„Wir brau­chen ei­ne grü­ne Re­vo­lu­ti­on von un­ten“

Trotz wach­sen­der Welt­be­völ­ke­rung soll die Zahl der Hun­gern­den sin­ken – die Agri­tech­ni­ca zeigt pas­sen­de Tech­nik

Eichsfelder Tageblatt - - WIRTSCHAFT - Von Jens Heit­mann

Hannover. Der Land­ma­schi­nen­her­stel­ler AGCO hat un­längst sei­ne Sicht auf die Welt ver­än­dert. Vor­her hat­te der US-KON­zern „High-tech-lö­sun­gen für pro­fes­sio­nel­le Far­mer, die die Welt er­näh­ren“im An­ge­bot – heu­te ha­be man auch je­ne Bau­ern im Blick, die zu­al­ler­erst sich, ih­re Fa­mi­lie und viel­leicht noch ihr Dorf ver­sor­gen, sag­te Vor­stands­chef Mar­tin Ri­chen­ha­gen am Di­ens­tag bei der Dis­kus­si­on „Ei­ne Welt oh­ne Hun­ger“auf der Agri­tech­ni­ca. Da­her wur­de die Ein­schrän­kung „pro­fes­sio­nell“aus der Be­schrei­bung der ei­ge­nen Mis­si­on ge­stri­chen: „Manch­mal reicht ein schon klei­ner Schritt, um die gro­ße Per­spek­ti­ve zu ver­än­dern.“

Ei­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen Agrar-pro­fis und ver- meint­li­chen Ama­teu­ren kann auf Dau­er nicht nur die Ge­schäf­te von An­bie­tern wie AGCO ge­fähr­den – sie wir­ke auch dem Ziel der Ver­ein­ten Na­tio­nen ent­ge­gen, den welt­wei­ten Hun­ger bis zum Jahr 2030 zu be­en­den, sag­te Bun­des­ent­wick­lungs­hil­fe­mi­nis­ter Gerd Mül­ler. In Län­dern mit dem größ­ten Nah­rungs­man­gel wür­den rund 80 Pro­zent der Agrar­flä­che von Klein­bau­ern be­wirt­schaf­tet: „Des­halb brau­chen wir ei­ne grü­ne Re­vo­lu­ti­on von un­ten.“

Theo­re­tisch kön­nen sich auch die Ent­wick­lungs­län­der selbst er­näh­ren. Wäh­rend je­doch in Deutsch­land zwi­schen fünf und acht Ton­nen Ge­trei­de je Hekt­ar ge­ern­tet wer­den, sind es in Afri­ka nur 0,3 bis 1,5 Ton­nen. Durch Aus­bil­dung so­wie ein bes­se­res Ma­nage­ment des Bo­dens und des An­baus könn­ten die Er­trä­ge in kur­zer Zeit deut­lich stei­gen, sag­te der Prä­si­dent der Deut­schen Land­wirt­schafts-ge­sell­schaft, Carl-al­brecht Bart­mer. Frü­her wä­re da­für ei­ne Aus­wei­tung der Flä­che oder ein ver­mehr­ter Ein­satz von Dün­ger und Pflan­zen­schutz­mit­teln nö­tig ge­we­sen, heu­te rei­che häu­fig die Nut­zung neu­er Land­wirt­schafts­tech­nik: „Wir müs­sen den Know­how-trans­fer ver­bes­sern.“

Selbst wenn das ge­lingt, sind die Her­aus­for­de­run­gen im­mens: Die Welt­be­völ­ke­rung nimmt je­den Tag um 230000 Men­schen zu, auf das Jahr ge­rech­net ent­spricht das glo­ba­le Wachs­tum der Ein­woh­ner­zahl von Deutsch­land. Bis 2050 rech­nen die Ver­ein­ten Na­tio­nen mit ei­nem An­stieg von der­zeit 7,5 auf zehn Mil­li­ar­den Men­schen. Seit 1990 ist die Zahl der Hun­gern­den um 216 Mil­lio­nen ge­sun­ken, ak­tu­ell ha­ben aber im­mer noch 815 Mil­lio­nen Men­schen zu we­nig zu es­sen – 98 Pro­zent von ih­nen le­ben in Ent­wick­lungs­län­dern.

Es wä­re je­doch ein Feh­ler, nach ei­nem Hilfs­mo­dell für al­le Staa­ten zu su­chen, sag­te Prof. Joa­chim von Braun, Di­rek­tor am Zen­trum für Ent­wick­lungs­for­schung der Uni­ver­si­tät Bonn: „Der Hun­ger ist kom­ple­xer ge­wor­den, es gibt ei­ne Viel­zahl von Ur­sa­chen.“Es gel­te po­li­ti­sche, öko­lo­gi­sche und tech­ni­sche Pro­ble­me zu lö­sen – bei Letz­te­ren kön­ne auch der Fort­schritt bei den Land­ma­schi­nen hel­fen.

Soll­te das ge­lin­gen, kann nach Ein­schät­zung von AGCO auch Afri­ka zum Brot­korb wer­den. „Dort gibt es die größ­te Re­ser­ve an Acker­flä­chen“, sag­te Kon­zern­chef Ri­chen­ha­gen. Wenn die Län­der ent­lang der Sa­hel­zo­ne ih­re Be­völ­ke­run­gen er­näh­ren könn­ten, wer­de das auch die Flücht­lings­strö­me ver­rin­gern: „So kann man Gu­tes tun und die Ak­tio­nä­re er­freu­en.“

FOTO: AP

815 Mil­lio­nen Men­schen lei­den Hun­ger – die meis­ten le­ben in Ent­wick­lungs­län­dern.

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