Der lan­ge Weg zur Gleich­stel­lung

„Schwu­len­pa­ra­graf“175 wur­de erst 1994 aus dem Ge­setz ge­stri­chen

Eichsfelder Tageblatt - - Thema Des Tages - bib

Göt­tin­gen. Es ist noch gar nicht so lan­ge her, da mach­te sich ein 18-Jäh­ri­ger straf­bar, wenn er ei­nen 17-Jäh­ri­gen Se­xu­al­part­ner hat­te. 122 Jah­re lang war der Pa­ra­graf 175 – der so­ge­nann­te „Schwu­len­pa­ra­graf“– Teil des deut­schen Straf­rechts. Der Pa­ra­graf 175 galt seit 1872 mit In­kraft­tre­ten des Reichs­straf­ge­setz­bu­ches. Er stell­te se­xu­el­le Hand­lun­gen zwi­schen Per­so­nen männ­li­chen Ge­schlechts un­ter Stra­fe. 1935 wur­de er von Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­schärft, die Stra­fen an­ge­ho­ben. Bis zu zehn Jah­re Zucht­haus konn­ten ver­hängt wer­den. Das galt bis 1969. Erst 1969 und 1973 wur­de der Pa­ra­graf 175 vom Deut­schen Bun­des­tag re­for­miert. Er­wach­se­nen Ho­mo­se­xu­el­len droh­te seit­dem kei­ne Ver­fol­gung mehr. Erst 1994 wird der Pa­ra­graf end­gül­tig aus dem deut­schen Straf­ge­setz­buch ge­stri­chen.

Erst in die­sem Jahr, am 22. März 2017, be­schloss das Bun­des­ka­bi­nett ei­nen Ge­setz­ent­wurf zur Auf­he­bung der 175er-ur­tei­le und die Zah­lung von Ent­schä­di­gun­gen an die noch le­ben­den Ver­ur­teil­ten.

Re­ha­bi­li­tiert wur­den auf Drän­gen der CDU le­dig­lich je­ne Op­fer, de­ren Se­xu­al­part­ner sei­ner­zeit min­des­tens 16 und nicht 14 Jah­re alt ge­we­sen wa­ren. Das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um schätz­te die Zahl der noch le­ben­den Op­fer auf rund 5000 – von einst 50 000 Ver­ur­teil­ten. Sie sol­len mit 3000 Eu­ro pro Ur­teil und 1500 Eu­ro pro an­ge­fan­ge­nem Jahr ei­nes Frei­heits­ent­zugs ent­schä­digt wer­den.

Der letz­te Schritt der Ent­schei­dung zur Auf­he­bung der ge­setz­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung ist En­de Ju­ni ge­fal­len. Der Bun­des­tag hat mehr­heit­lich mit 393 Ja-stim­men zu 226 Nein-stim­men die Ehe für al­le be­schlos­sen. Die drei Göt­tin­ger Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Tho­mas Oppermann (SPD), Fritz Günt­zler (CDU und Jür­gen Trit­tin (Grü­ne) stim­men da­für. Auch die Kir­chen ge­ben sich of­fe­ner: „Die recht­li­che Gleich­stel­lung ho­mo­se­xu­el­ler Paa­re ist der rich­ti­ge Schritt“, mein­te da­zu da­mals Fried­rich Sel­ter, Su­per­in­ten­dent des evan­ge­lisch-lu­the­ri­schen Kir­chen­krei­ses Göt­tin­gen. Lan­des­kir­che und Göt­tin­ger Kir­chen­kreis be­für­wor­te­ten die kirch­li­che Trau­ung, wenn Paa­re mit­ein­an­der und mit ih­rer Lie­be ver­ant­wort­lich, ver­bind­lich und gleich­be­rech­tigt um­gin­gen, so der Su­per­in­ten­dent. Sel­ter: „Ich per­sön­lich ste­he der kirch­li­chen Trau­ung gleich­ge­schlecht­li­cher Paa­re, die sich Got­tes Se­gen für ih­re Part­ner­schaft wün­schen, schon lan­ge auf­ge­schlos­sen ge­gen­über.“„Uns steht es nicht zu, über ei­ne Le­bens­form zu ur­tei­len.“Viel­mehr ge­he es dar­um, den Men­schen zu re­spek­tie­ren. „Ei­ne vol­le sa­kra­men­tal­kirch­li­che Trau­ung geht nicht, egal wie sich der Bun­des­tag ent­schei­det“, er­klär­te hin­ge­gen Bernd Gal­lusch­ke, Propst und ka­tho­li­scher Dechant in Du­der­stadt, als die “Ehe für al­le” ver­ab­schie­det wur­de. Doch „wenn je­mand den Se­gen ha­ben will für sei­ne Be­zie­hung, den kann man nicht ver­weh­ren“.

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