Junckers Vi­si­on schlägt Wel­len

Plä­ne des Eu-kom­mis­si­ons­chefs für ein neu­es Eu­ro­pa sto­ßen in Ber­lin auf ver­hal­te­ne Zu­stim­mung

Eichsfelder Tageblatt - - POLITIK - Von Ma­ri­na Kormbaki und Gerald Klei­ne Wördemann

Ber­lin. Die Grund­satz­re­de, die Eukom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­anclau­de Juncker Mit­te der Wo­che im Eu-par­la­ment ge­hal­ten hat, hallt in den Haupt­städ­ten des Kon­ti­nents kräf­tig nach. Da­bei stößt Junckers For­de­rung nach ei­ner stär­ke­ren In­te­gra­ti­on der EU in ge­mein­sa­mem Tem­po, mit dem Eu­ro für al­le und dem Ab­bau von Kon­trol­len an den Gren­zen zu Bul­ga­ri­en und Ru­mä­ni­en, auf ein ge­teil­tes Echo.

In Ber­lin weiß man, dass mit die­sen For­de­run­gen im Wahl­kampf we­nig zu ho­len ist. Für sei­ne „Vi­si­on“aber er­hält Juncker Lob von vie­len Spit­zen­po­li­ti­kern. Er tei­le die Vi­si­on ei­ner Auf­nah­me Ru­mä­ni­ens und Bul­ga­ri­ens in die Schen­gen-zo­ne, sag­te et­wa Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Thomas de Mai­ziè­re ges­tern. Und auch Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le lobt an Juncker, „dass er Druck und Tem­po macht“.

Doch hin­sicht­lich der Um­set­zung von Junckers Vor­schlä­gen sind bei­de Cdu-bun­des­mi­nis­ter skep­tisch: „Ehr­lich ge­sagt, ist es noch ein ziem­lich lan­ger Weg“, sag­te de Mai­ziè­re zur Er­wei­te­rung des Schen­gen­raums. „Wir kön­nen die ge­mein­sa­me Wäh­rung nur Län­dern ge­ben, de­ren Wirt­schaft in Ord­nung ist“, sag­te Schäu­b­le am Don­ners­tag der Ros­to­cker „Ost­see-zei­tung“, die dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land an­ge­hört. Schäu­b­le ver­wies dar­auf, dass den Län­dern mit dem Eu­ro die Mög­lich­keit zur Ab­wer­tung ih­rer Wäh­rung in Kri­sen­zei­ten ge­nom­men wür­de: „Wenn die Län­der die­sen Mecha­nis­mus nicht mehr ha­ben, sind sie wirt­schaft­lich nicht mehr er­folg­reich.“

Aus der Wis­sen­schaft aber er­hält Juncker mit­un­ter gro­ßen Bei­fall. „Juncker hat völ­lig recht“, schreibt der Prä­si­dent des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, Mar­cel Fratz­scher, in der Zei­tung „Die Welt“. Zwar wä­re ei­ne so­for­ti­ge Eu­ro-ein­füh­rung wirt­schafts­po­li­tisch nicht sinn­voll. „Es ist wirt­schaft­lich Mar­cel Fratz­scher, Prä­si­dent des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung

je­doch rich­tig und sinn­voll für al­le Eu-län­der, dem Eu­ro über die nächs­ten zehn bis 15 Jah­re bei­zu­tre­ten“, schreibt Fratz­scher und ver­weist auf die recht­li­che Selbst­ver­pflich­tung zur Eu­ro-ein­füh­rung al­ler Eu-staa­ten mit Aus­nah­me Dä­ne­marks und des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs. „Da­her ist es zy­nisch, wenn deut­sche Kri­ti­ker die­ses Prin­zip nicht ak­zep­tie­ren wol­len, aber gleich­zei­tig mit Em­pö­rung re­agie­ren, wenn Län­der an­de­re ge­mein­sa­me Re­geln bre­chen.“

Po­si­tiv fiel die Re­ak­ti­on auf Junckers Re­de auch in Pa­ris aus: Sie ent­hal­te „vie­le ehr­gei­zi­ge Vor­schlä­ge“und for­de­re zum Han­deln be­reits in den kom­men­den Mo­na­ten auf, hieß es aus Ély­sée­krei­sen. Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron sieht sich of­fen­bar in sei­nem Re­for­me­lan durch den Eu­kom­mis­si­ons­chef be­stä­tigt.

Auf Twit­ter hob Ma­cron ei­ne An­kün­di­gung Junckers her­vor, die in Deutsch­land bis­her we­nig Be­ach­tung ge­fun­den hat: „Für ein at­trak­ti­ves und be­schüt­zen­des Eu­ro­pa“sei die von Juncker skiz­zier­te Kon­trol­le aus­län­di­scher In­ves­ti­tio­nen un­er­läss­lich, mel­det Ma­cron – „ei­ne For­de­rung Frank­reichs“.

Neue Re­ge­lun­gen sol­len Eustaa­ten vor aus­län­di­schen In­ves­ti­tio­nen schüt­zen, die stra­te­gi­sche In­ter­es­sen oder die Si­cher­heit Eu­ro­pas be­rüh­ren. Das be­trifft sen­si­ble Itspar­ten eben­so wie In­fra­struk­tur an stra­te­gisch wich­ti­gen Ver­kehrs­kno­ten­punk­ten.

Auf die­sen Punkt be­schränk­te Ma­cron aber auch schon sei­ne of­fen ge­äu­ßer­te Be­geis­te­rung für Junckers Plä­ne. Über­haupt ist es ge­ra­de ein we­nig still ge­wor­den um die im fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf im­mer wie­der von Ma­cron be­schwo­re­ne Re­form der EU. Er woll­te die Wäh­rungs­uni­on ver­tie­fen, ei­nen Eu­ro-fi­nanz­mi­nis­ter ein­füh­ren, mit ei­ge­nem Eu­ro-bud­get und so­gar Eu­ro-par­la­ment.

Dass da­von zur­zeit we­nig zu hö­ren ist, liegt ge­wiss dar­an, dass Ma­cron sich jetzt zu­nächst dar­an­macht, den fran­zö­si­schen Ar­beits­markt zu re­for­mie­ren, zum Är­ger der Ge­werk­schaf­ten. Es dürf­te aber auch mit dem deut­schen Wahl­kampf zu­sam­men­hän­gen, dass Ma­cron sei­ne Idee von mehr Eu­ro­pa in Wirt- schafts­fra­gen ge­ra­de nicht of­fen­siv be­wirbt. Pa­ris be­fürch­tet, den Wahl­kämp­fern in Deutsch­land da­mit ei­nen Bä­ren­dienst zu er­wei­sen.

Zu­dem wird die fran­zö­si­sche Re­gie­rung für ih­re Vor­stel­lun­gen für ei­nen stär­ke­ren öko­no­mi­schen Aus- gleich zwi­schen wohl­ha­ben­den und är­me­ren Eu-staa­ten auch bei der künf­ti­gen Bun­des­re­gie­rung noch ei­ni­ges an Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten müs­sen – ganz gleich, von wel­chen Par­tei­en sie ge­bil­det wer­den wird.

Juncker hat völ­lig recht.

MESTER

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