Aus dem „Le­bens­part­ner” wird der Ehe­mann

Das ers­te amt­li­che Män­ner­paar Göt­tin­gens ist im­mer noch ver­liebt / Die vor­erst letz­te „ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft“Göt­tin­gens auch / Bei­de Paa­re wol­len ih­re Ehe im Ok­to­ber ein­tra­gen las­sen

Eichsfelder Tageblatt - - Thema Des Tages - Von Brit­ta Bie­le­feld

Göt­tin­gen. Nach 16 Jah­ren noch im­mer wie frisch ver­liebt: Cars­ten Ertl und Frank Schaub wa­ren das ers­te Paar, das in Göt­tin­gen ge­hei­ra­tet hat – im Jahr 2001. Da­mals war ei­ne Ehe nur als so ge­nann­te „ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft“mög­lich. 16 Jah­re spä­ter wer­den gleich­ge­schlecht­li­che Ehen den an­de­ren Ehen gleich­ge­stellt.

„Wir wer­den die Part­ner­schaft in ei­ne Ehe um­wan­deln las­sen”, sind sich Ertl und Schaub ei­nig. Seit 16 Jah­ren sind die bei­den so wie vie­le an­de­re ho­mo­se­xu­el­le Men­schen ein of­fi­zi­el­les Paar, „und die Welt ist nicht un­ter­ge­gan­gen”, sagt Schaub und lacht. Er hat­te nicht mehr dar­an ge­glaubt, dass die Gleich­stel­lung durch­ge­setzt wird. Ei­gent­lich, so sagt Ertl, än­de­re sich für sie nicht viel „Wir wol­len ja kei­ne Kin­der ad­op­tie­ren” sagt er. Und das sei der wich­tigs­te Punkt, der sich durch die „Ehe für al­le” nun än­de­re. Den­noch: “Es geht ums Prin­zip”, sagt er. Und das sei wich­tig. “Jetzt ist es gleich, so wie es ein soll”, sagt Ertl.

An dem Tag, als der Bun­des­tag für das Ge­setz ge­stimmt hat­te, ha­ben Ertl und Schaub ei­ne Re­gen­bo­gen­flag­ge am Bal­kon ge­hisst und mit ei­nem Glas Wein dar­auf an­ge­sto­ßen.

Die bei­den er­in­nern sich noch gut dar­an, als 2001 das Ge­setz für die ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaf­ten in Kraft trat. „Im Fe­bru­ar wur­de es ver­ab­schie­det”, so Ertl. In Kraft trat es erst am 1. Au­gust. Ei­gent­lich, so er­in­nern sie sich, hät­ten sie erst dann ei­nen Termin beim Stan­des­amt be­an­tra­gen kön­nen. Sie konn­ten es je­doch nicht er­war­ten. Die Ver­wal­tung aber drück­te ein Au­ge zu und re­ser­vier­te vor­sichts­hal­ber schon mal den 3. Au­gust. Der Tag, an dem sich die bei­den und da­mit Göt­tin­gens ers­tes amt­li­ches Män­ner-ehe­paar im Al­ten Rat­haus da Ja-wort ga­ben. Die Lie­be der bei­den hat heu­te Be­stand wie eh und je. Klei­ne Ges­ten, ge­mein­sa­me Er­in­ne­run­gen, ein Au­gen­zwin­kern. Hier ha­ben sich zwei ge­fun­den und ver­bun­den, die zu­sam­men ge­hö­ren. Auch der Staat hat das ver­stan­den.

Ne­ga­ti­ve Er­fah­run­gen ha­ben die bei­den Män­ner, die im Ge­sund­heits­we­sen ar­bei­ten, nicht ge­macht. In ih­rer Wohn­an­la­ge, in der über­wie­gen­de äl­te­re Men­schen leben, hei­ßen die bei­den 49 und 50 Jah­re al­ten Män­ner nur „die Jungs”. Es sei im­mer ei­ne Frage, wie of­fen Mann mit sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät um­ge­he, fin­det Ertl. Dar­aus, dass sie „an­ders­rum” sind, ha­ben sie von An­fang an kei­nen Hehl ge­macht. Ih­re Hoch­zeits­an­zei­ge im Ta­ge­blatt ha­ben sie des­halb über Kopf er­schei­nen las­sen. Bei herr­li­chem Son­nen­schein wur­de ge­hei­ra­tet, dann muss­te die Fei­er we­gen ei­nes Ge­wit­ters in die Woh­nung ver­legt wer­den. Zwei Pas­to­ren in Ba­de­ho­sen ge­lei­te­ten die Gäs­te un­ter dem Schirm ins Tro­cke­ne – ein rau­schen­des Fest. Am En­de aber, so sagt Ertl, geht es bei ei­ner Ehe auch um Ab­si­che­rung des An­dern und ums Aus­kunfts­recht, bei­spiels­wei­se, wenn ei­ner der bei­den ins Kran­ken­haus muss. „Man muss ein­fach we­ni­ger dis­ku­tie­ren.”

Wie ge­nau das Um­wan­deln der Part­ner­schaft in ei­ne Ehe dann funk­tio­niert, wis­sen die bei­den noch nicht. Aber wenn sie ih­ren Sta­tus um­tra­gen las­sen, wol­len bei­de den glei­chen Nach­na­men an­neh­men.

Sa­rah und Li­sa trau­en sich noch nach al­tem Ge­setz

Ab Ok­to­ber tritt das neue Ehe-füral­le-ge­setz in Kraft. Die bis­lang Letz­ten, die sich noch nach dem al­ten Ge­setz ha­ben trau­en las­sen, sind Sa­rah und Li­sa Wie­se. Die bei­den jun­gen Frau­en ha­ben ein­an­der vor drei Wo­chen ver­spro­chen, das Leben ge­mein­sam zu ver­brin­gen. Mit

Datum vom 8. Ju­li gilt ih­re Ehe noch als so­ge­nann­te „ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­ge­mein­schaft”. Die Wie­ses sind das bis­lang letz­te gleich­ge­schlecht­li­che Paar, das in Göt­tin­gen noch nach dem al­ten Ge­setz ge­traut wur­de. Auch die bei­den Frau­en wol­len, so­bald die „Ehe für al­le” in Kraft tritt, ih­ren Sta­tus än­dern las­sen.

„Für uns ist es wich­tig, ei­ne gleich­ge­stell­te Ehe ein­zu­ge­hen, weil wir Kin­der ha­ben wol­len”, sagt Sa­rah Wie­se. „Wir müs­sen dann zwar im Ok­to­ber noch ein­mal zum Stan­des­amt ge­hen, um das Gan­ze ding­fest zu ma­chen, aber das ist okay”, sagt die 27-Jäh­ri­ge. Mit der an­er­kann­ten Ehe ha­ben die bei­den Göt­tin­ge­rin­nen dann auch die Mög­lich­keit, ein Kind zu ad­op­tie­ren. Noch sei aber nicht klar, wann und wo sich die klei­ne Fa­mi­lie ver­grö­ßern wird. Li­sa ar­bei­tet der­zeit in der Gas­tro­no­mie, so wie Sa­rah zu­vor. Die 25-Jäh­ri­ge Li­sa aber will dem­nächst zur Bun­des­wehr wech­seln, sie will Be­rufs­sol­da­tin wer­den. Sa­rah ab­sol­viert ge­ra­de ih­re zwei­te Aus­bil­dung als Kauf­frau im Au­to­han­del.

Auch den bei­den Frau­en ist es wich­tig, dass sie die glei­chen Rech­te und Pflich­ten wie je­des an­de­re Ehe­paar ha­ben. Als das neue Ge­setz be­schlos­sen wur­de, ha­ben die bei­den Frau­en mit ei­nem Bier dar­auf an­ge­sto­ßen. Seit vier Jah­ren ken­nen sich Sa­rah und Li­sa, an ei­nem 7. ha­ben sie be­schlos­sen, ein Paar zu sein. Am 8.7. ha­ben sie ge­hei­ra­tet. Den­noch: „Wir wer­den be­stimmt bei­de den Hoch­zeits­tag ver­ges­sen”, sagt Li­sa und lacht. Den An­trag mach­te Li­sa. Die bei­den tei­len ein Hob­by: das Geo­caching. Li­sa hat­te ei­ne Ral­lye vor­be­rei­tet, vor­bei an Plät­zen in der Stadt, an de­nen die bei­den ih­re ers­ten und wei­te­re Tref­fen hat­ten. Ers­ter Punkt, das De­ja Vu, dort ha­ben sie sich ken­nen­ge­lernt. “Am En­de der Ral­lye stand Li­sa mit Blu­men und ei­nem Ring”, er­in­nert sich Sa­rah. „Ich ha­be so­fort und ger­ne ja gesagt”.

Ge­fei­ert wur­de im Bis­tro des Deut­schen Thea­ters, wo Sa­rah einst ar­bei­te­te. „Ein rau­schen­des Fest”, sa­gen sie. Nur: „Mein Kleid war an den Rip­pen viel zu eng”, er­in­nert sie sich. Nach dem Hoch­zeit­stanz zu Sil­ber­monds „Das Bes­te”, war das Hoch­zeits­kleid Ge­schich­te.

Die Ehe sei­en sie vor al­lem “we­gen der Kin­der” ein­ge­gan­gen, so die Wie­ses. „Wenn ein Kind kommt, muss man wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sein”, sagt Li­sa. Und: „Ich möch­te nicht nur emo­tio­nal, son­dern auch recht­lich an ers­ter Stel­le ste­hen”, sagt Sa­rah. Egal ob im Er­brecht, im Krank­heits­fall oder auch im Fa­mi­li­en­le­ben. „Es ist jetzt fest­ge­schrie­ben”, sagt Sa­rah. Das äu­ße­re Zei­chen ih­rer in­ne­ren Ver­bun­den­heit: die Rin­ge. Sa­rah trägt ihn rechts, Li­sa links. „Links kommt vom Her­zen”, sagt sie. „Das fin­de ich schön.”

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Cars­ten Ertl und Frank Schaub wa­ren das ers­te Män­ner­paar, das sich 2001 in Göt­tin­gen trau­en ließ.

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Sa­rah (l.) und Li­sa Wie­se: Die bis­lang letz­te nach al­tem Ge­setz ge­trau­te „ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­ge­mein­schaft“in Göt­tin­gen.

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