Un­ser maß­lo­ses Ide­al

Eichsfelder Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Hil­al Sez­gin

Neu­lich ha­be ich mir mal wie­der „Zim­mer mit Aus­sicht“an­ge­se­hen: Das ist so ein Ko­s­tüm­film nach ei­nem Ro­man von E. M. Fors­ter, der im En­g­land des be­gin­nen­den 20. Jahr­hun­derts spielt. Es geht um Lie­be, die den Re­geln der Klas­sen­ge­sell­schaft wi­der­spricht. Die jün­ge­re Per­son, mit der ich den Film an­sah, ver­stand gar nicht, wor­um es ging. Al­les war so schreck­lich lang­sam in die­sem Film!

Der größ­te Kon­trast zu heu­te liegt aber ver­mut­lich in den The­men. Die Fi­gu­ren rin­gen mit den Kon­ven­tio­nen ih­rer Zeit, und wir heu­te rin­gen meist mit et­was ganz an­de­rem. Un­ser Pro­blem ist nicht, dass die ro­man­ti­sche Lie­be von der Um­ge­bung nicht ak­zep­tiert wird, son­dern dass die Ro­man­tik bald ab­blät­tert; dass wir so viel von ihr er­war­ten und un­se­re Ge­füh­le nicht er­fül­len kön­nen, was das maß­lo­se Ide­al ver­langt. Wir tra­gen Schritt­zäh­ler am Hand­ge­lenk und be­trei­ben aus­ge­feil­te Aus­dau­er­sport­ar­ten, um un­se­re Kör­per für das Bü­ro­le­ben zu ent­schä­di­gen, für das wir ei­ne Aus­bil­dung nach der an­de­ren be­su­chen. Denn wer sich nicht stän­dig wei­ter­bil­det, an sei­nem Kör­per her­um­bas­telt und Re­tre­ats zur Er­fri­schung der See­le be­sucht, bleibt zu­rück.

Von ei­ner „Ge­sell­schaft der Sin­gu­la­ri­tä­ten“spricht der So­zio­lo­ge Andre­as Reck­witz: In ihr herrscht die Ver­pflich­tung, in je­dem Mo­ment ganz man selbst sein zu müs­sen, au­then­tisch, un­ver­stellt und ein­ma­lig. Das ist an­stren­gend!

Na­tür­lich will nie­mand in die frü­he­re Welt zu­rück, in der lau­ter Kon­ven­tio­nen die In­di­vi­dua­li­tät nie­der­drück­ten. Aber die heu­ti­ge Leis­tungs­ge­sell­schaft mit ih­rer Pflicht zur Selbst­op­ti­mie­rung wird dem Men­schen lei­der auch nicht ge­recht.

Hil­al Sez­gin lebt als Schrift­stel­le­rin bei Lü­ne­burg.

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