Wie groß war der NSU wirk­lich?

Vier Jah­re, 375 Ver­hand­lungs­ta­ge – und im­mer noch kei­ne Ge­rech­tig­keit? Im Nsu-pro­zess wer­den heu­te die Plä­doy­ers ge­gen Beate Zschä­pe und vier Mit­an­ge­klag­te fort­ge­führt. Ei­ni­ge An­ge­hö­ri­ge der Ter­ror­op­fer hö­ren aus Pro­test nicht ein­mal zu. Sie be­kla­gen, das

Eichsfelder Tageblatt - - Blick In Die Zeit - Von Patrick Guy­ton

Tarn­kap­pe“, „Mit­be­grün­de­rin und Mit­glied ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung“, „Kas­sen­wart des NSU“– Beate Zschä­pe muss­te sich in die­ser Woche ei­ni­ges an­hö­ren. Der un­end­lich schei­nen­de Pro­zess über die Ta­ten des „Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grunds“vor dem Münch­ner Ober­lan­des­ge­richt geht in die Schluss­etap­pe, die an­kla­gen­de Bun­des­an­walt­schaft hält ihr Plä­doy­er. Wie im­mer rüh­rungs­los hört sich die Haupt­an­ge­klag­te an, sie ha­be ei­nem „wi­der­wär­ti­gen Na­zi­re­gime den Bo­den be­rei­ten“wol­len, ha­be mit ih­ren bei­den Kum­pa­nen Uwe Mund­los und Uwe Böhn­hardt „all die an­ge­klag­ten Straf­ta­ten be­gan­gen“. So sa­gen es die Bun­des­an­wäl­te Her­bert Die­mer und Anet­te Gre­ger. Sie sei „der ent­schei­den­de Sta­bi­li­täts­fak­tor der Grup­pe“ge­we­sen, ha­be nach au­ßen hin die „harm­lo­se Haus­frau“ge­mimt, tat­säch­lich aber in „töd­li­cher Ab­sicht“ge­han­delt.

Die­se Woche dreh­te sich in dem Ver­fah­ren al­les, wie so oft, um die jetzt 42 Jah­re al­te Beate Zschä­pe. Drei Ta­ge lang wur­de die An­kla­ge ge­gen sie vor­ge­tra­gen, ganz fer­tig ist man im­mer noch nicht. Nach An­sicht der Bun­des­an­walt­schaft ist be­wie­sen, dass sie Mit­tä­te­rin bei den rechts­ex­tre­mis­tisch mo­ti­vier­ten Nsu-mor­den war, je­ner deutsch­land­wei­ten At­ten­tats­se­rie von Sep­tem­ber 2000 bis April 2007. Acht Män­ner mit tür­ki­scher und ei­ner mit grie­chi­scher Her­kunft wur­den nicht nur er­schos­sen, son- dern „hin­ge­rich­tet“, wie die Bun­des­an­walt­schaft es be­zeich­net. Die Mör­der mach­ten da­nach Fotos von den blut­über­ström­ten, ent­stell­ten Lei­chen – Tro­phä­en bei der Jagd auf „Alis“, wie das NSU-TRIO Tür­ken be­zeich­ne­te. Er­mor­det wur­de auch die Po­li­zis­tin Michè­le Kie­se­wet­ter in Heil­bronn, wo­mög­lich um an ih­re Waf­fe zu kom­men und an die ih­res schwer ver­letz­ten Kol­le­gen Mar­tin A. Der Grup­pe wer­den zu­dem zwei Spreng­stoff­an­schlä­ge und 15 Raub­über­fäl­le zur Last ge­legt.

Zschä­pe, im­mer wie­der Zschä­pe: Seit dem Pro­zess­auf­takt am 6. Mai 2013, al­so vor mehr als vier Jah­ren, steht die Frau im Mit­tel­punkt des Ver­fah­rens. Sie ist das Ge­sicht des NSU, Mund­los und Böhn­hardt hat­ten sich am 4. No­vem­ber 2011 in Ei­se­nach kurz vor ih­rem Auf­flie­gen das Leben ge­nom­men.

Ih­re her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung hat nicht nur mit der Mon­stro­si­tät der Ta­ten zu tun, son­dern auch mit Zschäpes chao­ti­scher Ver­tei­di­gungs­si­tua­ti­on. Mit den drei „Alt­ver­tei­di­gern“Wolf­gang Stahl, An­ja Sturm und Wolf­gang Heer über­warf sie sich. Die­se hat­ten ihr auf­er­legt zu schwei­gen, was Zschä­pe wäh­rend der ers­ten zwei Jah­re zu­se­hends nicht mehr aus­hielt. Sie woll­ten sich ge­gen­sei­tig los­wer­den, aber das Ge­richt ließ die Rechts­an­wäl­te nicht ge­hen. Zu­sätz­lich er­hielt die An­ge­klag­te die von ihr aus­ge­wähl­ten Münch­ner Straf­ver­tei­di­ger Her­mann Bor­chert und Ma­thi­as Gra­sel. Die ha­ben ih­re Si­tua­ti­on aber of­fen­sicht­lich ver­schlim­mert. Ih­re schrift­li­che Er­klä­rung, von den Mor­den im­mer erst da­nach er­fah­ren zu ha­ben und ein ab­hän­gi­ges Op­fer von Mund­los und Böhn­hardt ge­we­sen zu sein, glaubt ihr nie­mand. Re­gel­recht pein­lich war der Auf­tritt des von den Ver­tei­di­gern or­ga­ni­sier­ten Frei­bur­ger Psych­ia­ters Joa­chim Bau­er. Er at­tes­tier­te Zschä­pe ei­ne de­pen­den­te Per­sön­lich­keits­stö­rung, sie sei ab­hän­gig von den Män­nern ge­we­sen und des­halb ver­min­dert schuld­fä­hig. Das Ge­richt lehn­te ihn als Gut­ach­ter we­gen mög­li­cher Be­fan­gen­heit ab.

Wäh­rend sich al­le mit der of­fen­kun­di­gen Durch­trie­ben­heit von Beate Zschä­pe be­fas­sen, tau­chen an­de­re Pro­zess­be­tei­lig­te nicht mehr auf im Saal A 101 des Münch­ner Jus­tiz­zen­trums. „Mei­ne Man­dan­tin ist nicht ge­kom­men“, sagt der Rechts­an­walt Se­bas­ti­an Schar­mer in ei­ner Pau­se am ers­ten Tag des Plä­doy­ers. Er ver­tritt Gam­ze Ku­ba­sik so­wie de­ren Bru­der Er­gün als Ne­ben­klä­ger, sie sind Toch­ter und Sohn des am 4. April 2006 in Dort­mund er­mor­de­ten Ki­osk­be­sit­zers Meh­met Ku­ba­sik.

Vie­le Ne­ben­klä­ger sind der Auf­fas­sung, dass in Mün­chen nicht al­le Nsu-tä­ter auf der An­kla­ge­bank sit­zen. Dass es mehr Un­ter­stüt­zer und Hin­ter­män­ner ge­ge­ben ha­ben muss. Sie sei­en ent­täuscht, sagt Schar­mer. Und sie müss­ten mit dem Ge­dan­ken leben, „dass ih­nen in Dort­mund und an­ders­wo vi­el­leicht ein Nsu-hel­fer auf der Stra­ße be­geg­net, oh­ne dass sie das wis­sen“. Auch Ne­ben­kla­ge­an­walt Meh­met Dai­ma­gü­ler ist da­von über­zeugt, dass die Nsu-mord­se­rie und ih­re Hin­ter­grün­de nicht aus­er­mit­telt wur­den und et­li­che Kom­pli­zen des

Nsu-tri­os un­be­hel­ligt in Frei­heit leben: „Wir ha­ben ja in die­sem Ver­fah­ren über zwei Dut­zend Zeu­gen ge­hört, die ein­fach frei­mü­tig sag­ten: Ja, wir ha­ben de­nen ge­hol­fen“, sag­te Dai­ma­gü­ler vor dem Be­ginn des Plä­doy­ers der An­kla­ge dem Mit­tel­deut­schen Rund­funk.

Zu der Ein­schät­zung, dass die An­kla­ge der Bun­des­an­walt­schaft viel zu kurz greift, sind auch die Un­ter­su­chungs­aus­schüs­se im Bund und in ver­schie­de­nen Län­dern ge­kom­men. Sie ge­hen da­von aus, dass es mehr Un­ter­stüt­zer und da­mit mög­li­che Mit­tä­ter ge­ge­ben hat als je­ne vier, die von der Zu­schau­er­tri­bü­ne aus ge­se­hen links hin­ter Beate Zschä­pe sit­zen.

Da ist Ralf Wohl­le­ben als zweit­wich­tigs­ter An­ge­klag­ter. Er war Npd-po­li­ti­ker und ak­ti­ver Rechts­ex­tre­mist in Thü­rin­gen. Seit En­de No­vem­ber 2011 sitzt er in Un­ter­su­chungs­haft. Ihm wird vor­ge­wor­fen, die Waf­fe für neun Nsu-mor­de, ei­ne Ces­ka 83, be­sorgt zu ha­ben. Das be­strei­tet der 42-Jäh­ri­ge, der wei­ter­hin viel Sym­pa­thie in der Na­zi-sze­ne ge­nießt. Im Ge­gen­satz zu Zschä­pe äu­ßer­te er sich im Pro­zess selbst münd­lich. Da­bei ge­rier­te er sich als „fried­li­cher Na­tio­na­list“, der von den Mor­den nichts ge­wusst ha­be und so­gar den An­ge­hö­ri­gen sein „Mit­ge­fühl“aus­sprach. Wohl­le­ben wird von drei „Sze­ne­an­wäl­ten“ver­tei­digt, die selbst als rechts bis rechts­ra­di­kal gel­ten kön­nen.

Die drei wei­te­ren An­ge­klag­ten sind auf frei­em Fuß und kom­men im­mer zu den Pro­zess­ta­gen. Ei­ne kon­trast­rei­che Bio­gra­fie hat Cars­ten S., der sich von der rech­ten Sze­ne los­ge­sagt hat. Wohl­le­ben und er be­zich­ti­gen sich ge­gen­sei­tig, die Tat­waf­fe be­sorgt zu ha­ben. S. hat um­fas­send aus­ge­sagt und ge­steht, die Waf­fe dem Trio über­bracht zu ha­ben. Im Ge­richt lässt er sich nur mit vor dem Kopf her­un­ter­hän­gen­der Ka­pu­ze fo­to­gra­fie­ren. Den an­de­ren gilt er als Ver­rä­ter. Von der Sze­ne trenn­te er sich auch we­gen sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät, spä­ter ar­bei­te­te er bei der Aids-hil­fe.

Ge­stän­dig ist auch Hol­ger G., der zu­gibt, dem NSU Päs­se, ei­nen Füh­rer­schein und 10 000 Eu­ro über­las­sen zu ha­ben. Der fünf­te An­ge­klag­te An­dré Emin­ger schließ­lich steht wei­ter­hin zur Neo­na­zi­sze­ne und hat im Pro­zess kein Wort gesagt. Er soll den NSU fast die gan­ze Zeit über vom Ab­tau­chen im Früh­jahr 1998 bis zum En­de un­ter­stützt ha­ben. Sei­ne Frau Su­sann war in die­ser Zeit ei­ne sehr en­ge Freun­din von Beate Zschä­pe, sie tra­fen sich re­gel­mä­ßig. Erst vor zwei Wo­chen wur­de An­dré Emin­ger bei ei­nem Neo­na­zi-musikfestival im thü­rin­gi­schen The­mar ge­se­hen.

Nicht ein­fach, bei all den Ver­stri­ckun­gen den Über­blick zu be­hal­ten. 815 Zeu­gen wur­den im Nsupro­zess ge­hört, bis­her gab es 377 Pro­zess­ta­ge. Den Blick auf das Gan­ze soll vor al­lem der Mann in der Mit­te der Rich­ter­ti­sche be­wah­ren: Manfred Götzl. Selbst, wenn man den jetzt 63 Jah­re al­ten Vor­sit­zen­den Rich­ter des Staats­schutz­se­na­tes über die gan­zen vier Pro­zess­jah­re er­lebt hat, bleibt er doch ein Mys­te­ri­um. Vie­le sei­ner Kol­le­gen ge­ben – auch in be­deu­ten­den Ver­fah­ren – mehr von sich preis, wer­den mal iro­nisch oder ge­hen of­fen­siv auf un­wil­li­ge Zeu­gen oder An­ge­klag­te los. Nicht so Götzl. Der Mann mit der run­den Bril­le und dem kur­zen grau­en Haar, der schon den Mör­der des Münch­ner „Mo­de­za­ren“Ru­dolph Mos­ham­mer ver­ur­teilt hat­te, er­scheint durch­weg sach­lich und un­ge­rührt, ge­wis­ser­ma­ßen als rei­nes In­stru­ment des Rechts.

Und doch ha­ben er und sei­ne vier Rich­ter­kol­le­gen es vor al­lem mit Men­schen zu tun – mit Tä­tern, mit Op­fern, mit An­ge­hö­ri­gen. Die Na­men der Er­mor­de­ten hat in die­ser Woche Bun­des­an­walt Her­bert Die­mer im Plä­doy­er ei­nen nach dem an­de­ren ge­nannt: En­ver Sim­sek, er wur­de 38 Jah­re alt, Ab­durra­him Özüdogru (49), Sü­ley­man Tas­köprü (31), Ha­bil Ki­lic (38), Yu­nus Tur­gut (25, mit Vor­na­men hieß er ei­gent­lich Meh­met), Is­mail Ya­sar (50), Theo­do­rus Boul­ga­ri­des (41), Meh­met Ku­ba­sik (39), Ha­lit Yoz­gat (21) und Michè­le Kie­se­wet­ter (22). Die Ta­ten ge­scha­hen in Nürn­berg, Ham­burg, Mün­chen, Ros­tock, Dort­mund, Kas­sel und Heil­bronn.

Vor der Som­mer­pau­se, die am kom­men­den Mitt­woch be­ginnt, wird man nicht mit dem Plä­doy­er der Bun­des­an­walt­schaft fer­tig wer­den, denn nach Zschä­pe sind die vier an­de­ren An­ge­klag­ten an der Rei­he. Es fol­gen die Plä­doy­ers der Ne­ben­kla­ge­ver­tre­ter, sie sol­len laut de­ren An­kün­di­gung rund 55 St­un­den dau­ern, al­so et­wa elf Pro­zess­ta­ge. An­schlie­ßend sind die Ver­tei­di­ger an der Rei­he. Es wird ver­mu­tet, dass in die­sem Jahr wo­mög­lich kein Ur­teil mehr ge­spro­chen wird. Rich­ter Götzl hat vor­sorg­lich schon Ter­mi­ne bis zum 30. Au­gust 2018 fest­ge­legt.

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Viel Auf­merk­sam­keit für ei­ne Frau, die vor al­lem schwieg: Beate Zschä­pe.

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Schwa­che Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie? Beate Zschä­pe zwi­schen ih­ren An­wäl­ten Her­mann Bor­chert (l.) und Ma­thi­as Gra­sel.

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Schluss­plä­doy­ers: Die Bun­des­an­wäl­te Her­bert Die­mer (l.) und Jo­chen Wein­gar­ten, in der Mit­te Ober­staats­an­wäl­tin Anet­te Gre­ger.

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