Ei­ne Aus­nah­me vom Ri­tu­al

Eichsfelder Tageblatt - - WIRTSCHAFT - Von Jens Heit­mann

Ta­rif­ver­hand­lun­gen fol­gen fes­ten Ri­tua­len. Wenn ei­ne Ge­werk­schaft ih­re Vor­stel­lun­gen prä­sen­tiert, re­agie­ren die Ar­beit­ge­ber mit Ab­scheu und Em­pö­rung, weil die­se For­de­run­gen nicht in die je­wei­li­ge Zeit pas­sen – das gilt für gu­te wie schlech­te Zei­ten glei­cher­ma­ßen. Wäh­rend vor den Werks­to­ren Warn­streiks an­lau­fen, nä­hern sich bei­de Par­tei­en hin­ter ge­schlos­se­nen Tü­ren an. Der Ab­schluss wird dann meist früh mor­gens mit mü­den Au­gen ver­kün­det, da­mit al­le den Kamp­fes­wil­len se­hen.

So läuft es in der Re­gel – die Ta­rif­ver­hand­lun­gen für Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie könn­ten in die­sem Jahr die Aus­nah­me sein. Na­tür­lich ist kein Ar­beit­ge­ber­ver­band be­geis­tert, wenn ei­ne Ge­werk­schaft Lohn­er­hö­hun­gen von bis zu 7 Pro­zent for­dert. Schon gar nicht, wenn in der letz­ten Run­de be­reits Zu­schlä­ge von 4,8 Pro­zent ver­ein­bart wur­den. Doch die ei­gent­li­che Sor­ge be­trifft die­ses Mal die Ar­beits­zeit: Die Idee ei­ner 28St­un­den-wo­che schockt die Un­ter­neh­men selbst dann, wenn das Recht der Be­schäf­tig­ten dar­auf be­fris­tet wür­de.

Of­fi­zi­ell be­grün­den die Ar­beit­ge­ber ih­ren Wi­der­stand da­ge­gen mit dem Fach­kräf­te­man­gel, der schon heu­te häu­fig die Pro­duk­ti­on be­hin­dert. Hin­ter die­sem Ar­gu­ment ver­birgt sich hin­ge­gen noch ei­ne grö­ße­re Sor­ge: Das The­ma Ar­beits­zeit be­rührt den Man­tel­ta­rif­ver­trag – wer die­sen kün­digt, öff­net auch die Tür zur Ta­rif­flucht. Letzt­lich stellt das so­gar die Zu­kunft des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des in Fra­ge.

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