Dres­dens Star­ver­tei­di­ger Stefan Hei­ne­mann zieht nach Ve­ne­dig

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Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - VON THOMAS BAU­MANN-HART­WIG

„Ich ha­be nicht ge­zählt, wie­vie­le Ta­ge ich in Ge­richt und Ge­fäng­nis ver­bracht ha­be“, sagt Stefan Hei­ne­mann. „Ich bin jetzt 67 Jah­re und will nicht im Ge­richts­saal ster­ben. Das will ich mir und mei­nen Man­dan­ten er­spa­ren.“Nach 40 Jah­ren an­walt­li­cher Tä­tig­keit und 27 Jah­ren als Straf­ver­tei­di­ger in Dres­den ist es Zeit für ei­ne Luft­ver­än­de­rung: Hei­ne­mann zieht es nach Ve­ne­dig.

Wo­bei sich der Rechts­an­walt ei­ne Hin­ter­tür of­fen­lässt: Er hat ei­ne klei­ne Woh­nung in Dres­den ge­mie­tet und tritt bei sei­nem lang­jäh­ri­gen Kol­le­gen Micha­el Ste­phan in die Kanz­lei ein. „Ich ma­che mei­ne Fäl­le wei­ter, wer­de aber ver­su­chen, die meis­ten au­ßer­ge­richt­lich zu er­le­di­gen.“Nach sei­nen ge­gen­wär­ti­gen Plä­nen wer­de er ei­ne Wo­che im Mo­nat in Dres­den ver­brin­gen, sei­nen Le­bens­mit­tel­punkt aber nach Nord­ita­li­en ver­la­gern. Von dort sei es un­kom­pli­ziert, kurz­fris­tig nach Ber­lin-schönefeld zu kom­men. „Wenn es bren­nen soll­te, bin ich am Abend da“, ver­spricht Hei­ne­mann.

Der Ver­kauf des Hau­ses an der Bautz­ner Stra­ße ist auf den Weg ge­bracht, die Um­zugs­kar­tons sind ge­packt, die Woh­nung im Haus ei­ner ad­li­gen Fa­mi­lie ist ge­mie­tet. „Ei­nen Plan ha­be ich erst mal noch nicht“, sagt Hei­ne­mann. „Ich wer­de die Woh­nung ein­rich­ten, Te­le­fon, Strom, Gas und Was­ser an­mel­den, ein Kon­to er­öff­nen. In Ita­li­en ist es ja nicht so ein­fach.“

Er wol­le es ge­nie­ßen, zum Mit­tag­es­sen ein Gläs­chen Wein trin­ken zu kön­nen, oh­ne an den gleich fol­gen­den Ter­min den­ken zu müs­sen. „Die Ita­lie­ner le­ben an­ders und ich den­ke, die­se Le­bens­wei­se kommt mir ent­ge­gen“, sagt der Ge­nuss­mensch Hei­ne­mann, der ei­ne Schwach­stel­le in sei­ner neu­en Woh­nung schon aus­ge­macht hat: Die Kü­che ist für den pas­sio­nier­ten Koch zu klein. „Das reicht nicht für in­ten­si­ves Ko­chen, da muss ich mir et­was ein­fal­len las­sen“, sagt er, der sich dar­auf freut, die fri­schen Zu­ta­ten aus der La­gu­ne ver­ar­bei­ten zu kön­nen.

Kam­mer­mu­si­ka­li­sche Kon­zer­te wird der Kunst­ken­ner Hei­ne­mann in sei­ner Woh­nung auch nicht ver­an­stal­ten kön­nen. Sei­ner Lei­den­schaft für Bil­den­de Kunst und Mu­sik will er aber wei­ter frö­nen. Kon­takt zum Freun­des­kreis der Oper in Ve­ne­dig hat er längst auf­ge­nom­men. „Ich ha­be vie­le Ide­en, die ich mit mei­nen Freun­den in An­griff neh­men wer­de“, kün­digt er an.

Dres­den, sagt der Straf­ver­tei­di­ger, ist ei­ne herr­li­che Stadt. Er ha­be das Pri­vi­leg ge­nos­sen, hier ar­bei­ten und eh­ren­amt­lich in der Kunst­sze­ne ak­tiv sein zu dür­fen. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ha­be er dar­un­ter ge­lit­ten, dass ein Bruch durch die Ge­sell­schaft ge­he, der auch nicht vor In­tel­lek­tu­el­len halt­ma­che. „Das Gu­te dar­an ist viel­leicht, dass man jetzt weiß, wer auf wel­cher Sei­te steht“, sagt Hei­ne­mann und ver­weist auf sei­ne frü­he­re Lieb­lings­buch­hand­lung Buch­haus Lo­schwitz. „Ich war ent­setzt, dass Men­schen, die ich sehr ge­schätzt ha­be, Sym­pa­thi­en für Pe­gi­da ent­wi­ckeln konn­ten.“

Hei­ne­mann hat Zeit sei­ner an­walt­li­chen Tä­tig­keit in Dres­den kla­re Hal­tung be­zo­gen: „Ich ha­be nie Na­zis ver­tei­digt. Ich war im­mer der Auf­fas­sung, dass es un­an­stän­dig ist, so et­was zu tun. Die ha­be ich weg­ge­schickt. Von de­nen woll­te ich kein Geld.“Er ha­be für sich ent­schie­den: „Das ma­che ich nicht!“Die­se Hal­tung ha­be sich her­um­ge­spro­chen, es sei kaum je­mand aus dem brau­nen Um­feld in sei­ne Kanz­lei ge­kom­men.

Ei­nen Na­men hat sich Hei­ne­mann als An­walt von pro­mi­nen­ten Man­dan­ten ge­macht. Staats­mi­nis­ter, ho­he Be­am­te, Land­tags­ab­ge­ord­ne­te, Ober­bür­ger­meis­ter und Stadt­rä­te such­ten sei­nen Rat eben­so wie Un­ter­neh­mer oder Künst­ler, oft stand er im Ram­pen­licht. Oft aber auch nicht, ver­weist er dar­auf, dass es in vie­len Fäl­le gar nicht erst zur Haupt­ver­hand­lung ge­kom­men sei. „Da wur­den die Ver­fah­ren an­ders er­le­digt“, schmun­zelt er.

Die Stär­ke von Hei­ne­mann war sein Auf­tre­ten, das sich wohl am bes­ten mit dem gu­ten al­ten deut­schen Wort „rit­ter­lich“be­schrei­ben lässt. Der An­walt ist höchst sel­ten laut ge­wor­den im Ge­richts­saal und hat Rich­ter und Staats­an­wäl­te fast nie mit dem Re­per­toire der Straf­pro­zess­ord­nung wie Be­fan­gen­heits­an­trä­ge oder Be­set­zungs­rü­gen über­zo­gen. „Sie stel­len sel­ten Be­weis­an­trä­ge. Aber wenn ei­ner von Ih­nen kommt, müs­sen wir uns in­ten­siv da­mit be­fas­sen“, ha­be ein­mal ein Rich­ter des Land­ge­richts Dres­den über ihn ge­sagt, so Hei­ne­mann.

Pro­fes­sio­nel­le Dis­tanz zum Man­dan­ten ha­be es ihm auch mög­lich ge­macht, Men­schen zu ver­tei­di­gen, die an­de­ren Men­schen das Le­ben ge­nom­men ha­ben. „So wahn­sin­nig vie­le Mör­der hat­te ich nicht“, sagt Hei­ne­mann. „Ich ha­be schon in Mün­chen ge­lernt, dass es ge­nau­so falsch wä­re, Mit­leid mit ei­nem Straf­tä­ter zu ha­ben wie ihn zu ver­teu­feln.“Er fin­de es nicht falsch, wenn Kol­le­gen an­ders auf­tre­ten als er. „Je­der muss sei­nen Stil fin­den.“

Sei­ne Ma­xi­me sei es im­mer ge­we­sen, ein ver­nünf­ti­ges Er­geb­nis für den Man­dan­ten zu er­zie­len. Manch­mal ha­be die Staats­an­walt­schaft in ei­nen sau­ren Ap­fel bei­ßen müs­sen und manch­mal auch der An­ge­klag­te. „Ein ak­zep­ta­bles Er­geb­nis fliegt ei­nem nicht zu. Da muss man vor­her zei­gen, was man hat und ge­nau wis­sen, wo die Ge­fah­ren lie­gen.“Ein Straf­ver­fah­ren sei Kom­mu­ni­ka­ti­on, und Kom­mu­ni­ka­ti­on zählt zu Hei­ne­manns Kern­kom­pe­ten­zen.

Mit dem Be­griff „Star­an­walt“kön­ne er nicht viel an­fan­gen, sagt Hei­ne­mann. Er ha­be auch klei­ne Dro­gen­händ­ler oder Un­fall­fah­rer ver­tre­ten und nicht nur die „Groß­kop­fer­ten“. Sein ers­ter gro­ßer Fall in Dres­den sei der Über­fall auf die Säch­si­sche Lan­des­bi­blio­thek ge­we­sen, als kurz nach der Wen­de fünf Glücks­rit­ter aus den al­ten Bun­des­län­dern gut 150 wert­vol­le Kar­ten ge­raubt hat­ten. Ei­gent­lich ei­ne kla­re Sa­che, doch der Pro­zess wur­de län­ger und län­ger. Er kul­mi­nier­te in ei­nem Be­weis­an­trag, den da­ma­li­gen saar­län­di­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Os­kar La­fon­tai­ne als Zeu­ge zu hö­ren. Ei­ner der An­ge­klag­ten hat­te als Ali­bi an­ge­ge­ben, sich zur glei­chen Zeit mit La­fon­tai­ne in ei­nem Bor­dell be­fun­den zu ha­ben. Jen­ny und Ma­ry hät­ten sich um ihn ge­küm­mert, ließ der mut­maß­li­che Räu­ber vor­tra­gen. Die Da­men konn­ten nie aus­fin­dig ge­macht wer­den und auch der eins­ti­ge So­zi­al­de­mo­krat kam nicht vor Ge­richt.

In vie­len Fäl­len ging es un­spek­ta­ku­lä­rer, da­für aber zeit­auf­wen­di­ger zu. Wirt­schafts­straf­sa­chen kos­ten Zeit, im eben zu En­de ge­gan­ge­nen In­fi­nus-ver­fah­ren ver­brach­te Hei­ne­mann 160 Ver­hand­lungs­ta­ge im Ge­richt, beim Säch­si­schen Wirt­schafts­dienst wa­ren es 99 Ver­hand­lungs­ta­ge und im Fall der Leip­zi­ger Was­ser­wer­ke 60. „Ir­gend­wie schei­ne ich die­se lan­gen Ver­fah­ren an­zu­zie­hen“, meint der An­walt.

Wer­den ihm Kanz­lei, Ge­rich­te und Ge­fäng­nis­se, stun­den­lan­ge Be­spre­chun­gen und die vie­len Ki­lo­me­ter auf der Au­to­bahn – Hei­ne­mann war nicht nur in Dres­den, son­dern auch in Baut­zen, Görlitz, Leip­zig oder Cott­bus tä­tig – ei­nes Ta­ges feh­len? „Ich weiß es nicht“, sagt der 67-Jäh­ri­ge, „ich ken­ne die Si­tua­ti­on nicht“. Ein­mal in den Jah­ren sei­ner Be­rufs­tä­tig­keit ha­be er sich vier Wo­chen Ur­laub ge­gönnt, zwei Mal drei Wo­chen. „Ich war nie so rich­tig lan­ge im Ur­laub. Das übe ich jetzt mal.“

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Stefan Hei­ne­mann im Be­spre­chungs­zim­mer sei­ner Kanz­lei: Der An­walt blickt auf 27 Jah­re in Dres­den zu­rück.

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160 Ver­hand­lungs­ta­ge: Das In­fi­nus-ver­fah­ren war der letz­te gro­ße Pro­zess für Straf­ver­tei­di­ger Stefan Hei­ne­mann.

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Ita­lie­ni­sche Le­bens­wei­se und Blick auf den Ka­nal: Stefan Hei­ne­mann in sei­ner neu­en Hei­mat in Ve­ne­dig.

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