Schau­spie­le­rin Chris­tia­ne Hör­bi­ger wird 80

Das Kunst­mu­se­um Mo­ritz­burg in Hal­le zeigt ab Sonn­tag den Wie­ner Ju­gend­stil­meis­ter Gus­tav Klimt im 100. To­des­jahr

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - VON JÜR­GEN KLEINDIENST

Dumm ge­lau­fen für Leip­zig da­mals: Das „Bild­nis Ma­rie Hen­ne­berg“, 1901/02 von Gus­tav Klimt (1862–1918) ge­malt, be­fand sich für Jahr­zehn­te in der Stadt. Der Leip­zi­ger Mu­sik­ver­le­ger Max Kuhn (1874–1947) hat­te es in den 20ern von der Por­trä­tier­ten er­wor­ben. Bis 1966 be­fand es sich in der Vil­la der Fa­mi­lie in der Rich­t­er­stra­ße 10 in Goh­lis. Kuhns Schwä­ge­rin soll es in Leip­zig zum Ver­kauf an­ge­bo­ten ha­ben, doch es gab wohl kein In­ter­es­se. In Hal­le schon: 1966 kam es als Leih­ga­be in die da­ma­li­ge Staat­li­che Ga­le­rie Mo­ritz­burg, die es 1979 an­kauf­te. In­zwi­schen ist das 140 mal 140 Zen­ti­me­ter gro­ße Werk mit dem stak­ka­to­ar­ti­gen Pin­sel­strich ei­ne in­ter­na­tio­nal leuch­ten­de Iko­ne der Samm­lung. Ab die­sen Sonn­tag strahlt sie noch ein biss­chen hel­ler: Vom 14. Ok­to­ber bis zum 6. Ja­nu­ar ist im Kunst­mu­se­um Mo­ritz­burg ei­ne Aus­stel­lung rund um das Meis­ter­werk zu se­hen, mit Kunst von knapp 30 öf­fent­li­chen und pri­va­ten Leih­ge­bern aus sie­ben Län­dern.

Au­ßer in sei­ner Hei­mat­stadt ist es im 100. To­des­jahr des Wie­ners die ein­zi­ge Klimt-ein­zel­schau welt­weit, be­tont Mu­se­ums­di­rek­tor Tho­mas Bau­er-fried­rich. Auf dem gan­zen Glo­bus sei­en nur et­wa rund 50 Klimt-ge­mäl­de vor­han­den. „Und wir zei­gen zehn.“Schon al­lein die­ser Um­stand recht­fer­tigt, dass der Di­rek­tor hier das Wort „Sen­sa­ti­on“in den Mund nimmt. „Wenn Su­per­la­ti­ve be­rech­tigt sind, dann kann man sie auch mal ver­wen­den“, meint er.

Zu se­hen sind Iko­nen, et­wa die wie aus ei­nem Farb­vor­hang her­vor­tre­ten­de „Eu­ge­nia Pri­ma­vesi“, ge­malt 1913/1914, ei­ne Leih­ga­be des To­yo­ta Mu­ni­ci­pal Mu­se­um of Art in Ja­pan. Oder der ge­heim­nis­voll schwe­ben­de „Bu­chen­wald 1“von 1902, der von den Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen aus Dres­den kam. Klimts Tod ver­hin­der­te die Fer­tig­stel­lung des Por­träts der Ama­lie Zu­cker­kandl (1917/18). Die ei­gent­li­che Dra­ma­tik im Zu­sam­men­hang mit die­sem Bild liegt im Schick­sal der Dar­ge­stell­ten, die 1895 zum Ju­den­tum kon­ver­tiert war, 1942 von den Na­zis de­por­tiert und er­mor­det wur­de.

Hier scheint ein tra­gi­scher Hin­ter­grund für die ei­gen­ar­ti­ge Re­zep­ti­ons­ge­schich­te die­ses Meis­ters der Far­be und Li­nie auf, ei­nes zu Leb­zei­ten ge­fei­er­ten Kön­ners, der nach sei­nem Tod re­la­tiv schnell ver­ges­sen wur­de. 1862 in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen ge­bo­ren, hat­te er sich schon mit An­fang 20 auf dem Kunst­markt eta­bliert. 1894 dann die Wen­de: Klimt er­hält den Auf­trag, drei Bil­der für den Fest­saal der Wie­ner Uni­ver­si­tät zu ma­len. Mit den so­ge­nann­ten Fa­kul­täts­bil­dern, der „Phi­lo­so­phie“, „Me­di­zin“und „Ju­ris­pru­denz“, schockt er sei­ne Auf­trag­ge­ber – Stu­di­en da­zu sind in der Aus­stel­lung zu se­hen. Klimt ent­deckt den Sym­bo­lis­mus für sich, das fin­den nicht al­le gut. Fort­an nimmt der Künst­ler kei­ne öf­fent­li­chen Auf­trä­ge mehr an, son­dern por­trä­tiert das auf­stre­ben­de jü­di­sche Groß­bür­ger­tum in Wi­en – vor al­lem die Frau­en.

Vie­le die­ser Por­träts werden im Zu­ge der Ju­den­ver­fol­gung un­ter Druck ver­kauft und erst durch die seit den 80er Jah­ren ge­führ­te De­bat­te um Raub­kunst und im Zu­sam­men-

Ma­gie der Far­ben: Gus­tav Klimt: Eu­ge­nia Pri­ma­vesi (1913/1914, Öl auf Lein­wand, 140 x 85 cm, Ja­pan, To­yo­ta Mu­ni­ci­pal Mu­se­um of Art).

hang mit Re­sti­tu­ti­ons­ver­fah­ren wie­der zum öf­fent­li­chen The­ma. Ei­ne Klimt-re­nais­sance setzt ein. 2006 wech­sel­te das Por­trät „Ade­le Bloch-bau­er I“für 135 Mil­lio­nen Dol­lar den Be­sit­zer. Kaum ein Künst­ler ist in­zwi­schen so be­rühmt – und auf Kaf­fee­tas­sen oder Re­gen­schir­men ver­brei­tet – wie die­ser Klimt. So über­rascht es nicht, dass die Ver­si­che­rungs­sum­me für die Aus­stel­lung in Hal­le im drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich liegt, ei­ne Sum­me die mit ei­ner Lan­des­ga­ran­tie ver­se­hen wur­de, wie Sach­sen-an­halts Kul­tur­mi­nis­ter Rai­ner Ro­bra bei der stark be­such­ten Pres­se­kon­fe­renz zur Aus­stel­lung er­läu­ter­te.

Na­he kommt man die­sem Ein­zel­gän­ger, der so un­ver­wech­sel­bar mal­te, ins­be­son­de­re mit­hil­fe sei­ner Zeich­nun­gen. Das Mu­se­um prä­sen­tiert 63 aus al­len Schaf­fens­pe­ri­oden – ei­ni­ge da­von, ins­be­son­de­re die Rot­stift­zeich­nun­gen, sind so zart, dass sie vor dem Be­trach­ter zu zer­ge­hen schei­nen.

Mehr als 50 Lux ver­tra­gen die meis­ten Ar­bei­ten nicht, die Be­leuch­tung ist al­so ge­dimmt. Man sieht den­noch ge­nug, auch weil die­se Kunst von in­nen zu leuch­ten scheint. Wir be­geg­nen hier dem Ar­beits­pro­zess, et­wa mit den Vor­zeich­nun­gen zu den be­rühm­ten Por­träts. Wir se­hen sei­nen Mo­del­len in die Au­gen, spü­ren ih­ren Stolz, ih­re Selbst­be­wusst­heit und Schön­heit, die sich nie ganz zu of­fen­ba­ren scheint – nicht sel­ten ero­tisch, nie por­no­gra­fisch. Es ist kein Ge­heim­nis: Klimt lieb­te die Frau­en, und die Frau­en lieb­ten ihn. Min­des­tens sechs Kin­der von drei Ge­lieb­ten hat­te er. Ver­hei­ra­tet war er aber al­lein mit der Kunst. „Wer über mich – als Künst­ler, der al­lein be­ach­tens­wert ist – et­was wis­sen will, der soll mei­ne Bil­der auf­merk­sam be­trach­ten und dar­aus zu er­ken­nen su­chen, was ich bin und was ich will“, hat Klimt über sich ge­sagt.

Die Aus­stel­lung gibt Ge­le­gen­heit da­zu, gera­de in der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem pu­ris­ti­schen Zeich­ner. „Vier Zeich­nun­gen aus der Chem­nit­zer Samm­lung Gun­zen­hau­ser sind das ers­te Mal über­haupt zu se­hen“, sagt Bau­er-fried­rich, der bis 2014 in den dor­ti­gen Kunst­samm­lun­gen tä­tig war. „Wenn Sie et­was brau­chen, sa­gen Sie Be­scheid“, mein­te die da­ma­li­ge Di­rek­to­rin In­grid Mös­sin­ger zum Ab­schied. Er sag­te Be­scheid.

Die in der Vor­be­rei­tung zu ei­ner Re­tro­spek­ti­ve ge­wach­se­ne Schau be­ginnt mit frü­hen Ar­bei­ten, un­ter an­de­rem aus der Stu­di­en­zeit, geht wei­ter über die ful­mi­nan­ten Da­men­bild­nis­se zu Land­schaf­ten, die er oh­ne Auf­trag mal­te, „in sei­ner vol­len Frei­heit“, wie Ku­ra­tor Wolf­gang Bü­che er­klärt. Wei­ter geht es zu sym­bo­lis­ti­schen Ar­bei­ten, mit Klimts fan­tas­ti­schem Ge­mäl­de „Irr­lich­ter“in der Mit­te. Man be­geg­ne sei­nem gro­ßen The­ma, dem Le­bens­kreis­lauf des Men­schen, sagt Bu­che. Für ihn ist Klimt ein „Meis­ter des Ju­gend­stils und Brü­cken­bau­er in die Zu­kunft“. Ein letz­ter Raum lenkt die Auf­merk­sam­keit auf den Stand­ort, für den Klimt das Por­trät der Ma­rie Hen­ne­berg mal­te, die Vil­la Hen­ne­berg in Wi­en, und stellt den Ehe­mann Hu­go Hen­ne­berg (1863–1918) vor, ei­nen Un­ter­neh­mer, Phy­si­ker, Mä­zen und Künst­ler.

Leip­zig hat na­tür­lich auch sei­nen An­teil am Klimt-aus­ru­fe­zei­chen in Hal­le. Al­f­red Wei­din­ger, Di­rek­tor des Mu­se­ums der bil­den­den Küns­te, lang­jäh­ri­ger Vi­ze­di­rek­tor des Bel­ve­de­re in Wi­en und Klimt-ex­per­te, half bei Leih­ga­ben und mit Kon­tak­ten. Im opu­len­ten Ka­ta­log stellt er in ei­nem Bei­trag das Phä­no­men Klimt vor. Im Bil­der­mu­se­um sind in der Raum­grup­pe „Max Klin­ger und sei­ne Zeit“drei der vier Leip­zi­ger Klimt­zeich­nun­gen zu se­hen – mit Emp­feh­lung ei­nes Be­suchs der Aus­stel­lung in Hal­le. Gus­tav Klimt im Kunst­mu­se­um Mo­ritz­burg in Hal­le (Frie­de­mann-bach-platz 5); 14.10.–6.1., Mo, Di, Do–so 10–18 Uhr

Fo­to: Aus­tri­an Ar­chi­ves/sca­la Flo­rence

Fo­to: AP

Be­fand sich einst in Leip­zig, ist jetzt ei­ne Iko­ne des Kunst­mu­se­ums Mo­ritz­burg: Klimts „Bild­nis Ma­rie Hen­ne­berg (1901/1902).

Fo­to: Wie­n­er­roi­t­her & Kohl­ba­cher

Brust­bild ei­ner Da­me von vorn (1916/17, Aus­schnitt)

Fo­to: pk/d'ora-ben­da

Gus­tav Klimt auf ei­nem Fo­to aus dem Jahr 1908.

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