Ham­bur­ger Mes­ser­at­ta­cke – Ter­ror­akt oder Tat ei­nes psy­chisch Kran­ken?

Nach dem An­griff im Su­per­markt rät­seln die Er­mitt­ler über das Tat­mo­tiv des Pa­läs­ti­nen­sers. Fest steht: Die Be­hör­den wuss­ten um sei­ne Ra­di­ka­li­sie­rung – und er soll­te ab­ge­scho­ben wer­den.

Eichsfelder Tageblatt - - Politik - Von Ruppert Mayr

Ham­burg. Nach der blu­ti­gen Mes­ser­at­ta­cke in Ham­burg-barm­bek mit ei­nem To­ten und meh­re­ren Schwer­ver­letz­ten rät­seln die Er­mitt­ler über die Mo­ti­ve des in­haf­tier­ten 26-Jäh­ri­gen. Was für ein Mensch ist die­ser 1991 in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten ge­bo­re­ne Pa­läs­ti­nen­ser, der im März 2015 nach Deutsch­land kam und ver­geb­lich Asyl be­an­trag­te?

Hin­wei­se auf ei­ne is­la­mis­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung hat­ten die Be­hör­den be­reits vor der Tat, bei der am Frei­tag ein 50-jäh­ri­ger Mann mit dem Mes­ser ge­tö­tet und sie­ben wei­te­re Per­so­nen ver­letzt wur­den. Der 26-jäh­ri­ge Tä­ter hat­te in ei­nem Su­per­markt im Stadt­teil Barm­bek un­ver­mit­telt auf um­ste­hen­de Men­schen ein­ge­sto­chen. Der Mann han­del­te mög­li­cher­wei­se spon­tan. Laut Po­li­zei nahm er erst im Su­per­markt ein Mes­ser und riss es aus der Ver­pa­ckung.

Mit­be­woh­ner des Flücht­lings­heims in Ham­burg-lan­gen­horn be­schrei­ben ihn als Au­ßen­sei­ter. Ein 33-jäh­ri­ger Nach­bar des Pa­läs­ti­nen­sers er­zählt, die­ser ha­be frü­her viel Al­ko­hol ge­trun­ken, Ha­schisch ge­raucht und Ko­ka­in kon­su­miert. Vor ei­ni­ger Zeit spiel­te er dem­nach oft noch Fuß­ball mit den an­de­ren Be­woh­nern – in letz­ter Zeit ha­be er sein Zim­mer aber kaum noch ver­las­sen. Er sei „ver­rückt“, ha­be oft „Al­la­hu ak­bar“über den Flur ge­ru­fen.

Ein Bild, das sich of­fen­bar deckt mit den Er­kennt­nis­sen der Be­hör­den. Nach Hin­wei­sen ei­nes Freun­des auf die mög­li­che Ra­di­ka­li­sie­rung des 26-Jäh­ri­gen such­te der Ver­fas­sungs­schutz das Ge­spräch mit dem Mann. Die Be­hör­de ge­wann da­bei den Ein­druck, bei ihm han­de­le es sich eher um ei­ne de­sta­bi­li­sier­te und ver­un­si­cher­te Per­sön­lich­keit. Ei­ne Ge­fahr sah die Be­hör­de aber nicht, zu­mal der Ver­fas­sungs­schutz kei­ne Hin­wei­se dar­auf hat­te, dass der Mann in die hie­si­ge Is­la­mis­ten­sze­ne ein­ge­bun­den war.

Ei­ni­ge Vor­fäl­le, bei de­nen der 26Jäh­ri­ge bei­spiels­wei­se in tra­di­tio­nel­ler Klei­dung laut­stark Koran-su­ren in Flücht­lings­ca­fés re­zi­tier­te, ver­an­lass­ten die Ver­fas­sungs­schüt­zer je­doch, bei der Po­li­zei ei­ne Un­ter­su­chung durch den so­zi­al­psych­ia­tri­schen Di­enst an­zu­re­gen. „Un­se­re Be­wer­tung war ei­ne Misch­form zwi­schen psy­chi­scher In­sta­bi­li­tät und re­li­gi­ös mo­ti­vier­tem Ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­zess in ei­nem Sta­di­um, wo wir an­ge­regt ha­ben, ihn erst mal un­ter­su­chen zu las­sen“, be­schreibt Ver­fas­sungs­schutz­chef Tors­ten Voß die da­ma­li­ge Ein­schät­zung. Die­se Un­ter­su­chung hat es dann aber nicht ge­ge­ben. War­um? Die­se Frage konn­te die Po­li­zei bis­her nicht be­ant­wor­ten.

Der Pa­läs­ti­nen­ser, des­sen Asyl­an­trag En­de 2016 ab­ge­lehnt wor­den war, war nach dem Ein­druck der Be­hör­den be­reit, sei­ner Aus­rei­se­pflicht nach­zu­kom­men. Er wirk­te bei der Be­schaf­fung von Er­satz­pa­pie­ren mit. Be­vor er nach Deutsch­land kam, hat­te er sich auch schon in Spa­ni­en, Schweden und Nor­we­gen auf­ge­hal­ten.

Scheu­er Csu-ge­ne­ral­se­kre­tär­for­der­te als Re­ak­ti­on Andre­as auf die Tat von Ham­burg schnel­le­re Ab- schie­bun­gen. „Wenn ei­ne Ra­di­ka­li- sie­rung be­kannt ist, müs­sen sol­che Per­so­nen aus dem Ver­kehr ge­zo­gen und fest­ge­setzt wer­den, be­vor sie Ta­ten be­ge­hen“, sag­te er der „Bild am Sonn­tag“. Der Spd-in­nen­ex­per- te Burk­hard Lisch­ka er­klär­te der „Heil­bron­ner Stim­me“: „Auch wenn die kon­kre­ten Um­stän­de noch un­klar sind, stellt sich die Frage, wa- rum der Mann nicht in Ab­schie­be- haft saß.“ Erst Sonn­abend war das Ge­setz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht in Kraft ge­tre­ten. Da­nach kön­nen Aus­rei­se­pflich­ti­ge, von de­nen ei­ne er­heb­li­che Ge­fahr für Leib und Leben oder die in­ne­re Si­cher­heit aus­geht, ein­fa­cher in Ab­schie­be­haft ge­nom­men oder über­wacht wer­den.

Am Sonn­abend er­ließ ein Rich­ter Haft­be­fehl ge­gen den Ver­däch­ti­gen we­gen des Ver­dachts auf Mord so­wie fünf­fa­chen ver­such­ten Mor­des. Der Mann schweigt bis­her zur Tat.

Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel er­klär­te: „Die Ge­walt­tat muss und wird auf­ge­klärt wer­den.“Sie sprach den Op­fern ihr Mit­ge­fühl aus. Wie Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas zoll­te sie den Pas­san­ten, dar­un­ter vie­le mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, Re­spekt, die sich dem An­grei­fer ent­ge­gen­ge- stellt hat­ten, bis die Po­li­zei kam.

FO­TO: DPA

Nach dem At­ten­tat legt Ham­burgs Bür­ger­meis­ter Olaf Scholz Blu­men am Tat­ort nie­der – eben­so wie zahl­rei­che an­de­re Bür­ger der Stadt.

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