Die Ge­nos­sen su­chen den Plan B

Of­fi­zi­ell pro­pa­giert die SPD den Wahl­sieg – in Wahr­heit be­rei­tet sie sich auf ei­ne Nie­der­la­ge vor

Eichsfelder Tageblatt - - Politik - Von Die­ter Won­ka und Andre­as Nies­mann

Ber­lin. Ob er selbst noch dar­an glaubt? Ver­gan­ge­nen Don­ners­tag sitzt Mar­tin Schulz vor ba­ro­cker Ku­lis­se im Rat­haus der si­zi­lia­ni­schen Stadt Ca­ta­nia und lei­tet zum ge­fühlt hun­derts­ten Mal ei­nen Satz mit die­ser For­mu­lie­rung ein: „Ein Bun­des­re­gie­rung un­ter mei­ner Füh­rung wird...“. Die gast­ge­ben­den Ita­lie­ner be­mü­hen sich um ein mög­lichst neu­tra­les Ge­sicht. Ob Schulz oder An­ge­la Mer­kel die Bun­des­tags­wahl ge­winnt, ist für sie ei­ner­lei – im Zwei­fel kä­men sie mit bei­den zu­recht. Wie an­ders ist da die Ge­fühls­la­ge deut­scher Spit­zen­ge­nos­sen. Of­fi­zi­ell hal­ten sie zwar am Wahl­ziel Kanz­ler­amt fest, doch in Wahr­heit wis­sen al­le, dass die Aus­sich­ten für Mar­tin Schulz von Tag zu Tag schlech­ter wer­den. 16 Pro­zent­punk­te be­trägt der Rück­stand auf die Uni­on in Um­fra­gen – Ten­denz stei­gend. Klamm­heim­lich ha­ben längst Über­le­gun­gen be­gon­nen, wie es wei­ter­ge­hen soll, wenn es am 24. Sep­tem­ber schon wie­der nichts wird mit dem Wahl­sieg.

Für den Fall der Nie­der­la­ge kur­sie­ren zwei Sze­na­ri­en. Das ei­ne ist das Sze­na­rio „Hans-jo­chen Vo­gel“. Trotz ver­lo­re­ner Wahl im Jahr 1983 be­stimm­te der frü­he­re Bür­ger­meis­ter Mün­chens und Ber­lins noch über Jah­re die Ge­schi­cke der SPD – oh­ne ein wei­te­res Mal selbst nach der Macht zu grei­fen. Vo­gel war ein Mo­de­ra­tor des Über­gangs – und Mar­tin Schulz könn­te ei­ne ähn­li­che Rol­le ein­neh­men. Ent­we­der als Vi­ze­kanz­ler und Mi­nis­ter in der Re­gie­rung oder als Frak­ti­ons­chef und Op­po­si­ti­ons­füh­rer im Bun­des­tag. Po­li­ti­sche Freun­de sa­gen, Schulz sei zu bei­dem be­reit. Al­ler­dings ha­be Ehe­frau In­ge ein Ve­to­recht.

Da­mit Schulz die Neu­auf­stel­lung der SPD in An­griff neh­men kann, muss er aber nicht nur sei­ne Frau, son­dern vor al­lem sei­ne Par­tei über­zeu­gen. Letz­te­res geht nur über das Wah­l­er­geb­nis. Bis­lang gab es in der SPD ei­ne Faust­re­gel: Wenn der ro­te Bal­ken am Wahl­abend nach oben geht, darf Schulz blei­ben. Geht der Bal­ken nach un­ten, ist der Chef po­li­tisch er­le­digt. Die Hür­de, die es zu über­sprin­gen gilt, lä­ge dem­nach bei je­nen 25,7 Pro­zent, die Peer St­ein­brück 2013 ge­holt hat.

In jüngs­ter Zeit al­ler­dings meh­ren sich die Stim­men, die auch im Fall leich­ter Ver­lus­te an Schulz fest­hal­ten wol­len. Im­mer­hin ha­be er die Par­tei von Sig­mar Ga­b­ri­el in ei­nem de­so­la­ten Zu­stand über­nom­men und nur we­nig Zeit für ei­ge­ne Ak­zen­te ge­habt, wird ar­gu­men­tiert. Au­ßer­dem ha­be er mit Aus­nah­me der ver­schla­fe­nen Pha­se zwi­schen Os­tern und der Nrw-land­tags­wahl kei­ne schwe­ren Feh­ler ge­macht. Hin­zu kommt die Tra­gik, dass Schulz’ Be­ra­ter, Freund und Wahl­kampf­ma­na­ger Mar­kus En­gels aus­ge­rech­net in der ent­schei­den­den Pha­se krank­heits­be­dingt aus­fällt. Auch die gro­ße Ge­schlos­sen­heit der Par­tei und die vie­len Neu­ein­trit­te sprä­chen für Schulz, heißt es.

Soll­te der Rhein­län­der nach der Wahl den Ton an­ge­ben, wä­re für man­chen bis­her füh­ren­den Ge­nos­sen „Ede­ka“– En­de der Kar­rie­re.

Das ers­te Op­fer dürf­te Frak­ti­ons­chef Tho­mas Oppermann sein. Schulz wol­le mit al­ler Kraft ver­hin­dern, dass sich Oppermann in der ers­ten Sit­zung der Bun­des­tags­frak- ti­on wie­der zum Chef wäh­len las­se, heißt es über­ein­stim­mend. Statt­des­sen wer­de er auf ei­ne Über­gangs­re­ge­lung be­ste­hen.

Auch die po­li­ti­sche Zu­kunft von Sig­mar Ga­b­ri­el ist un­klar. Schulz hat durch­aus mit­be­kom­men, dass sich sein Amts­vor­gän­ger und ver­meint­li­cher Freund in klei­ne­ren und grö­ße­ren Run­den kri­tisch über den Kan­di­da­ten ge­äu­ßert hat. Soll­te es für ei­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung rei­chen, stün­de Schulz wohl trotz­dem im Wort, Ga­b­ri­el ein wich­ti­ges Res­sort zu über­ge­ben. Lan­det die SPD in der Op­po­si­ti­on, müss­te sich der Au­ßen­mi­nis­ter ei­nen Job su­chen. Ga­b­ri­el soll mit ei­nem Wech­sel in die Wirt­schaft lieb­äu­geln. Das zwei­te Sze­na­rio, über das die SPD dis­ku­tiert, heißt „voll­stän­di­ger Neu­an­fang“. Soll­te das Wah­l­er­geb­nis in Rich­tung 20 Pro­zent ge­hen, müss­ten wohl gro­ße Tei­le der bis­he­ri­gen Spit­zen­rie­ge ih­ren Hut neh­men. Da Ham­burgs Bür­ger­meis­ter Olaf Scholz nach den G-20-kra­wal­len und dem An­schlag vom Wo­che­n­en­de als Füh­rungs­re­ser­ve aus­fällt, wür­den sich die Bli­cke auf zwei Frau­en rich­ten.

Auf Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les kä­me der Job als Frak­ti­ons­che­fin zu. Nah­les hat als Mi­nis­te­rin Pro­fil ge­won­nen, sie ver­fügt über ei­ne Haus­macht in der Par­tei und wä­re als ers­te Frau auf dem Pos­ten ein ech­tes Si­gnal des Neu­an­fangs.

Hoff­nung auf den Par­tei­vor­sitz könn­te sich Meck­len­burg-vor­pom­merns Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­nue­la Schwe­sig ma­chen. Ehr­gei­zig ge­nug, sa­gen Ver­trau­te, sei sie al­le­mal. Es gibt al­ler­dings noch ei­nen wei­te­ren Spd-mi­nis­ter­prä­si­den­ten, der da­bei ein Wört­chen mit­re­den will: Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil bringt sich im­mer hör­ba­rer für hö­he­re Auf­ga­ben in Stel­lung. Min­des­tens ein Vi­ze­vor­sitz soll­te für ihn nach der Wahl drin sein. So oder so.

FO­TO: DPA

Ein Du­ell mit ei­nem vor­her­seh­ba­ren Aus­gang: Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, Her­aus­for­de­rer Mar­tin Schulz.

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