Die schwe­di­schen Gum­mi­stie­fel

Eichsfelder Tageblatt - - KULTUR - VON HEN­NING MAN­KELL. AUS DEM SCHWE­DI­SCHEN VON VE­RE­NA REICHEL

57. Fort­set­zung

Ich über­leg­te, ob die Ver­si­che­rung auch für zer­stör­te Ap­fel­bäu­me galt. Aber ich ließ die Fra­ge auf sich be­ru­hen. Jo­nas An­ders­son küm­mer­te sich ver­mut­lich nicht um ver­kohl­te Obst­bäu­me.

Als ich mit der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft te­le­fo­nier­te, saß ich im Wohn­wa­gen. Loui­se stand an der Tür und lausch­te. Da Jo­nas An­ders­sons Stim­me sehr schrill war, hör­te sie si­cher auch, was er zu sa­gen hat­te.

Wir be­en­de­ten das Ge­spräch da­mit, dass wir ver­ein­bar­ten, er oder ein Kol­le­ge wür­de her­aus­kom­men, um sich die Brand­stät­te an­zu­se­hen. Er be­nutz­te ei­nen ei­gen­tüm­li­chen Aus­druck. Die Brand­stät­te soll­te oku­lar­be­sich­tigt wer­den. Das soll­te in we­ni­gen Ta­gen ge­sche­hen.

An­ders­son frag­te in­des­sen nicht, wo ich jetzt wohn­te. Eben­so we­nig kom­men­tier­te er, dass al­le mei­ne Be­sitz­tü­mer ver­brannt wa­ren. Ich nahm an, sei­ne wich­tigs­te Auf­ga­be wä­re es, da­für zu sor­gen, dass die Ge­sell­schaft nicht un­nö­tig viel Geld aus­be­zahl­te.

»Die Ver­si­che­rung gilt«, sag­te ich nach dem Ge­spräch. »Aber na­tür­lich nicht, wenn ich an­ge­klagt und we­gen Brand­stif­tung ver­ur­teilt wer­de.«

»Was ge­schieht dann?«

»Ich lan­de im Ge­fäng­nis. Und es wird kein Haus mit dem Geld der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft er­baut.«

Das Wet­ter bes­ser­te sich zu­se­hends. Auf star­ke Win­de folg­te un­er­war­te­te Herbst­wär­me. Ich stieg täg­lich ein­mal auf den Fel­sen und hielt nach dem Wind­sur­fer Aus­schau. Aber das Meer war leer. Kei­ne Boo­te, kei­ne schwar­zen Se­gel.

Wenn die Zug­vö­gel ver­schwin­den, wird es still in den Schä­ren. Wel­len und Win­d­rau­schen, sonst nichts.

Ei­nes Abends be­merk­te ich, dass Loui­se nie­der­ge­schla­gen wirk­te. Sie saß auf der Bank unten am Steg und hat­te den Kopf in die Hän­de ge­legt. Ich war ge­ra­de von dem Fel­sen zu­rück­ge­kehrt, als ich sie ent­deck­te. Rasch blieb ich ste­hen und be­trach­te­te sie heim­lich, mach­te mich aber nicht be­merk­bar. Mehr und mehr schien es, als kom­mu­ni­zier­ten wir mit­ein­an­der, in­dem wir uns aus den Au­gen­win­keln be­ob­ach­te­ten. Wir gin­gen her­um und hat­ten Angst. Mei­ne Angst rühr­te da­her, dass ich mein­te, we­ni­ger und we­ni­ger von mei­ner schwan­ge­ren Toch­ter zu wis­sen. Und dass sie an mir viel­leicht sah, was das Al­ter mit ei­nem Men­schen macht.

Es war zehn Uhr vor­mit­tags am ers­ten Di­ens­tag im No­vem­ber, als ich ein Mo­to­ren­ge­räusch hör­te. Da der Wind von Sü­den kam und der Schä­ren­gar­ten im Üb­ri­gen ganz still war, ver­nahm ich das Boot schon aus der Fer­ne. Es war nicht Jans­son, der drau­ßen her­an­fuhr. Ich kann­te das sich nä­hern­de Mo­to­ren­ge­räusch nicht. Das Boot, das um die Land­zun­ge bog, hat­te ich noch nie ge­se­hen. Es war ein wei­ßes Plas­tik­boot, das den un­ge­wöhn­li­chen Na­men Dra­bant II trug. Ich frag­te mich, was für ein Idi­ot das wohl war, der sei­nem Boot ei­nen Pfer­de­na­men ge­ge­ben hat­te.

Aus­nahms­wei­se gin­gen Loui­se und ich zu­sam­men hin­un­ter zum Steg, als der Be­such kam.

Es war die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft. Aber nicht Jo­nas An­ders­son. Der Mann stell­te sich als Tors­ten Myll­gren vor. Er konn­te nicht äl­ter als fünf­und­zwan­zig sein. Ich hat­te mir im­mer vor­ge­stellt, Er­mitt­ler müss­ten er­fah­re­ne Men­schen sein, die schon vie­le ver­schie­de­ne Ar­ten von Ver­si­che­rungs­fäl­len be­treut hat­ten. Aber Tors­ten Myll­gren wirk­te wie ein Halb­wüch­si­ger.

Die Per­son, die das Boot ge­lenkt hat­te, war nicht viel äl­ter. Als wir uns be­grüß­ten, fühl­te ich nur ei­ne schlaf­fe, ver­schwitz­te Hand. Mit piep­si­ger Stim­me stell­te der jun­ge Mann sich als Has­se vor, falls ich mich nicht ver­hört hat­te. Als ich Loui­se frag­te, zeig­te sich, dass auch sie nicht si­cher war, wie er hieß.

Wir gin­gen zur Brand­stät­te hin­auf. Ich er­war­te­te ei­nen Hin­weis von Myll­gren, dass er jetzt von dem Ver­dacht auf Brand­stif­tung wüss­te. Aber er sag­te nichts.

Myll­gren trug ei­nen oran­ge­far­be­nen Over­all und hat­te zu mei­ner Freu­de so­li­de grü­ne schwe­di­sche Gum­mi­stie­fel an den Fü­ßen. Es fehl­te nicht viel, und ich hät­te ihn ge­fragt, wo er sie ge­kauft hat­te. In der Hand hielt er ei­nen gro­ßen Schreib­block und be­gann so­fort, sich Notizen zu ma­chen, als wir zu der ver­kohl­ten Rui­ne ge­langt wa­ren.

Has­se zün­de­te ei­ne di­cke Zi­gar­re an, nach­dem er sich hin­ter dem Wohn­wa­gen ins Lee ge­stellt hat­te. Ich be­gann zu glau­ben, dass er mög­li­cher­wei­se für die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft le­dig­lich Trans­por­te im Schä­ren­gar­ten er­le­dig­te. Der Zi­gar­ren­rauch trieb hin­auf zu Loui­se und mir, als wir da stan­den und Myll­gren da­bei be­ob­ach­te­ten, wie er um die Rui­ne her­um­stie­fel­te. Dann und wann blieb er ste­hen und mach­te Fo­tos mit sei­nem Han­dy. Zwi­schen­durch be­nutz­te er auch ei­nen klei­nen Re­cor­der, den er in der Ta­sche hat­te, um münd­li­che An­mer­kun­gen zu ma­chen.

»Wo­nach sucht er?«, frag­te Loui­se. »Er kann doch nicht er­ken­nen, wie das Haus ein­mal aus­ge­se­hen hat?«

»Ich weiß es nicht«, ent­geg­ne­te ich. »Du musst ihn selbst fra­gen.«

»Ich bin froh, dass ich nicht mit ei­nem sol­chen Mann an der Sei­te auf­wa­che.«

Ich stutz­te über ih­ren Kommentar. Aber zu­gleich wur­de mir klar, dass sie mir ei­ne Tür ge­öff­net hat­te, um die wich­tigs­te Fra­ge von al­len zu stel­len.

»Mit wel­chem Mann möch­test du auf­wa­chen?«

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