Kein No­bel­preis, aber ei­ne Preis­trä­ge­rin

Die 81-jäh­ri­ge ka­ri­bi­sche Au­to­rin Ma­ry­se Con­dé wird al­ter­na­tiv ge­ehrt

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR / BÜHNE DRESDEN - VON NI­NA MAY

In ei­nem Text über den No­bel­preis soll­te der Preis­trä­ger am An­fang ste­hen. Al­so hier:die ka­ri­bi­sche Au­to­rin Ma­ry­se Con­dé wur­de am Frei­tag ge­ehrt. Al­ler­dings nicht mit dem rich­ti­gen Li­te­ra­tur­no­bel­preis. Zur Er­klä­rung muss man et­was wei­ter aus­ho­len: Die Ver­kün­dung des Li­te­ra­tur­no­bel­prei­ses mar­kiert tra­di­tio­nell ei­nen Hö­he­punkt der Frank­fur­ter Buch­mes­se. Die­ses Jahr je­doch wird die­ser nicht ver­lie­hen. Das Ver­ga­be­gre­mi­um, die Schwe­di­sche Aka­de­mie, hat den Ruf als hoch ehr­wür­di­ge In­sti­tu­ti­on in­fol­ge der Kon­tro­ver­se um den Kul­tur­ma­na­ger Je­an-clau­de Ar­nault und sei­ne Frau, dem Aka­de­mie­mit­glied Ka­ta­ri­na Fros­ten­son, ein­ge­büßt. Ar­nault ist so­eben we­gen Ver­ge­wal­ti­gung zu zwei Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den, er soll zu­dem In­for­ma­tio­nen über No­bel­preis­kan­di­da­ten aus­ge­plau­dert ha­ben. Meh­re­re Aka­de­mie­mit­glie­der tra­ten aus Pro­test über den Um­gang der Aka­de­mie mit dem Be­läs­ti­gungs- und Kor­rup­ti­ons­skan­dal zu­rück.

Als Er­satz dient ein al­ter­na­ti­ver Li­te­ra­tur­no­bel­preis. Mehr als 100 schwe­di­sche Schrift­stel­ler, Thea­ter­leu­te und Wis­sen­schaft­ler ha­ben die Neue Aka­de­mie ge­grün­det und das Preis­geld von ei­ner Mil­li­on Eu­ro über Crowd­fun­ding ge­sam­melt. Sie lie­ßen Bi­b­lio­the­ka­re ins­ge­samt 47 Fa­vo­ri­ten no­mi­nie­ren. Mehr als 30 000 Le­ser aus al­ler Welt stimm­ten im In­ter­net ab. Vier Ju­ry­mit­glie­der wähl­ten aus drei Fi­na­lis­ten schließ­lich die Ge­win­ne­rin aus.

Con­dés Vor­fah­ren ge­lang­ten durch Skla­ve­rei nach Gua­de­lou­pe. Die Au­to­rin, die an der Sor­bon­ne in Pa­ris stu­dier­te, hei­ra­te­te den Schau­spie­ler Ma­ma­dou Con­dé aus Gui­nea und ver­brach­te viel Zeit in West­afri­ka. Hier wur­de sie zu ih­rem Ro­man „Se­gu“in­spi­riert. Sie er­zählt da­rin die Ge­schich­te der aris­to­kra­ti­schen Fa­mi­lie Tra­o­ré aus Ma­li, die durch die Skla­ve­rei zer­ris­sen wird. Die heu­te 81-Jäh­ri­ge singt da­rin das Ho­he­lied auf ei­ne un­ter­ge­gan­ge­ne Kul­tur. Sie schreibt in ei­nem ka­ri­bisch-ge­färb­ten Fran­zö­sisch und kul­ti­viert ei­ne ex­pres­si­ve Spra­che. Wäh­rend der Ju­ry des her­kömm­li­chen Li­te­ra­tur­no­bel­prei­ses Eu­ro­zen­tris­mus vor­ge­wor­fen wird, ist Con­dés Aus­zeich­nung das Si­gnal für ei­ne Öff­nung – in dem Jahr, da auch bei der Frank­fur­ter Buch­mes­se afri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur in den Fo­kus ge­rückt wird. Die Preis­trä­ge­rin sag­te in ei­nem bei der Preis­ver­lei­hung ein­ge­spiel­ten Gruß­vi­deo: „Ich möch­te die­sen Preis mit den Men­schen von Gua­de­lou­pe tei­len. Wir sind so ei­ne klei­ne Re­gi­on, man be­merkt uns nur bei Hur­ri­kans und Erd­be­ben. Ich bin froh, dass wir jetzt auch für et­was an­de­res ste­hen.“

Lu­ci­en Lei­tess, Lei­ter des Uni­ons­ver­lags, der die Au­to­rin in Deutsch­land ver­legt, froh­lock­te ges­tern auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se: „End­lich wird ei­ne Au­to­rin ins Ram­pen­licht ge­rückt, durch de­ren Tex­te die Welt­ge­schich­te auf ei­ne Wei­se weht, wie wir es in der Schu­le nie ge­lernt ha­ben.“

Das drei­stu­fi­ge Aus­wahl­ver­fah­ren der Neu­en Aka­de­mie, das viel­fäl­ti­ge­re Per­spek­ti­ven auf Li­te­ra­tur er­mög­licht, könn­te ein Maß­stab für die Schwe­di­sche Aka­de­mie sein. Das fin­det auch der Best­sel­ler­au­tor Frank Schät­zing, der auf der Mes­se sei­nen Ro­man „Die Ty­ran­nei des Schmet­ter­lings“über künst­li­che In­tel­li­genz vor­stell­te. Dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND) sag­te er: „Ich hal­te den al­ter­na­ti­ven Li­te­ra­tur­no­bel­preis für ei­ne sehr gu­te Sa­che. An­de­re Stand­punk­te fin­de ich grund­sätz­lich be­rei­chernd. Und so kann die­ser Preis auch ein Vor­bild für die Schwe­di­sche Aka­de­mie sein, die durch al­te Struk­tu­ren zu sehr ein­ge­engt ist.“Die Vor­sit­zen­de der Ju­ry, Ann Påls­son, sag­te: „Con­dé ge­hört zur Welt­li­te­ra­tur. Sie er­zählt auf über­wäl­ti­gen­de Wei­se vom post­ko­lo­nia­len Cha­os, die To­ten sind le­ben­dig in ih­rem Werk. Fik­ti­on und Rea­li­tät über­lap­pen sich.“

Die gilt auch für das Werk des bri­ti­schen Sci­ence-fic­tion-au­tors Neil Gai­man. Er war ne­ben der ge­bür­ti­gen Viet­na­me­sin Kim Thúy, die als Zehn­jäh­ri­ge als Boots­flücht­ling nach Ka­na­da kam und Hei­mat ihr gro­ßes The­ma nennt, der drit­te Au­tor auf der Short­list des Prei­ses. Sei­ne No­mi­nie­rung ist ei­ne über­fäl­li­ge An­er­ken­nung da­für, wie fan­tas­ti­sche Wer­ke wie Gai­mans „Ame­ri­can Gods“die Wirk­lich­keit be­spie­geln. Da­von zeugt auch die neue Sci­ence-fic­tion-lounge auf der Buch­mes­se, die der im Ja­nu­ar ver­stor­be­nen Au­to­rin Ur­su­la K. Le Gu­in ge­wid­met ist.

Die Preis­ver­lei­hung des al­ter­na­ti­ven No­bel­prei­ses fand in ei­ner Bi­blio­thek in Stock­holm statt – ein Zei­chen, dass nach den Ne­ga­tiv­schlag­zei­len nun wie­der die Li­te­ra­tur im Mit­tel­punkt ste­hen soll. Die grie­chisch-schwe­di­sche Ko­lum­nis­tin Alex­an­dra Pas­cal­i­dou er­klär­te bei der Ver­kün­dung die Mo­ti­va­ti­on hin­ter dem von ihr in­iti­ier­ten Preis: „Wes­halb soll­ten die Au­to­ren un­ter dem Ver­sa­gen der Schwe­di­schen Aka­de­mie lei­den?“Das Ver­ga­be­ver­fah­ren soll­te „de­mo­kra­ti­scher und in­klu­si­ver“sein, ei­ne grö­ße­re Band­brei­te an Li­te­ra­tur be­rück­sich­ti­gen. Auf der No­mi­nier­ten­lis­te stan­den für den her­kömm­li­chen No­bel­preis ge­han­del­te Au­to­ren wie die Frie­dens­preis­trä­ge­rin Mar­ga­ret At­wood oder Amos Oz ne­ben po­pu­lä­ren Schrift­stel­le­rin­nen wie J.K. Row­ling oder der Punk­ro­cke­rin Pat­ti Smith, de­ren Aus­zeich­nung an den Vor­jah­res­preis­trä­ger Bob Dy­lan an­ge­knüpft hät­te.

Der ja­pa­ni­sche Schrift­stel­ler Ha­ru­ki Mu­ra­ka­mi hat­te im Vor­feld in ei­ner E-mail an die Neue Aka­de­mie dar­um ge­be­ten, sei­nen Na­men wie­der von der Short­list strei­chen zu las­sen. Er woll­te sich wohl die Chan­ce auf den rich­ti­gen Preis nicht neh­men las­sen, zu des­sen Fa­vo­ri­ten er Jahr für Jahr zählt. Sa­bi­ne Cra­mer, die Ver­le­ge­rin sei­nes deut­schen Ver­la­ges Du­mont, zeig­te sich zum Auf­takt der Mes­se ent­spannt. Sie sag­te: „Die Buch­mes­se ist für uns im­mer hek­tisch, auf­re­gend und span­nend – auch oh­ne No­bel­preis­ver­lei­hung. Ich bin nicht bö­se, wenn es Jah­re gibt, in de­nen die­ses The­ma auf der Mes­se kei­ne gro­ße Rol­le spielt.“Das könn­te auch im nächs­ten Jahr noch so sein. Laut Lars Hei­ken­stein, Di­rek­tor der No­bel-stif­tung, kann sich die Ver­ga­be des of­fi­zi­el­len Li­te­ra­tur­no­bel­prei­ses auch noch über 2019 hin­aus ver­schie­ben.

Fo­to: Ja­ne­rik Hen­riks­son//tt NEWS AGEN­CY/AP/DPA

Ma­ry­se Con­dé sag­te in ei­nem bei der Preis­ver­lei­hung ein­ge­spiel­ten Gruß­vi­deo: „Ich möch­te die­sen Preis mit den Men­schen von Gua­de­lou­pe tei­len. Wir sind so ei­ne klei­ne Re­gi­on, man be­merkt uns nur bei Hur­ri­kans und Erd­be­ben. Ich bin froh, dass wir jetzt auch für et­was an­de­res ste­hen.“

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