„Kern­schmel­ze des Ver­trau­ens“

Ei­ne Rei­he von Pu­bli­ka­tio­nen ana­ly­siert das Phä­no­men Lü­gen­pres­se

Dresdner Neueste Nachrichten - - MEDIEN - Claus Kle­ber,mo­de­ra­tor VON ANDRE­AS HEI­MANN Ich bin mehr denn je über­zeugt, dass Fak­ten Schät­ze sind. Dass sie es wert sind, ge­bor­gen, ge­schützt und ge­teilt zu wer­den.

BERLIN. „Lü­gen­pres­se“ist ein Wort mit lan­ger Ge­schich­te. Es stammt nicht von Na­zis, wie zu­letzt oft be­haup­tet wur­de. Es ist ein Kampf­be­griff, den so­wohl Lin­ke als auch Rech­te ver­wen­det ha­ben. Und auch die Ab­wehr von Ver­nunft und Fak­ten­ori­en­tie­rung ist nicht neu, son­dern be­glei­tet die eu­ro­päi­sche Ge­schich­te seit Be­ginn der Auf­klä­rung, wie Ire­ne Ne­ver­la be­tont, ne­ben Vol­ker Li­li­en­thal Mit­her­aus­ge­be­rin des Sam­mel­ban­des „Lü­gen­pres­se. Ana­to­mie ei­nes po­li­ti­schen Kampf­be­griffs“(Kie­pen­heu­er & Witsch). Es ist die um­fas­sends­te Be­schäf­ti­gung mit dem The­ma, die es zur­zeit zu le­sen gibt, und bie­tet ei­ne Rei­he in­ter­es­san­ter Ein­sich­ten über die all­seits dis­ku­tier­ten hin­aus.

Das Buch ba­siert auf ei­ner Ring­vor­le­sung, die die bei­den Me­di­en­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät Ham­burg or­ga­ni­siert ha­ben. Ihr Kol­le­ge Micha­el Brüg­ge­mann et­wa zeigt, wie in den USA Lob­by­is­ten die An­sich­ten von Kli­mal­eug­nern in die Me­di­en ge­bracht ha­ben – und wie in die­ser De­bat­te die Un­ter­scheid­bar­keit zwi­schen Wahr­heit und Lü­ge zu­neh­mend ver­lo­ren ge­gan­gen ist. Mit weit­rei­chen­den Fol­gen über die Kli­ma­wan­del­dis­kus­si­on hin­aus: Wenn bei­de Sei­ten sich als Lüg­ner de­nun­zie­ren, geht am Schluss die Glaub­wür­dig­keit ver­lo­ren.

Der Theo­lo­ge Nor­bert Schnei­der be­schäf­tigt sich mit der Fra­ge, wie gut sich Fak­ten ge­gen Ge­füh­le be­haup­ten kön­nen, und der, ob die Wahr­heit „ei­ne Bring­schuld der Pres­se“sei. Nein, meint er – Me­di­en müss­ten Mei­nungs­viel­falt er­mög­li­chen, nicht die Wahr­heit lie­fern.

Das in­halt­li­che Spek­trum der 15 Bei­trä­ge ist breit. Ne­ben Wis­sen­schaft­lern kom­men auch Jour­na­lis­ten zu Wort, He­ri­bert Prantl von der „Süd­deut­schen Zei­tung“et­wa, „Spie­gel“-chef­re­dak­teur Klaus Brink­bäu­mer und Kai Gniff­ke, ers­ter Chef­re­dak­teur bei „Ard­ak­tu­ell“, der an­schau­lich vom Um­gang mit Kri­tik an der Be­richt­er­stat­tung er­zählt. Der ehe­ma­li­ge Leip­zi­ger Jour­na­lis­tik­pro­fes­sor Micha­el Hal­ler ana­ly­siert die Be­richt­er­stat­tung zur Flücht­lings­kri­se und schlägt Trans­pa­renz als Mit­tel vor, um Ver­trau­en zu­rück­zu­ge­win­nen. Der Leip­zi­ger Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Uwe Krü­ger zieht aus der Dis­kus­si­on Kon­se­quen­zen für die Jour­na­lis­mus­for­schung. Un­ter dem Be­griff „Main­stream“ver­han­delt er Ten­den­zen der Me­di­en, sich ein­an­der an­zu­glei­chen. Krü­ger plä­diert für mehr Plu­ra­lis­mus. Auch der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Jens Wer­ni­cke be­schäf­tigt sich mit dem Phä­no­men. In dem Buch „Lü­gen die Me­di­en? Pro­pa­gan­da, Ru­del­jour­na­lis­mus und der Kampf um die öf­fent­li­che Mei­nung“(Wes­tend-ver­lag) un­ter­sucht er die „Kern­schmel­ze des Ver­trau­ens“. Claus Kle­ber, seit 2003 Mo­de­ra­tor des „heu­te jour­nals“im ZDF, ist Au­tor der Streit­schrift „Ret­tet die Wahr­heit“(Ull­stein). Kle­ber be­ginnt mit ei­nem per­sön­li­chen Er­leb­nis, das er als „Tief­punkt“be­zeich­net. Er be­rich­tet von ei­nem Vor­trag in ei­nem Hör­saal der Uni Hei­del­berg. Dort frag­te er in die Run­de, wer es in Ord­nung fin­de, wenn Me­di­en wie das ZDF Rück­sicht auf die In­ter­es­sen der Bun­des­re­gie­rung näh­men, et­wa bei der Be­richt­er­stat­tung über Pu­tins Ukraine­po­li­tik. Die gro­ße Mehr­heit der Zu­hö­rer hob die Hand, nur we­ni­ge sa­hen das an­ders. Kle­ber war er­schüt­tert. Of­fen­bar gin­gen fast al­le im Hör­saal da­von aus, dass öf­fent­lich-recht­li­che Me­di­en nun ein­mal nicht un­ab­hän­gig be­rich­ten könn­ten.

Und das sei sehr wohl so, be­tont der Zdf-mo­de­ra­tor. Im­mer wie­der ist im Zu­sam­men­hang mit der Kri­tik an den Me­di­en ge­for­dert wor­den, sie müss­ten trans­pa­ren­ter wer­den, mehr er­klä­ren, wie sie ar­bei­ten. Und genau das macht auch Kle­ber in sei­ner Streit­schrift. Er zeigt am Bei­spiel ei­nes Ta­ges, wie ei­ne „heu­te jour­nal“-sen­dung ent­steht. Nicht, in­dem der Re­gie­rungs­spre­cher die The­men vor­gibt son­dern, in­dem ein gan­zes Team die Be­richt­er­stat­tung plant. Im Zwei­fels­fall kommt vie­les dann doch wie­der ganz an­ders als ge­dacht.

Foto: dpa

Lü­gen­pres­se als po­li­ti­scher Kampf­be­griff.

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