so­wie die, me­di­al ver­stärk­te, über­re­gio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit für die Dresd­ner Que­re­len zwan­gen nun­mehr die Stadt­spit­ze zur Korrektur ih­rer Er­in­ne­rungs­po­li­tik und Ge­denk­kul­tur. Die „un­schul­di­ge Stadt“er­lang­te das Be­wusst­sein für ih­re his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung vor 1945 so­wie die In­stru­men­ta­li­sie­rung der Ge­schich­te lang­sam zu­rück. Eher hilf­los aber mu­tet im Nach­hin­ein die Ent­schei­dung von 2015 an, die of­fi­zi­el­le Ge­denk­fei­er auf dem Hei­de­fried­hof ein­fach zu strei­chen. For­men des de­zen­tra­len Ge­den­kens wur­den nun üb­lich; die De­bat­ten über den künf­ti­gen Um­gang mit dem ver­las­se­nen Er­in­ne­rungs­ort aber gin­gen wei­ter.

Nutzt man den Hei­de­fried­hof künf­tig als his­to­ri­schen Lern­ort, so lie­ße sich dort die po­li­ti­sche In­stru­men­ta­li­sie­rung von Ver­gan­gen­heits­deu­tun­gen und My­then, die so­zia­le Funk­ti­on von Ge­den­k­ri­tua­len und Denk­mal­set­zun­gen, in wün­schens­wer­ter Klar­heit ver­deut­li­chen. Nicht um neue his­to­ri­sche „Wahr­hei­ten“darf es da­bei ge­hen, son­dern um ei­ne Ver­mitt­lung ge­schicht­li­chen Wis­sens, die vom In­ter­es­se der Fra­gen­den aus­geht. Be­su­cher, Tou­ris­ten oder Schü­ler­grup­pen soll­ten ein­ge­la­den wer­den, im Gang über den eins­ti­gen Kampf­platz he­te­ro­ge­ne Ge­schichts­in­ter­pre­ta­tio­nen und ideo­lo­gi­sche Set­zun­gen in der mehr­fach über­schrie­be­nen Ge­schich­te des Hei­de­fried­hofs (da­mit aber Dres­dens und Deutsch­lands) bes­ser zu ver­ste­hen.

In­for­ma­ti­on, Ge­den­ken und Trau­er müs­sen da­bei ne­ben ein­an­der ste­hen dür­fen, zu­mal ein Palim­psest ver­schie­de­ne Deu­tun­gen zu­lässt. Die Ge­samt­an­la­ge soll mit Bil­dungs­an­ge­bo­ten und künst­le­ri­schen Ak­ti­vi­tä­ten zum Spre­chen ge­bracht wer­den, oh­ne die Sub­stanz des Vor­ge­fun­de­nen zu ver­än­dern. Denk­mal­schutz­in­ter­es­sen, öko­lo­gi­sche Sorg­falt, sub­ti­le Ge­schichts­deu­tun­gen und päd­ago­gi­sche An­eig­nungs­for­men müs­sen zu­sam­men­fin­den, oh­ne sich zu wi­der­spre­chen oder gar ge­gen­sei­tig aus­zu­lö­schen.

Wie die­ser ho­he An­spruch ein­ge­löst wer­den kann, wird am 16. No­vem­ber in ei­nem Kol­lo­qui­um un­ter Spe­zia­lis­ten der Er­in­ne­rungs- und Fried­hofs­kul­tur son­diert. Die Er­geb­nis­se wer­den ih­ren Weg in die Bür­ger­ge­sell­schaft zu­rück­fin­den, die dann im dia­lo­gi­schen Streit der Mei­nun­gen zu ent­schei­den hat, ob der Hei­de­fried­hof wei­ter­hin au­ßer­halb der Stadt liegt oder ei­nen zen­tra­len Platz im kul­tu­rel­len Ge­dächt­nis von Elb­flo­renz er­hält.

*Jus­tus H. Ul­bricht ist His­to­ri­ker und Ger­ma­nist. Seit Au­gust 2016 Ge­schäfts­füh­rer des Ge­schichts­ver­eins Dres­den

Foto: Hei­ke Rich­ter

Zu ent­schei­den ist, ob der Hei­de­fried­hof wei­ter­hin au­ßer­halb der Stadt liegt oder ei­nen zen­tra­len Platz im kul­tu­rel­len Ge­dächt­nis von Elb­flo­renz er­hält

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