Traum­spie­le und See­len­dra­men

Heu­te vor 100 Jah­ren wur­de der schwe­di­sche Film- und Thea­ter­re­gis­seur Ing­mar Berg­man ge­bo­ren

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR / BÜHNE DRESDEN - VON NOR­BERT WEHRSTEDT

Er war nicht nur ein Meis­ter. Er war der wohl größ­te Meis­ter, der je Fil­me ge­dreht hat. Als Ing­mar Berg­man am 30. Ju­li 2007 starb (am sel­ben Tag wie An­to­nio­ni), starb ei­ne Epo­che. Der psy­cho­lo­gi­sche Film ist nach Berg­mans Tod nie wie­der auf­er­stan­den. Er ist mit ihm ver­schwun­den – und hat pri­va­te Äs­t­he­tik und per­sön­li­che Sti­lis­tik gleich mit in den Ab­grund ge­ris­sen. Nun gilt Aus­tausch­bar­keit als Qua­li­tät.

Nie blieb Ing­mar Berg­man Be­ob­ach­ter in den düs­te­ren Ge­schich­ten über Schuld und Stra­fe, Furcht und Hass, Ver­zweif­lung und Sehn­sucht, Got­tes­zwei­fel und Lie­bes­su­che. Im­mer war er Lei­den­der bei den Ab­stie­gen in die Tie­fen und Ab­grün­de der mensch­li­chen See­le. Bei ihm wur­den ein ein­sa­mes Haus, Ho­tel­zim­mer, ein Strand, ei­ne In­sel, Na­tur und Land­schaft zu sym­bo­li­schen Or­ten. Er brei­te­te in har­ten Licht- und Schat­ten­spie­len as­ke­ti­sche Er­zäh­lun­gen aus – über die Käl­te der Ein­sam­keit, den Zer­fall von Zwei­sam­keit, die Un­fä­hig­keit für Ge­füh­le, das Le­ben mit Mas­ken. Da war er „Zau­ber­künst­ler und Ta­schen­spie­ler, Pro­phet und Clown, Kra­wat­ten­ver­käu­fer und Pre­di­ger“(Fel­li­ni).

Nichts hat den Sohn ei­nes stren­gen Pas­tors, er­zo­gen mit Stra­fen und De­mü­ti­gun­gen, sein Le­ben lang so sehr fas­zi­niert wie das Ge­sicht. Wer Bi­bi An­ders­son in „Per­so­na“an­sieht und zu­hört, ahnt, was es heißt, Berg­man-schau­spie­ler zu sein. „Wenn die Ka­me­ra so na­he kommt, zeigt sie nicht nur ein Ge­sicht, son­dern auch, was für ein Le­ben die­ses Ge­sicht ge­se­hen hat.“(Bi­bi An­ders­son). Sie, Har­riet An­der­son, In­grid Thul­in, Liv Ull­mann, Gun­nar Björn­strand, Er­land Jo­seph­son, Max von Sy­dow – wer wis­sen will, was Schau­spiel-kunst ist, muss sie sich in Wer­ken von Ing­mar Berg­man an­se­hen. In dunk­len, bit­te­ren Dra­men und Ko­mö­di­en, die al­le vor al­lem ei­nes sind: Traum­spie­le. „Die Träu­me sind wirk­li­cher als die Rea­li­tät, die Wirk­lich­keit gibt es viel­leicht nur als Sehn­sucht.“(Berg­man). Kein Wun­der, dass er Tar­kow­ski über al­les schätz­te.

Ing­mar Berg­man blieb le­bens­lang ein Wan­de­rer zwi­schen Thea­ter und Film. Er wur­de 1944 mit 26 Jah­ren in Hel­sing­borg Schwe­dens jüngs­ter Thea­ter­chef, in­sze­nier­te in Gö­te­borg und Mal­mö, war ab 1963 Chef am Kö­nig­li­chen Schau­spiel­haus, ar­bei­te­te in Mün­chen (nach ei­ner Steu­er­af­fä­re, von der er re­ha­bi­li­tiert wur­de) und Salz­burg. Sein ers­tes Dreh­buch ver­film­te der Alt­meis­ter Alf Sjö­berg 1944 („Hets – Die Hö­ri­ge“), ein ex­pres­sio­nis­ti­scher Psy­cho­thril­ler um ei­nen ge­stör­ten Schul­ty­ran­nen, der ei­nen Schü­ler drang­sa­liert, 1945 dreht er selbst: „Kri­se“, ei­ne Krei­de­kreis-sto­ry um ein Mäd­chen und zwei Müt­ter. Der ers­te von sie­ben Fil­men zwi­schen 1945 und 1949. Das hei­te­re Som­mer­aben­teu­er„die Zeit mit Mo­ni­ka“(1953), das Je­an-luc Go­dard und Truf­faut ju­beln ließ, war ein ers­ter Glanz­punkt im Werk, das in fast 60 Jah­ren auf über 50 Fil­me an­wuchs, „Das Lä­cheln ei­ner Som­mer­nacht“(1955) der Durch­bruch (Gol­de­ne Pal­me in Can­nes). Ein sar­kas­ti­sches Bil­lard der Ge­schlech­ter um Ir­run­gen und Wir­run­gen der Ge­füh­le im Ma­rivaux-stil.

In „Das sie­ben­te Sie­gel“(1957), ei­ner sei­ner bes­ten Ar­bei­ten, lässt Berg­man ei­nen heim­ge­kehr­ten Kreuz­rit­ter mit dem Tod Schach ums Le­ben spie­len. Ein Bil­der­rei­gen wie ein mit­tel­al­ter­li­cher Holz­schnitt. Dann „Wil­de Erd­bee­ren“(1957), ein Psy­cho-road-mo­vie spä­ter Selbst­er­kennt­nis. Ein Meis­ter­werk. Für die his­to­ri­sche Ra­che­tra­gö­die „Die Jung­frau­en­quel­le“(1959) gab es den ers­ten Os­car („Wie in ei­nem Spie­gel“, „Fan­ny und Alexander“soll­ten fol­gen). Skan­dal mach­te „Das Schwei­gen“(1963) mit der schwü­len, rät­sel­haf­ten Stim­mung die­ses Schwes­ter-du­ells im Ho­tel – und den nack­ten Brüs­ten von Gun­nel Lind­blom.

Für das mys­ti­sche Fa­mi­li­en-dra­ma „Wie in ei­nem Spie­gel“(1961) ent­deckt Berg­man, weil er nicht nach Or­kney konn­te, Fårö – und kehrt im­mer wie­der dort­hin zu­rück. Mit ei­nem Haus­bau für Liv Ull­mann, der Part­ne­rin nach „Per­so­na“(1966), mit Fil­men („Fårö-do­ku­ment“, ei­ne un­ter­schätz­te Hom­mage) und ei­nem groß­stadt­fer­nen All­tag auf dem win­di­gen und kar­gen Ei­land.

Den größ­ten Zu­schau­er­er­folg lan­de­te er mit den un­er­bitt­li­chen „Sze­nen ei­ner Ehe“(1973) und mit „Fan­ny und Alexander“(1983), sei­ner Er­in­ne­rung an die Kind­heit aus La­ter­na Ma­gi­ca, Fes­ten, Ge­schwis­ter­nä­he und der Qu­al mit ei­nem Stief­va­ter, der Pas­tor ist. Dass Berg­man sich eher an Carl Theo­dor Drey­er und dem deut­schen Film-ex­pres­sio­nis­mus (den be­herrsch­te Ka­me­ra­mann Sven Nykvist gran­di­os), an der poe­ti­schen Sym­bo­lik von Mar­cel Car­né und St­rind­berg ori­en­tier­te, fin­det man dar­in eher we­ni­ger. Die steckt mehr in „Schan­de“, dem Alp­traum aus Bür­ger­krieg und Ehe­zer­fall, oder den Ge­schich­ten über in­ner­lich Zer­ris­se­ne („Licht im Win­ter“, „Die St­un­de des Wolfs“, „Pas­si­on“, „Flüs­tern und Schrei­en“, „Herbst­so­na­te“). 2003 kehr­te Berg­mann (neun Kin­der von sechs Frau­en) noch ein­mal zu Jo­han und Ma­ri­an­ne aus den „Sze­nen ei­ner Ehe“zu­rück. Sie tref­fen sich, re­den, er­in­nern, lei­den. „Das Fürch­ter­li­che ist, dass wir see­li­sche An­alpha­be­ten sind.“(Berg­man) Ein ewi­ges The­ma als Film-ab­schied.

Fo­to: dpa

Ei­ne Über­fi­gur und für die Kol­le­gen der bes­te Film­re­gis­seur al­ler Zei­ten: Ing­mar Berg­man, der heu­te vor 100 Jah­ren in Upp­sa­la ge­bo­ren wur­de.

Fo­to: Ki­no­welt-dvd

„Das sie­ben­te Sie­gel" (1957) von Ing­mar Berg­man – mit Berg­mans Lieb­lings­schau­spie­ler Max von Sy­dow (l., Rit­ter An­to­ni­us Block) und Bengt Ek­erot (Tod)..

Fo­to: dpa

Re­gis­seur Ing­mar Berg­man und Schau­spie­le­rin Liv Ull­mann wa­ren vier Jah­re ein Paar, ha­ben die ge­mein­sa­me Toch­ter Linn und dreh­ten zu­sam­men..

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