Re­vo­lu­tio­nä­rer Geist in al­len Schich­ten

Jo­chen Reiss über Göt­tin­gen, un­be­kann­te Ge­schich­ten und sei­ne Lieb­lings­or­te

Eichsfelder Tageblatt - - THEMA DES TAGES - Von Chris­tia­ne Böhm

Göt­tin­gen. Sechs Jah­re hat Jo­chen Reiss in Göt­tin­gen ge­lebt. Ei­ni­ge Mo­na­te sei­en für die Re­cher­chen zu sei­nen 111-Or­te-band aber schon zu­sam­men­ge­kom­men. „Mal wa­ren es drei Wo­chen am Stück, ein an­de­res Mal we­ni­ge Ta­ge. Mein Glück war, dass ei­ne lie­be Freun­din, die ger­ne reist, mir ih­re Woh­nung zur Ver­fü­gung ge­stellt hat“, er­zählt er. Ein biss­chen Heim­vor­teil aber sei es doch ge­we­sen. „Na­tür­lich war es leich­ter, mich zu ori­en­tie­ren. Und na­tür­lich konn­te ich mich schnel­ler in das Emp­fin­den der Stadt ver­tie­fen“, so Reiss. Ei­ne sei­ner Er­kennt­nis­se: Die jun­gen Men­schen ro­cken Göt­tin­gen, das ha­be sich nicht ver­än­dert. Das hal­te die Stadt le­ben­dig. Und das be­wah­re ih­re Ge­schich­te. „Täg­li­che Stra­ßen­kämp­fe wie zu mei­ner Zeit als Stu­dent und jun­ger Ta­ge­blatt-re­por­ter gibt es heu­te nicht mehr. Aber man spürt noch im­mer in al­len Schich­ten ei­nen re­vo­lu­tio­nä­ren Geist. Und das ist gut so!“

Als be­son­ders in­ter­es­san­ten Ort ha­be er die Psych­ia­trie-zel­le des Pa­ti­en­ten Ju­li­us Klin­ge­biel er­lebt. „St­un­den ha­be ich dort ver­bracht und sei­nen Bil­der­kos­mos stu­diert.“Er sei wie ein Wim­mel­bild, in dem man im­mer wie­der Neu­es ent­deckt. Be­kann­tes und Bi­zar­res. Man fra­ge sich: Was mag in die­sem Men­schen vor­ge­gan­gen sein, der 23 Jah­re weg­ge­sperrt wur­de?

Bei den Ar­bei­ten für sein Buch ha­be er viel von Göt­tin­gen er­fah­ren, das er nicht kann­te. „Ich ha­be Ge­schich­ten auf­ge­spürt, die mir trotz sechs Jah­ren in Göt­tin­gen ver­bor­gen ge­blie­ben sind.“Die Ge­schich­te der Do­ro­thea Sch­lö­zer et­wa, die mit 17 Jah­ren in Phi­lo­so­phie pro­mo­vier­te, zu ei­ner Zeit, als Frau­en das Stu­die­ren ver­bo­ten war. Ih­re Büs­te steht im Foy­er der al­ten Uni-au­la. Oder die Ge­schich­te des Tho­mas Buer­gen­thal, der als Kind zwei KZ über­leb­te und spä­ter Rich­ter am In­ter­na­tio­na­len Ge­richts­hof wur­de. „Ich ken­ne kei­ne span­nen­de­re Bio­gra­fie.“Eher aus der lus­ti­gen Ab­tei­lung sei die Ge­schich­te über den Trick, mit dem der be­sof­fe­ne Käm­me­rer es schaff­te, das Schlüs­sel­loch sei­nes Tre­sors zu finden. „Und ich ha­be in Ge­sprä­chen er­fah­ren: Das sind Ge­schich­ten, die oft auch den Ein­hei­mi­schen neu sind.“

Zwei kla­re per­sön­li­che Fa­vo­ri­ten hat Reiss in Göt­tin­gen. Zum ei­nen den al­ten Stadt­fried­hof an der Kas­se­ler Land­stra­ße. Das sei „ja eher ein Park, des­sen Be­stat­tungs­kul­tur Ge­schich­te und Ge­schich­ten er­zählt.“Und dann: Cron&lanz, ers­te Eta­ge, die Bank hin­ten links, rech­tes Eck. „Ich bin oft aus be­ruf­li­chen Grün­den zwi­schen dem ho­hen Nor­den und dem tie­fen Sü­den un­ter­wegs. Dann tref­fe ich mich dort als In­ter­mez­zo mit Freun­den und wir gön­nen uns ei­ne Kö­ni­gin­pas­te­te. Das ist wie ein Kult.“

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