Die schwe­di­schen Gum­mi­stie­fel

Eichsfelder Tageblatt - - KULTUR - VON HEN­NING MAN­KELL. AUS DEM SCHWE­DI­SCHEN VON VE­RE­NA REI­CHEL

107. Fort­set­zung

Nie­mand sah mich, nie­mand ver­miss­te mich. Loui­se kam ein paar Mi­nu­ten vor sie­ben. In der Hand hielt sie die Fla­sche mit dem Be­dui­nen, ein­ge­wi­ckelt in Zei­tun­gen und brau­nes Pack­pa­pier. Sie stutz­te, als sie mich ent­deck­te, und frag­te, ob ir­gend­et­was ge­sche­hen sei. Ich hat­te das Ge­fühl, dass sie wirk­lich um mich be­sorgt war. »Ich flie­ge mor­gen nach Hau­se«, er­klär­te ich. »Ich mag kei­ne dra­ma­ti­schen Ab­schie­de. Ge­nau­so we­nig wie du.« Sie lach­te. Genau wie Har­riet, dach­te ich ver­dutzt. Das war mir bis­her nicht auf­ge­fal­len. »Da sind wir uns we­nigs­tens in ei­ner Hin­sicht ei­nig«, sag­te sie. »Dra­ma­ti­sche Be­geg­nun­gen oder Ab­schie­de wer­den oft un­an­ge­nehm.« Sie über­reich­te mir das Päck­chen und bat mich, es be­hut­sam zu be­han­deln. Be­son­ders, wenn ich es in das Ge­päck­fach über mei­nem Sitz­platz im Flug­zeug leg­te. »32B«, sag­te ich. »Ich bin zwi­schen zwei Per­so­nen ein­ge­klemmt.« Recht viel mehr gab es nicht zu sa­gen. »Ich wer­de kom­men«, ver­sprach sie. »Wir wer­den kom­men. Aber du musst nach Hau­se fah­ren und ein neu­es Haus bau­en. Vor­her darfst du nicht ster­ben.« »Ich ha­be nicht die Ab­sicht zu ster­ben«, sag­te ich. »Und na­tür­lich wer­de ich da­für sor­gen, dass das Haus ge­baut wird. Ich ha­be nicht vor, ei­ne Rui­ne zu hin­ter­las­sen.« Sie um­arm­te mich und ich sie. Dann dreh­te sie sich um und nahm die Trep­pe hin­un­ter in die Un­ter­welt. Ich sah ihr lan­ge nach. Viel­leicht hoff­te ich, sie wür­de zu­rück­kom­men? Zum Abend­es­sen such­te ich ein Bis­tro in der Nä­he auf. Auf das wei­ße Pa­pier­tisch­tuch zeich­ne­te ich mein nie­der­ge­brann­tes Haus. Aus dem Ge­dächt­nis, mit al­len De­tails. Ich konn­te mir nicht vor­stel­len, wo­an­ders zu woh­nen. Es war halb zehn, als ich zum Ho­tel zu­rück­kehr­te. Ein schwa­cher Nie­sel­re­gen fiel über Mont­par­nas­se. Ich hoff­te, die vie­len lan­gen Wan­de­run­gen wür­den mir hel­fen zu schla­fen. Als ich ins Ho­tel kam, war Mon­sieur Pier­re nach Hau­se ge­gan­gen. Den Nacht­por­tier hat­te ich noch nie ge­se­hen. Er war sehr jung, hat­te ei­nen Pfer­de­schwanz und ei­nen Ring im Ohr. Ich frag­te mich flüch­tig, wie es für Mon­sieur Pier­re war, den Ar­beits­platz mit ihm zu tei­len. Im nächs­ten Mo­ment ent­deck­te ich Li­sa Mo­din, die in ei­nem der bei­den Ses­sel der Re­zep­ti­on saß. Sie stand auf und frag­te, ob sie stö­re. »Nein«, er­wi­der­te ich. »Ich ha­be mich gera­de von mei­ner Toch­ter ver­ab­schie­det. Sie ist aus dem Ge­fäng­nis ent­las­sen wor­den. Aber sie bleibt hier in Pa­ris.« Ich sag­te nichts von Ah­med und sei­nem Bru­der, aber ich fuhr fort: »Ich ha­be ei­ne Fla­sche mit ei­nem Be­dui­nen­zelt da­rin be­kom­men. Ei­nes Ta­ges wer­de ich hof­fent­lich in ei­nem Haus le­ben, in dem es ein Re­gal gibt, in dem ich sie auf­stel­len kann.« Sie ent­geg­ne­te nichts, son­dern sah mich nur un­ver­wandt an. Wir gin­gen zum Auf­zug. Als wir in mein Zim­mer ka­men, leg­te ich das brau­ne Päck­chen auf den Schreib­tisch. Dann setz­te ich mich auf die Bett­kan­te. Sie setz­te sich ne­ben mich. Kei­ner von uns sag­te ein Wort. Als das Schwei­gen zu lang wur­de, er­zähl­te ich, dass ich am nächs­ten Tag nach Hau­se rei­sen wür­de. »Ich auch«, sag­te sie. »Viel­leicht neh­men wir bei­de das­sel­be Flug­zeug?« »Ich fah­re mit dem Zug. Ha­be ich das nicht er­wähnt? Ich ha­be Flug­angst. Mein Zug geht mor­gen um 16.20 Uhr.« »Über Ham­burg, Ko­pen­ha­gen und Stock­holm?« »Ja. Ich bin her­ge­kom­men, weil ich dich tref­fen woll­te. War­um, weiß ich nicht. Dass ich dich an­ge­schrien ha­be, be­reue ich nicht. Was ge­sche­hen ist, ist ge­sche­hen. Aber ich will, dass die Rei­se hier­her nicht ganz sinn­los ge­we­sen sein soll.« »Viel­leicht tei­len wir die Ein­sam­keit«, sag­te ich. »Sen­ti­men­ta­li­tät passt nicht zu dir. Un­se­re Er­war­tun­gen sind ver­schie­den. Ich ha­be kei­ne, aber du hast wel­che. Kei­ne Er­war­tung zu ha­ben ist auch ei­ne Er­war­tung.« »Wir le­gen uns aufs Bett«, sag­te ich. »Nichts wei­ter.« Sie schlüpf­te aus ih­rer Ja­cke und ih­ren Schu­hen. Sie wa­ren rot und hat­ten hö­he­re Ab­sät­ze als die Schu­he, in de­nen ich sie frü­her ge­se­hen hat­te. Ich zog mei­nen Pull­over aus. Es war die zwei­te Frau, mit der ich wäh­rend die­ser Rei­se nach Pa­ris das Bett teil­te. In der Nacht zu­vor hat­te Loui­se mit ih­rem schwe­ren Atem hier ge­le­gen. Jetzt hat­te ich Li­sa Mo­din an mei­ner Sei­te. Ich dach­te an den Sand, das Zelt und das Pferd des Be­dui­nen. Es war ein Au­gen­blick tiefs­ter Ru­he, ei­ne be­gin­nen­de Frei­heit. Plötz­lich wa­ren der Brand und mei­ne Flucht vor dem blen­den­den Licht weit ent­fernt. Fort­set­zung folgt

Aus „Die schwe­di­schen Gum­mi­stie­fel“von Hen­ning Man­kell, Über­set­zung von Ve­re­na Rei­chel. 480 Sei­ten, 26 Eu­ro. © Paul Zsol­nay Ver­lag Wi­en 2016

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