Ju­so­chef Küh­nert: „Glaub­wür­dig­keit ist die wich­tigs­te Wäh­rung“

Der neue Hoff­nungs­trä­ger über die Bay­ern­wahl, Per­spek­ti­ven in Sach­sen und Thü­rin­gen und Hartz-iv-fol­gen

Dresdner Neueste Nachrichten - - SACHSEN UND MITTELDEUTSCHLAND -

DRES­DEN. Ju­so-chef Ke­vin Küh­nert (29) gilt spä­tes­tens seit der No-groko-kam­pa­gne als neu­er Hoff­nungs­trä­ger der SPD. Im In­ter­view spricht er über sei­ne Zie­le und Vor­stel­lun­gen.

Herr Küh­nert, am Sonn­tag ste­hen die Land­tags­wah­len in Bay­ern an. Wird sich da­mit das po­li­ti­sche Ge­fü­ge in Deutsch­land end­gül­tig ver­schie­ben?

Das ist jetzt noch zu früh, um so et­was zu pro­phe­zei­en. Of­fen­kun­dig ist nur, dass die Zeit von Al­lein­re­gie­run­gen wie in Bay­ern end­gül­tig vor­bei ist. Das ist jetzt kein spe­zi­fi­sches Bay­ern-pro­blem, aber die CSU hat sich eben ex­trem dumm in den letz­ten Mo­na­ten an­ge­stellt. Nach in­nen wie nach au­ßen.

Die SPD kann aber von den avi­sier­ten Csu-stimm­ver­lus­ten of­fen­bar auch nicht pro­fi­tie­ren. War­um ei­gent­lich nicht?

Ich ha­be ganz viel Bay­ern-wahl­kampf in den letz­ten Wo­chen ge­macht und be­merkt, dass die Stim­mung ge­gen­über der Bay­ern-spd über­haupt nicht feind­se­lig ist. Man wird nur per­ma­nent auf die Bun­des­po­li­tik an­ge­spro­chen. Un­se­re Spit­zen­kan­di­da­tin Na­ta­scha Koh­nen wird re­spek­tiert als Ge­gen­ent­wurf zur breit­bei­ni­gen bay­ri­schen Csu-män­ner­welt.

Was aber wahr­schein­lich nicht in der Wahl­ka­bi­ne an­kom­men wird.

Am En­de hängt der Bay­ern-spd die Ber­li­ner Po­li­tik wie ein Klotz am Bein. Wäh­rend die Grü­nen als stärks­ter Kon­trast zum au­to­ri­tä­ren Ber­li­ner Po­li­tik-mo­dell wahr­ge­nom­men werden und of­fen­bar da­von pro­fi­tie­ren.

Die Ber­li­ner Po­li­tik als Klotz am Bein: Ge­nau­so ar­gu­men­tiert die säch­si­sche CDU...

Man kann nun wirk­lich nicht be­haup­ten, dass die Ko­ali­ti­on im letz­ten Jahr os­car­reif ge­ar­bei­tet hät­te. Da lei­den al­le dar­un­ter. Ich will jetzt aber auch nicht je­de Land­tags­wahl von ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung frei­spre­chen, das wä­re auch zu bil­lig. In Hes­sen zeigt un­ser Spit­zen­kan­di­dat Thors­ten Schä­fer-güm­bel gera­de, dass man es schaf­fen kann, bis zu acht Pro­zent­punk­te über dem Bun­des­trend zu ste­hen. Man hat al­so noch ei­ne ei­ge­ne Ein­fluss­sphä­re vor Ort, die ist aber be­grenzt.

Könn­te das Kli­ma in der Groko nach den Land­tags­wah­len in Bay­ern und Hes­sen nicht ent­spann­ter werden? Schließ­lich hat dann nie­mand mehr et­was zu ver­lie­ren.

Ent­we­der so – oder es wird noch ge­spann­ter. Al­lein der Blick auf die ner­vö­se Uni­on reicht schon aus, um sich aus­zu­ma­len, was pas­sie­ren könn­te. Soll­te Hes­sen für die CDU ver­lo­ren ge­hen, was nicht un­mög­lich ist, brennt bei de­nen die Hüt­te.

Mit Blick auf die Land­tags­wah­len in Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg: Was wä­re ein Er­folg für die SPD? Wei­ter­be­tei­li­gung an den Lan­des­re­gie­run­gen?

Ei­ne Par­tei ist im­mer schlecht da­mit be­ra­ten, ih­ren Er­folg an der Fra­ge von Re­gie­rungs­be­tei­li­gun­gen zu mes­sen. Na­tür­lich wol­len wir gern re­gie­ren. Aber mit der Fra­ge der Re­gie­rungs­be­tei­li­gung ist ja noch nicht be­ant­wor­tet, was wir dann ei­gent­lich kon­kret ma­chen. Da sind die Aus­gangs­la­gen in den Bun­des­län­dern sehr un­ter­schied­lich. So fra­gil wie das Par­tei­en­sys­tem heu­te ist, las­sen sich pau­scha­le Aus­sa­gen dar­über nicht tref­fen. In Sach­sen und Thü­rin­gen kön­nen wir zu­min­dest deut­lich ma­chen, mit wem wir nicht ko­alie­ren werden. Re­gie­rungs­be­tei­li­gun­gen mit der AFD sind ein ab­so­lu­tes No go. Auch nicht in­di­rekt.

War­um tut sich die SPD in der Re­gi­on so schwer?

Die SPD ver­liert gera­de in struk­tur­schwa­chen Ge­bie­ten Ein­fluss, weil sich das Ver­spre­chen der gleich­wer­ti­gen Le­bens­ver­hält­nis­se nicht aus­rei­chend ein­ge­löst hat. Da geht es um Bah­nen, die am Wo­che­n­en­de nicht mehr fah­ren. Öf­fent­li­cher Wohn­raum, der ver­kauft wur­de und nun fehlt, um wie­der mehr be­zahl­ba­re Woh­nun­gen an­zu­bie­ten. Schwe­rer er­reich­ba­re Arzt­pra­xen und so wei­ter.

War­um wur­de der länd­li­che Raum von den eta­blier­ten Par­tei­en über­haupt ver­nach­läs­sigt?

Weil wir kei­ne Su­per­markt-ket­te sind, son­dern nur dort stark, wo wir un­se­re Mit­glie­der ha­ben. Im länd­li­chen Raum ver­liert sich das na­tur­ge­mäß mehr. Im Os­ten kommt zum länd­li­chen Raum, der eh schwach auf­ge­stellt ist ei­ne po­li­ti­sche Kul­tur, die we­ni­ger auf Par­tei­mit­glied­schaft aus­ge­rich­tet ist.

Wie weit ist die an­ge­streb­te Er­neue­rung der SPD?

Es war klug, dass wir uns sehr viel Zeit da­für ge­nom­men ha­ben. Ich möch­te mir gar nicht vor­stel­len, was es für ei­ne Er­neue­rung ge­wor­den wä­re, wenn wir jetzt schon fer­tig sein müss­ten. Es braucht un­end­lich viel Zeit. Ich selbst bin in ei­ner der vier Ar­beits­grup­pen und be­schäf­ti­ge mich dort mit So­zi­al­staat, Da­seins­vor­sor­ge, In­te­gra­ti­on und so wei­ter. Wenn man das se­ri­ös ma­chen möch­te, braucht das viel Ar­beit im Hin­ter­grund. Die al­ten Pa­pie­re, die in den Mi­nis­te­ri­en in den Schub­la­den lie­gen, her­aus­zu­ho­len, um hier und da ein Sch­räub­chen zu dre­hen, bringt nur ei­nes: Die Auf­merk­sam­keit da­für wird gleich null sein.

Lang­wie­rig­keit ist aber noch kei­ne Qua­li­täts­ga­ran­tie?

Die Leu­te er­war­ten von uns nicht die 23. Mi­ni-re­form von Hartz IV, son­dern dass uns et­was Bes­se­res ein­fällt. Da geht es um die Sank­ti­ons­fra­ge, um die Nicht­aus­kömm­lich­keit der Re­gel­sät­ze und die An­er­ken­nung von Le­bens­leis­tung. Wenn wir an die­sen Stell­schrau­ben nichts hin­be­kom­men, brau­chen wir uns als Er­neue­rer gar nicht bli­cken zu las­sen.

Die Frak­ti­ons­che­fin der Lin­ken, Sah­ra Wa­genk­necht, ver­sucht gera­de mit der Samm­lungs­be­we­gung ,Auf­ste­hen’ das lin­ke La­ger zu ver­ei­nen. Wie ste­hen Sie da­zu?

Ich hal­te es auch für not­wen­dig, dass Leu­te, die sich in der Ge­sell­schaft links ver­or­ten, ih­re Kräf­te bün­deln müs­sen. Denn vie­le Er­run­gen­schaf­ten der Lin­ken ste­hen un­ter Druck. Sie müs­sen ver­tei­digt und so­gar aus­ge­baut werden. Ich bin nur wei­ter­hin nicht da­von über­zeugt, dass aus­ge­rech­net die Per­son, die seit Jah­ren ei­ner en­ge­ren Zu­sam­men­ar­beit auch im Par­la­ment sich nur mit über­schau­ba­rer Be­geis­te­rung ge­öff­net hat, nun die­se Be­we­gung an­füh­ren soll.

Wie se­hen Sie Ih­re ei­ge­ne Rol­le? SPDSpit­zen­kan­di­dat für die Eu­ro­pa­wahl woll­ten Sie ja nicht werden.

Ich ha­be nach der No-groko-kam­pa­gne ganz be­wusst ge­sagt, dass man mir nichts an­zu­bie­ten braucht. Den Ju­sos und mir wur­de ei­ne Form von Glaub­wür­dig­keit zu­ge­mes­sen, die man in der heu­ti­gen Po­li­tik nicht mehr so leicht be­kommt. Das ist aber die sen­si­bels­te und wich­tigs­te Wäh­rung, mit der wir in der Po­li­tik ar­bei­ten. Ich wer­de al­les da­für tun, da­mit sehr sorg­sam um­zu­ge­hen und nicht gän­gi­ge Bil­der zu be­stä­ti­gen. Nach dem Mot­to: Es gibt ei­nen po­li­ti­schen Kon­flikt und die Ge­gen­sei­te wird freund­lich um­armt, in­dem man ihr ein Amt oder ei­nen Job an­bie­tet. Wenn man sa­gen kann: Der jun­ge Hüp­fer hat ein hal­bes Jahr Auf­stand ge­macht und nun ha­ben wir ihn wie­der ein­ge­fan­gen, dann ist das Gift für die po­li­ti­sche Kul­tur.

In­ter­view: Jan Emen­dör­fer, An­dré Böhmer, Ro­land He­rold

Ke­vin Küh­nert (M. ) im Ge­spräch mit den Re­dak­teu­ren Jan Emen­dör­fer (r.), An­dré Böhmer und Ro­land He­rold (2.v.r.)., mit da­bei auch Sach­sens Spd-ge­ne­ra­lin Daniela Kol­be.

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