Kunst und Kul­tur für De­mo­kra­tie und ge­gen Dem­ago­gen

Bun­des­wei­te „Er­klä­rung der Vie­len“hat in Dres­den ein star­kes Stand­bein

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON MICHA­EL BARTSCH

Man muss sich an­stren­gen, ei­ne nen­nens­wer­te Dresd­ner Kul­tur­in­sti­tu­ti­on zu ent­de­cken, die nicht un­ter­schrie­ben hät­te. We­nig über­ra­schend das Buch­haus Lo­schwitz viel­leicht. Zu den 51 Erst­un­ter­zeich­nern ei­ner „Dresd­ner Er­klä­rung der Vie­len“ka­men bei de­ren Vor­stel­lung am Frei­tag im über­füll­ten obe­ren Foy­er des Klei­nen Hau­ses spon­tan rund ein Dut­zend hin­zu. Ein we­nig ir­ri­tier­te das Gold der De­ko­ra­ti­on, erst auf den zwei­ten Blick als Ret­tungs- und Wär­me­de­cken er­kenn­bar. Sie sol­len als Sym­bol und Cor­po­ra­te De­sign die­ser Kul­tur­be­we­gung die­nen, die be­wusst am Jah­res­tag der Reichs­po­grom­nacht zeit­gleich von Ber­lin, Ham­burg, Düs­sel­dorf und Dres­den ih­ren Aus­gang nahm. So­gar ei­nen Sound­track, ei­ne Art Hym­ne fin­det man auf der In­ter­net­sei­te www.die­vie­len.de.

Mit die­ser Er­klä­rung neh­men Künst­ler und Kul­tur­trä­ger po­li­tisch Stel­lung, spre­chen selbst von ei­nem „ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Si­gnal, das in un­se­re täg­li­che Pra­xis ein­greift“. Po­si­tiv will man den Zu­sam­men­halt in der Ge­sell­schaft stär­ken und po­si­tio­niert sich des­halb ein­deu­tig ge­gen spal­ten­de „po­pu­lis­ti­sche und völ­kisch-na­tio­na­le Strö­mun­gen“. Die auf säch­si­sche Ver­hält­nis­se zu­ge­schnit­te­ne Dresd­ner Er­klä­rung geht da­bei so­gar noch über den ur­sprüng­li­chen Wort­laut von 140 Ber­li­ner Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen hin­aus. „In un­se­rem Bun­des­land Sach­sen ar­bei­ten Pe­gi­da, Iden­ti­tä­re Be­we­gung und AFD Hand in Hand und po­le­mi­sie­ren ge­gen die de­mo­kra­ti­sche welt­of­fe­ne Ge­sell­schaft“, heißt es bei­spiels­wei­se.

Die „Er­klä­rung der Vie­len“er­in­nert zu­nächst an die „größ­ten Staats­ver­bre­chen der Mensch­heits­ge­schich­te“, die von deut­schem Bo­den aus­gin­gen und mit ei­nem Kul­tur­kampf ver­bun­den wa­ren. Der­sel­be Bo­den sei al­ler­dings auch der des Grund­ge­set­zes, be­tont die säch­si­sche Er­klä­rungs­va­ri­an­te po­si­tiv. Der ver­ächt­li­che Um­gang der Neu­en Rech­ten mit Men­schen auf der Flucht, mit der Frei­heit der Kunst, mit An­ders­den­ken­den und mit Viel­falt ver­ra­te, „wie sie mit der Ge­sell­schaft um­zu­ge­hen ge­den­ken, so­bald sich die Macht­ver­hält­nis­se zu ih­ren Guns­ten ver­än­dern wür­den“. Dem wol­len die Un­ter­zeich­ner zwar mit Dia­log­be­reit­schaft, aber auch mit ei­ner kla­ren Hal­tung be­geg­nen. „Kunst für De­mo­kra­tie“lau­tet die Schluss­for­mel. Der Lis­te der Erst­un­ter­zeich­ner folgt ei­ne Selbst­ver­pflich­tung, die die Ver­brei­tung des Auf­rufs und die Zu­sam­men­ar­beit re­gelt. Die Re­de ist al­ler­dings schon von ei­ner bun­des­wei­ten „Glän­zen­den De­mons­tra­ti­on der Kunst und Kul­tur“im Mai 2019, al­so vor den mit Span­nung er­war­te­ten Eu­ro­pa- und Kom­mu­nal­wah­len.

Die „Er­klä­rung der Vie­len“reiht sich ein in ei­ne Neu­for­mie­rung von Kräf­ten, die hu­ma­nis­ti­sche, auf­klä­re­ri­sche und kul­tu­rel­le Er­run­gen­schaf­ten ge­gen ei­ne schlei­chen­de Bar­ba­ri­sie­rung ver­tei­di­gen wol­len. Sie ist spä­tes­tens seit der Ber­li­ner Groß­de­mons­tra­ti­on An­fang Ok­to­ber mit 240 000 Teil­neh­mern be­leg­bar. Auch in Dres­den war dies we­nig spä­ter bei der über­ra­schend gro­ßen Re­so­nanz auf die De­mons­tra­tio­nen ge­gen den vier­ten Pe­gi­da-jah­res­tag zu spü­ren. Ein Si­gnal ist bei­spiels­wei­se auch der im „Elb­hang­ku­rier“ver­öf­fent­lich­te Of­fe­ne Brief an die Buch­händ­le­rin Su­san­ne Da­gen von Paul Kai­ser und Hans-pe­ter Lühr. Dar­in wird sie freund­lich, aber be­stimmt ge­be­ten, sich in ei­nem öf­fent­li­chen Gespräch zu ih­ren ehe­ma­li­ge Freun­de be­frem­den­den Po­si­tio­nen und zu ih­rem Selbst­ver­ständ­nis als Qua­si­fi­lia­le des ul­tra­rech­ten An­tai­os-ver­la­ges zu er­klä­ren.

Ge­nug­tu­ung über das „Durch­bre­chen der Schwei­ge­spi­ra­le“, über ei­ne Kli­ma­ver­än­de­rung in Dres­den äu­ßert der an der Re­dak­ti­on be­tei­lig­te Ge­schäfts­füh­rer des Dresd­ner Ge­schichts­ver­eins Jus­tus Ul­bricht. Er mahnt al­ler­dings, dass ei­ne sol­che Er­klä­rung nicht nur „Me­tro­po­len- kul­tur“blei­ben dür­fe, son­dern ih­ren Weg auch in die we­ni­ger kul­tu­raf­fi­nen länd­li­chen Räu­me fin­den müs­se. „In Klein­städ­ten ist es schwie­ri­ger, Flag­ge zu zei­gen“, meint er, ver­weist aber dar­auf, dass sich je­der­mann über­all die­ser Er­klä­rung an­schlie­ßen kön­ne. Staats­schau­spiel-in­ten­dant Joa­chim Kle­ment ver­neint ei­nen de­fen­si­ven, nur re­ak­ti­ven Cha­rak­ter der Er­klä­rung. „Wir stel­len nur in den Vor­der­grund, was wir oh­ne­hin als un­se­re Auf­ga­be ver­ste­hen“, sagt er.

Kunst­mi­nis­te­rin Eva-ma­ria Stan­ge (SPD) soll zu­nächst et­was ir­ri­tiert ge­we­sen sein, dass die „Er­klä­rung der Vie­len“zu­min­dest in den frei­staat­li­chen Ein­rich­tun­gen nicht mit ihr ab­ge­stimmt wur­de. Ih­re aus­drück­li­che Zu­stim­mung ges­tern recht­fer­tigt aber nach­träg­lich das selbst­stän­di­ge Vor­ge­hen bei­spiels­wei­se von Kunst­samm­lun­gen und Staats­schau­spiel. „Ein wich­ti­ges und be­ein­dru­cken­des Si­gnal in die Welt“nennt sie die Er­klä­rung. An­ge­sichts der Be­ob­ach­tung, „dass ras­sis­ti­sche und frem­den­feind­li­che Äu­ße­run­gen ge­ra­de sa­lon­fä­hig wer­den“, brau­che es sol­che Stim­men und kla­re Grenz­zie­hun­gen. Po­le­mi­sche Kom­men­ta­re sei­tens der An­ge­spro­che­nen, de­nen Gren­zen auf­ge­zeigt wer­den müss­ten, wa­ren am Frei­tag auch auf der Face­boo­ksei­te der Vie­len-be­we­gung zu­nächst nicht zu ent­de­cken.

Fo­to: Christian Charisius/dpa

Die „Er­klä­rung der Vie­len“wur­de am Frei­tag zeit­gleich in Ber­lin, Düs­sel­dorf und Dres­den so­wie in Ham­burg ver­öf­fent­licht: Die Pos­ter mit der Auf­schrift „Wir sind Vie­le – Je­de*r Ein­zel­ne von uns" la­gen bei der Pres­se­kon­fe­renz auf Kamp­na­gel in Dres­dens Part­ner­stadt Ham­burg aus.

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