Ei­ne gro­ße Idee – und ei­ne gro­ße Auf­füh­rung

Brit­tens War Re­qui­em er­klang mit Dresd­ner Chö­ren, In­stru­men­ta­lis­ten und So­lis­ten so­wie süd­afri­ka­ni­schen Gäs­ten in der Kreuz­kir­che

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON MA­REI­LE HANNS

Als sich Ek­ke­hard Klemm und die Sing­aka­de­mie Dres­den vor fast ge­nau fünf Jah­ren und am glei­chen Ort für Ben­ja­min Brit­tens Hym­ne auf den Pa­zi­fis­mus, sein War Re­qui­em, ent­schie­den, ge­schah das im Zu­sam­men­hang mit ei­nem Gast­kon­zert in der Ka­the­dra­le von Co­ven­try, die durch deut­sche Luft­an­grif­fe zur Rui­ne wur­de und in der 1962 die Urauf­füh­rung statt­fand. Der un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­de 100. Jah­res­tag des En­des des 1. Welt­krie­ges ist jetzt An­lass, sich er­neut mit die­sem Aus­nah­me­werk zu be­schäf­ti­gen, das in sehr be­son­de­rer und au­then­ti­scher Wei­se dem Ruf nach Äch­tung al­ler Krie­ge, nach welt­wei­ter Ver­stän­di­gung und Ver­söh­nung klin­gen­de Gestalt gibt. Auch die da­mit ver­bun­de­ne Rei­se vie­ler Mit­wir­ken­der nach Süd­afri­ka und die Tat­sa­che, dass jun­ge Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker aus Deutsch­land und Süd­afri­ka an dem Kon­zert in der Dresd­ner Kreuz­kir­che be­tei­ligt wa­ren, passt in die­ses Kon­zept. Ei­nen spe­zi­fisch dresd­ne­ri­schen Aspekt er­hielt das Gan­ze durch ei­ne sehr schlich­te Wie­der­ga­be von Mau­ers­ber­gers „Wie liegt die Stadt so wüst“.

Die drei ei­gent­lich völ­lig kon­trä­ren Ebe­nen des War Re­qui­ems ge­hen ei­ne kon­tra­punk­tisch ge­setz­te, auf­wüh­len­de Ver­bin­dung ein: der gro­ße Chor (Sing­aka­de­mie Dres­den und Sym­pho­ny Choir of Johannesburg) ver­tie­fen sich zu­sam­men mit dem So­lo­so­pran, Orches­ter (Lan­des­ju­gend­or- ches­ter Sach­sen) so­wie Or­gel (Pas­cal Kaufmann) in die la­tei­ni­sche To­ten­kla­ge „Re­qui­em ae­ter­nam do­na eis“. Dem ste­hen die sprö­den An­ti­kriegs­ge­dich­te von Wilf­red Owen ge­gen­über – er starb 25-jäh­rig ei­ne Wo­che vor Kriegs­en­de 1918 den Sol­da­ten­tod. Sie sind Te­nor und Ba­ri­ton so­wie ei­nem Kam­mer­or­ches­ter (Sin­fo­ni­et­ta Dres­den un­ter Lei­tung von Richard Cock) über­tra­gen. Der Ge­gen­satz zwi­schen die­sen bei­den Tei­len wur­de durch die rä­um­li­che Auf­stel­lung be­tont. Von der Or­gel­em­po­re aus misch­te ein Kin­der­chor (Kin­der­chor der Sing­aka­de­mie und Mit­glie­der des Dresd­ner Mäd­chen­cho­res des Schütz-kon­ser­va­to­ri­ums, Lei­tung: Clau­dia Se­bas­ti­anBertsch) zu­dem trös­ten­den Stim­men ein.

Das Re­qui­em fas­zi­niert durch sei­ne Kom­ple­xi­tät – nicht aus­schließ­lich Trost, nicht nur Schre­cken, nicht nur geist­li­che Be­wäl­ti­gung des The­mas Krieg, son­dern auch un­mit­tel­ba­re Re­fle­xi­on des Grau­ens, nicht nur Mah­nung an die Nach­ge­bo­re­nen und Ehr­er­bie­tung für die To­ten, nichts bom­bas­tisch Aus­la­den­des – Stil­le und in­ne­re Ein­kehr grei­fen Raum. Nie er­lah­mend prägt das „dia­bo­li­sche“Tri­to­nusIn­ter­vall das mu­si­ka­li­sche Ge­sche­hen.

Nein, Ben­ja­min Brit­ten ging es nicht um die all­zu ein­fa­che, ver­söhn­li­che Auf­lö­sung in Har­mo­nie und Ver­ges­sen. Und die­ser Ge­dan­ke spie­gel­te sich auch und be­son­ders nach­drück­lich in die­ser In­ter­pre­ta­ti­on wi­der. Ek­ke­hard Klemm und al­le an­de­ren Be­tei­lig­ten bo­ten ei­ne Wie­der­ga­be von gro­ßer mu­si­ka­li­scher wie ge­stal­te­ri­scher Ge­schlos­sen­heit, über­zeu­gend in den De­tails, ein­dring­lich und sou­ve­rän. Klemm führ­te den rie­si­gen Klan­gap­pa­rat höchst dif­fe­ren­ziert und sorg­fäl­tig – klug aus­ba­lan­ciert zwi­schen den erup­ti­ven Zu­spit­zun- gen der Li­t­ur­gie und den schlich­ten, kam­mer­mu­si­ka­li­schen Owen-pas­sa­gen.

Die Chö­re zeig­ten sich sämt­lich bes­tens vor­be­rei­tet und auf der Hö­he der Auf­ga­ben. Selbst im heik­len Be­ginn des „Dies irae“gab es kei­ne grö­ße­ren Pro­ble­me, eben­so­we­nig in der „Quam olim Abra­hae“-fu­ge bzw. im dra­ma­tisch auf­brau­sen­den „Li­be­ra me“.

Re­gel­recht in Er­stau­nen ver­setz­te die Leis­tung des Lan­des­ju­gend­or­ches­ters Sach­sen (Vor­be­rei­tung Mil­ko Kers­ten, er lei­te­te ges­tern abend im Leip­zi­ger Ge­wand­haus ei­ne wei­te­re Auf­füh­rung), das nicht nur blitz­sau­ber und sehr ge­schmei­dig agier­te, son­dern auch mit der kom­ple­xen Ton­spra­che Brit­tens und de­ren Be­son­der­hei­ten bes­tens ver­traut schien. Da war nicht nur nim­mer­mü­der Ei­fer zu re­gis­trie­ren, son­dern vor al­lem in­stru­men­ta­les Kön­nen (Schlag­werk!)und das Stre­ben nach ge­stal­te­ri­schem Tief­gang.

In Sa­chen Ex­pres­si­vi­tät und Aus­drucks­kraft blie­ben auch die So­lis­ten An­dis­wa Ma­ka­na, Siy­abon­ga Maqun­go und Da­ni­el Ochoa nicht das Ge­rings­te schul­dig. Das gilt für die nicht gera­de ge­rin­gen An­for­de­run­gen an den So­pran (z.b. „Sanc­tus“) wie auch für die bei­den Her­ren (wie be­rüh­rend ihr Zwie­ge­s­päch im To­ten­reich oder das te­no­ra­le Kla­ge­lied „One ever hangs“). Brit­ten ver­lang­te von den Urauf­füh­rungs­sän­gern „Schön­heit, In­ten­si­tät und Ernst­haf­tig­keit“. Dem ka­men sie al­le nach an die­sem Abend.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.