Kom­pe­tenz­zen­trum ver­fas­sungs­wid­rig

Land­ge­richts­ent­schei­dung zu Maß­re­gel­voll­zug

Eichsfelder Tageblatt - - ERSTE SEITE - Von Mar­kus Scharf

Im April 2017 ist im Maß­re­gel­voll­zugs­zen­trum Mo­rin­gen ein Kom­pe­tenz­zen­trum ein­ge­rich­tet wor­den, um An­trä­ge auf Voll­zugs­lo­cke­rung ju­ris­tisch zu über­prü­fen. Jetzt stuf­te das Land­ge­richt Göt­tin­gen die Er­rich­tung die­ses Zen­trums als ver­fas­sungs­wid­rig ein.

Göt­tin­gen/mo­rin­gen. Im April 2017 ist im Maß­re­gel­voll­zugs­zen­trum Mo­rin­gen (MRVZN) ein Kom­pe­tenz­zen­trum ein­ge­rich­tet wor­den, das un­ter an­de­rem An­trä­ge auf Voll­zugs­lo­cke­rung ju­ris­tisch über­prü­fen soll. Jetzt stuf­te das Land­ge­richt Göt­tin­gen die Er­rich­tung die­ses Zen­trums als ver­fas­sungs­wid­rig ein.

Ein im Maß­re­gel­voll­zugs­zen­trum Mo­rin­gen un­ter­ge­brach­ter Pa­ti­ent hat­te sich An­fang Sep­tem­ber um Voll­zugs­lo­cke­rung be­müht, sich je­doch in die­sem Zu­sam­men­hang ge­wei­gert, die be­han­deln­den Ärz­te von der Schwei­ge­pflicht ge­gen­über dem Kom­pe­tenz­zen­trum zu ent­bin­den. Und ob­wohl der zu­stän­di­ge Sta­ti­ons­lei­ter des MRVZN die Lo­cke­rung an­ge­regt und be­für­wor­tet hat­te, wur­de der An­trag auf­grund die­ser Wei­ge­rung ne­ga­tiv be­schie­den.

In der Be­grün­dung hieß es, die durch den Er­lass des Mi­nis­te­ri­ums für So­zia­les, Ge­sund­heit und Gleich­stel­lung zwin­gend vor­ge­se­he­ne Be­tei­li­gung der Ju­ris­ten im Kom­pe­tenz­zen­trum war durch die feh­len­de Ent­bin­dung von der ärzt­li­chen Schwei­ge­pflicht nicht mög­lich. Der An­trag war da­mit nicht zu be­ar­bei­ten. Und da­mit be­weg­te sich das Kom­pe­tenz­zen­trum ganz auf der Li­nie des Mi­nis­te­ri­ums. Das hat­te in ei­nem Schrei­ben En­de Ju­li ge­gen­über den Voll­zugs­lei­tun­gen der nie­der­säch­si­schen Maß­re­gel­voll­zugs­ein­rich­tun­gen er­neut be­tont: „Bei feh­len­dem Vo­tum des Kom­pe­tenz­zen­trums kann ei­ne un­ter den Er­lass fal­len­de Lo­cke­rungs­maß­nah­me nicht durch­ge­führt wer­den.“

Der In­sas­se wand­te sich An­fang Ok­to­ber mit sei­nem Fall an das Göt­tin­ger Ge­richt, das jetzt sei­nen Be­schluss ver­öf­fent­lich­te (Az. 53 STVK 91/17): Die zwin­gen­de Be­tei­li­gung des Kom­pe­tenz­zen­trums und die da­mit ver­bun­de­ne Ent­schei­dungs­ver­la­ge­rung auf Drit­te sieht das nie­der­säch­si­sche Maß­re­gel­voll­zugs­ge­setz nicht vor. Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts füh­re das zur Rechts­wid­rig­keit der Ein­rich­tung. Zu­dem ver­sto­ße der Er­lass des Mi­nis­te­ri­ums ge­gen Ar­ti­kel 2 Ab­satz 2 Satz 3 des Grund­ge­set­zes, der vor­sieht, dass in die Frei­heit ei­ner Per­son nur auf­grund ei­nes Ge­set­zes ein­ge­grif­fen wer­den darf.

Das Kom­pe­tenz­zen­trum war im April ein­ge­rich­tet wor­den, nach­dem in den Jah­ren zu­vor meh­re­re Men­schen aus dem nie­der­säch­si­schen Maß­re­gel­voll­zug hat­ten flie­hen kön­nen. Wie­der­holt wa­ren Voll­zugs­lo­cke­run­gen ge­nutzt wor­den, um zu ent­kom­men. So­zi­al­mi­nis­te­rin Cor­ne­lia Rundt (SPD) hat­te dar­auf­hin das mit Ju­ris­ten be­setz­te Ex­per­ten­team per Er­lass in­stal­liert, um im Ein­zel­fall über den the­ra­peu­tisch­psych­ia­tri­schen Blick hin­aus prü­fen zu las­sen, ob die öf­fent­li­che Si­cher­heit in Ge­fahr ist, wenn ein Pa­ti­ent un­be­glei­te­ten Aus­gang er­hält.

Aus dem Mi­nis­te­ri­um hieß es am Di­ens­tag auf An­fra­ge: „Das Ur­teil des Land­ge­richts Göt­tin­gen zeigt uns, dass wir mit ei­ner Auf­nah­me des Kom­pe­tenz­zen­trums ins Maß­re­gel­voll­zugs-ge­setz Rechts­si­cher­heit schaf­fen müs­sen“, so Spre­cher Uwe Hil­de­brandt. Die ge­setz­li­che Ab­si­che­rung des Kom­pe­tenz­zen­trums sei für die an­ste­hen­de No­vel­lie­rung oh­ne­hin vor­ge­se­hen. Grund­sätz­lich ar­bei­te das Kom­pe­tenz­zen­trum je­doch er­folg­reich, es brin­ge mehr ju­ris­ti­schen Sach­ver­stand in die Ge­wäh­rung von Voll­zugs­lo­cke­run­gen und er­hö­he so­mit die Si­cher­heit der Bür­ger in Nie­der­sach­sen.

Die Ent­schei­dung des Land­ge­richts ist noch nicht rechts­kräf­tig.

Das Ur­teil zeigt uns, dass wir Rechts­si­cher­heit schaf­fen müs­sen. Uwe Hil­de­brandt, Spre­cher So­zi­al­mi­nis­te­ri­um

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