Der Mu­si­ker­zäh­ler

„Die Kunst des Un­mög­li­chen“: Pia­nist Jo­ja Wendt hat Joe Co­cker und Chuck Ber­ry be­glei­tet – dem­nächst spielt er so­lo im Thea­ter am Ae­gi

Eichsfelder Tageblatt - - KULTUR - Von Tho­mas Ka­es­t­le

Hannover. Jo­ja Wendt ist kein Mann für ei­ne Num­mer klei­ner. Er gilt als ei­ner der er­folg­reichs­ten Pia­nis­ten, die zur­zeit auf Deutsch­lands Büh­nen un­ter­wegs sind, zu­gleich als ei­ner der un­ter­halt­sams­ten und mit­rei­ßends­ten. Nach­dem sei­ne Tour­nee „Die Kunst des Un­mög­li­chen“mit 25000 Be­su­chern ei­gent­lich schon ab­ge­schlos­sen war, legt er nun mit fünf wei­te­ren Kon­zer­ten nach. Ei­nes da­von wird am 21. No­vem­ber im Thea­ter am Ae­gi statt­fin­den.

Be­reits die Ge­schich­te sei­ner Ent­de­ckung ist un­ge­wöhn­lich: Als jun­ger Jazz­pia­nist be­geis­ter­te Wendt Blues­rock-le­gen­de Joe Co­cker, der ihm zu­fäl­lig ei­ne Wei­le in der Ham­bur­ger Mu­sik­knei­pe Sperl lausch­te – und ihn prompt für sein Vor­pro­gramm en­ga­gier­te.

„Mir wur­de klar, dass es mög­lich ist, al­lei­ne am Kla­vier Tau­send Leu­te zu un­ter­hal­ten, die ei­nen nicht ein­mal er­war­tet ha­ben“, sagt Wendt. Zum ers­ten Mal er­leb­te er, dass er das Ta­lent hat­te, „da vor­ne al­lei­ne al­les klar zu ma­chen“. Spä­ter füg­te er sei­ner Bio­gra­fie den Na­men ei­nes wei­te­ren gro­ßen Mu­si­kers hin­zu: Rock’n’roll-pio­nier Chuck Ber­ry lud ihn ein, ihn auf ei­ner Deutsch­land­tour­nee am Kla­vier zu be­glei­ten. „Das war, als wür­de man als Fuß­bal­ler in ein Wmspiel ein­ge­wech­selt wer­den“, er­in­nert sich Wendt. Er ha­be von Ber­ry Jo­ja Wendt, Pia­nist nicht nur mu­si­ka­lisch pro­fi­tiert, son­dern auch mensch­lich: „Der Mann war ein Po­et.“

Hum­mel­flug über die Gren­ze

Im Jahr 2001 stieß Wendt dann bei ei­nem Auf­tritt vor 80000 Men­schen in der Schal­ke-are­na an sei­ne Gren­zen. Im Vor­pro­gramm der Schla­ger­pop-band Pur ver­such­te er es mit Blues­rock. Das Pu­bli­kum zeig­te kein In­ter­es­se. Al­so stell­te er in Se­kun­den sein Pro­gramm um und kün­dig­te an: „Ich spie­le jetzt für euch das schwie­rigs­te Stück, das ich ken­ne.“Es han­del­te sich um Ni­ko­lai Rim­ski-kor­sa­kows „Hum­mel­flug“. Mit Vir­tuo­si­tät ver­moch­te er schließ­lich zu be­ein­dru­cken. „Ich kann so viel Büh­nen­rou­ti­ne sam­meln, wie ich will“, sagt Wendt heu­te, „wenn ich auf die Büh­ne ge­hen, fan­ge ich im­mer bei null an.“Er mer­ke in­zwi­schen beim ers­ten Stück, was sein Pu­bli­kum mag, und stel­le sich eben spon­tan dar­auf ein.

Eins aber ha­ben al­le sei­ne Auf­trit­te ge­mein­sam: „Ich will zei­gen, was man mit ei­nem Kla­vier ma­chen kann, will mei­ne Be­geis­te­rung für das In­stru­ment über­tra­gen.“Des­halb ver­su­che er, die ge­spiel­ten Stü­cke mit Ge­schich­ten so nach­voll­zieh­bar wie mög­lich zu ma­chen. „Ich ver­set­ze die Zu­hö­rer in mei­ne mu­si­ka­li­sche Welt“, so Wendt. Hu­mor sei da­bei ei­nes sei­ner wich­tigs­ten päd­ago­gi­schen Prin­zi­pi­en: „Men­schen, die la­chen, sind ei­ner Sa­che zu­ge­wand­ter.“Da­bei kom­me ihm ent­ge­gen, dass die Mu­sik­ge­schich­te gu­te Po­in­ten ent­hal­te. „Vie­le wun­dern sich zum Bei­spiel über die Pau­sen in Auf­nah­men des Jazz­vir­tuo­sen Art Ta­tum“, sagt Wendt. Der Grund da­für sei un- er­war­tet: „Er hat sich zwi­schen­durch im­mer wie­der Drinks be­stellt.“

Gren­zen in­ter­es­sie­ren Wendt nicht. „Es gibt schö­ne und furcht­ba­re Stü­cke in je­dem Gen­re“, sagt er. Dass ein Mu­si­ker aus­schließ­lich klas­si­sche Mu­sik lie­be, kön­ne er sich gar nicht vor­stel­len. An­de­rer­seits sei die nun mal für je­den Pia­nis­ten der größ­te his­to­ri­sche Fun­dus: „Ich wä­re ja ver­rückt, wenn ich die­se Wun­der­tü­te au­ßen vor lie­ße.“Aber im Her­zen ist Wendt Jaz­zer ge­blie­ben. Er ist über­zeugt: „Jazz war schon im­mer der in­no­va­ti­ve Mo­tor des Pop.“Sei­ne Kon­zer­te be­zie­hen all das mit ein, sie sind ei­ne atem­lo­se Rei­se durch die Mög­lich­kei­ten des Kla­viers. Für sein ers­tes Kon­zert in der Elb­phil­har­mo­nie vor ei­ni­gen Wo­chen ent­wi­ckel­te er ei­gens zwei neue Stü­cke, die die Akus­tik des Saals auf die Pro­be stel­len.

La­chen und Stau­nen

Mir wur­de klar, dass es mög­lich ist, al­lei­ne am Kla­vier Tau­send Leu­te zu un­ter­hal­ten, die ei­nen nicht ein­mal er­war­tet ha­ben.

Ei­nes da­von wird Wendt auch in Hannover spie­len: Für „Das Uni­ver­sum“ließ er sich ei­ne Ap­pa­ra­tur bau­en, die die mitt­le­re La­ge dämpft. „Der Ton klingt in an­de­ren Sai­ten wei­ter“, er­klärt er, „es ist ein Spiel mit In­ter­fe­ren­zen und Schwin­gun­gen.“Stau­nen und La­chen hal­ten sich in Wendts Pro­gram­men die Waa­ge. Bei­des wür­de für ihn nicht oh­ne Lei­den­schaft funk­tio­nie­ren. Manch­mal er­gibt er sich dem In­stru­ment: „Es gibt Mu­sik, die aus der Tas­ta­tur ge­bo­ren wird.“In sol­chen Mo­men­ten kommt Wendt sei­nen An­fän­gen am Kn­ei­pen­kla­vier ganz nah. In der in­ne­ren Grat­wan­de­rung zwi­schen ver­rauch­tem Hin­ter­zim­mer und gro­ßer Büh­ne liegt wohl sein Er­folg.

In­fo Das Kon­zert: Jo­ja Wendt gas­tiert mit sei­nem Pro­gramm „Die Kunst des Un­mög­li­chen“am 21. No­vem­ber um 20 Uhr im Thea­ter am Ae­gi.

FOTO: KUTTER

„Wenn ich auf die Büh­ne ge­he, fan­ge ich im­mer bei null an“: Jo­ja Wendt

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