Zer­ris­se­nes Blau in Tur­bu­len­zen

Ar­bei­ten von Ro­ger Bon­nard in der Ga­le­rie Mit­te

Dresdner Neueste Nachrichten - - BÜHNE DRESDEN - VON HEINZ WEIßFLOG

Ein tief at­mo­sphä­ri­sches Blau scheint in die­sen Ta­gen die Räu­me der Ga­le­rie Mit­te zu durch­strö­men. Das be­wirkt die farb­in­ten­si­ve Ma­le­rei des in Wei­mar le­ben­den und ar­bei­ten­den Ma­lers und Gra­fi­kers Ro­ger Bon­nard, der seit vie­len Jah­ren zu den Stamm­künst­lern der Ga­le­rie von Ka­rin We­ber ge­hört. Be­glei­tet von im­mer wie­der an­de­ren Tö­nun­gen in­ein­an­der ver­schwim­men­der Rots und Gelbs oder ei­nem fluo­res­zie­ren­den Grün er­gibt sich für den Be­trach­ter ein Kos­mos aus Far­be und Licht, der sich so­wohl in abs­trak­te als auch ge­gen­ständ­li­che For­men gießt. Un­ter dem la­pi­da­ren Ti­tel „Was­ser­zei­chen“zeigt der Künst­ler Misch­tech­ni­ken, Aqua­rel­le, Zeich­nun­gen und Ra­die­run­gen zu den The­men Was­ser, Land­schaft, Por­trät und Akt so­wie ei­ni­ge in­for­mel­le Bil­der, die durch das Va­ge und Groß­zü­gig-auf­ge­fass­te in ih­nen fas­zi­nie­ren. Bei den zahl­rei­chen Land­schaf­ten, meist Aqua­rel­len, va­ri­iert Bon­nard Re­mi­nis­zen­zen an fran­zö­si­sche Or­te wie Rous­sil­lon, Ga­te Bour­se, Tou­rai­ne und Olé­ron. Man ahnt die schmerz­li­che Sehn­sucht nach den Or­ten der Kind­heit und Ju­gend des 1947 in Rou­en ge­bo­re­nen Bon­nard, der 1970 we­gen sei­ner deut­schen Ehe­frau in die DDR kam, wo er von 1981 bis 1987 an der HFBK Dres­den bei Prof. G. Kett­ner Ma­le­rei und Gra­fik stu­dier­te. Eben­so ist in den Bil­dern der Aus­stel­lung die Ge­gend um Wei­mar von Be­deu­tung, sei­ne un­mit­tel­ba­re Wohn­um­ge­bung am Kirsch­berg, der ei­ne gleich­na­mi­ge Ar­beit aus dem Jahr 2016 ge­wid­met ist, so­wie an­de­re Ar­bei­ten von Tie­furt und ei­ner al­ten Müh­le. Die drei im Foy­er der Ga­le­rie aus­ge- stell­ten klein­for­ma­ti­gen Misch­tech­ni­ken auf Pa­pier stim­men auf den Rund­gang ein. Sie über­zeu­gen durch fein­farb­li­che Ab­stim­mung und leicht ab­stra­hier­te, groß­zü­gi­ge Be­hand­lung des Mo­ti­ves in fluo­res­zie­ren­den Blaus und Grüns, da­rin ver­bor­gen gelb­lich-hel­le Lich­ter, die aus den dun­kel ver­schat­te­ten Räu­men ge­heim­nis­voll leuch­ten.

In den zahl­rei­chen Land­schaf­ten, be­son­ders in den Aqua­rel­len, lo­dert ein süd­li­ches Feu­er (wie in „Ca­ni­cu­le“, 2018), de­ren The­ma die gro­ßen Hit­ze­wel­len des süd­fran­zö­si­schen Som­mers sind, aber auch die hei­ßen Som­mer bei uns. Die in­ein­an­der durch­drin­gen Far­ben, wo Rot in Gelb ver­schwimmt und durch ei­nen ver­flie­ßen­den Ho­ri­zont kaum ge­trennt werden, of­fen­bart sich so­wohl die Im­pres­si­on als auch ein star­ker Aus­druck vor der ima­gi­nier­ten, oft ge­wal­ti­gen Ku­lis­se des Mee­res, die fast ins In­for­mel­le stürzt, rau­chig und im Dunst süd­li­cher Hit­ze zer­fließt.

Zahl­rei­che groß­for­ma­ti­ge Misch­tech­ni­ken, dar­un­ter „Am Feld­rand“(2009) und „Son­nen­blu­men“(2017) fal­len durch ih­re kraft­vol­le far­bi­ge Durch­drin­gung und ma­le­ri­sche Be­ar­bei­tung auf, teils an süd­fran­zö­si­schen Mo­ti­ven ori­en­tiert oder auch an Or­ten, die in ihm selbst exis­tie­ren. An sich Traum­land­schaf­ten, die je­der To­po­gra­fie ent­beh­ren und den ma­le­ri­schen Ge­gen­stand in den Fo­kus neh­men. Man spürt Lei­den­schaft und den un­be­ding­ten Wil­len zur Kraft („Tur­bu­len­zen“, 2012), aber auch die tie­fe exis­ten­zi­el­le Not­wen­dig­keit ma­len zu müs­sen, um men­tal zu über­le­ben.

Gro­ße An­zie­hung üben die vie­len Ak­te auf un­ter­schied­lich far­bi­gen Grün­den, dar­un­ter der „Akt rot-gelb“(2006) und an­de­re, die sich im Bild durch ei­ne li­nea­re Prä­senz aus­zeich­nen und sacht, sei­dig und duf­tig das Kör­per­li­che trans­pa­rent vor ei­nem durch­läs­si­gen Grund dar­bie­ten („Lie­gen­der Akt in blau­em Hemd“, 2009). Ne­ben den nur li­ne­ar an­ge­deu­te­ten gibt es auch be­rü­cken­de Ak­te, die ein we­nig an die ero­ti­sche und ver­füh­re­ri­sche Aus­strah­lung von Egon Schie­les weib­li­chen Ak­ten er­in­nern, so­wohl in der spar­sa­men und plas­ti­schen Be­hand­lung des Kör­per­li­chen in der Kon­tur, den Ein­satz von we­ni­ger, aber da­für poin­tier­ter Far­be (z.b. für das Kör­per­haar) als auch in den un­ge­wohn­ten, ganz ei­gen­wil­li­gen, reiz­vol­len Po­sen des lie­gen­den Mo­dells.

Ei­ne Ar­beit, ein ex­pres­si­ver Sche­men ganz aus ver­tief­ten Blau­tö­nen trägt den Ti­tel „ Fleur bleue“(Blaue Blu­me), wo­mit Bon­nard an den My­thos der Ro­man­ti­ker an­knüpft. Auch der „Blau­re­gen“(2014) kommt zu sei­nem Recht, der viel­leicht an ei­ner Mau­er präch­tig her­ab­hängt in schwe­ren Trau­ben. Vio­let­ter La­ven­del duf­tet ei­nem aus dem Bild ent­ge­gen. Ein Blatt mit Ra­die­run­gen (Por­träts und Aus­sprü­che) zum Lu­ther­jahr 2017 er­gänzt die Rei­he der Druck­gra­fi­ken. 20 Ra­dier-mi­nia­tu­ren (2004) mit Kör­per-land­schaf­ten ma­chen Lust dar­auf, nach Hau­se ge­tra­gen zu werden. Schließ­lich gibt es auch ei­nen lo­ka­len Be­zug zur Stadt Dres­den in die­ser Aus­stel­lung mit 24 Koh­le­zeich­nun­gen, al­le­samt cha­rak­te­ris­ti­sche Por­träts („Dresd­ner Köp­fe“) von Freun­den, Kol­le­gen und Ori­gi­na­len wie Chris­tia­ne La­ten­dorf, Mat­ze Grie­bel, Lutz Flei­scher und Hans Kro­mer. bis 20. Ok­to­ber, Ga­le­rie Mit­te, Strie­se­ner Str. 49, Tel. 0351/459 00 52 ge­öff­net Di-fr 15-19, Sa 10-14 Uhr

➦ www.ga­le­rie-mit­te.de

Fo­to: Ga­le­rie

Ro­ger Bon­nard, Raps­feld, Misch­tech­nik auf Lein­wand, oh­ne Jahr.

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