Ver­än­dert die­ser Prinz die Welt?

Re­for­mer und Kriegs­trei­ber: Sau­di-ara­bi­ens Kron­prinz ist bei­des. Mo­ham­med bin Sal­man schal­tet sei­ne Kri­ti­ker aus, be­treibt ei­ne ge­fähr­li­che Au­ßen­po­li­tik – und mo­der­ni­siert die fun­da­men­ta­lis­ti­sche Ge­sell­schaft. In der Li­be­ra­li­sie­rung des Lan­des liegt ei­ne

Eichsfelder Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Mar­tin Gehlen und Su­san­ne Iden

Der Prinz ist ein Sur­fer, ein Rad­ler, ein Au­to­fah­rer, je nach dem, wel­ches Bild dem Kom­men­ta­tor gera­de durch den Kopf schießt. Eins aber ha­ben al­le die­se Bil­der ge­mein­sam: Der Prinz, so sug­ge­rie­ren sie, hat nur die Wahl zwi­schen zwei Übeln. Ist er zu lang­sam, fällt er vom Surf­brett, kippt mit dem Rad um oder kommt in sei­nem schö­nen Au­to nie ans Ziel. Macht er zu viel Tem­po, schleu­dert ihn die nächs­te Wel­le vom Bo­ard, fliegt er mit dem Rad aus der Kur­ve, rich­tet er mit sei­nem Wa­gen wo­mög­lich ein ver­hee­ren­des Un­glück an.

Mo­ham­med bin Sal­man, Kron­prinz des Kö­nig­reichs Sau­di-ara­bi­en, so en­den dann all die­se Ver­glei­che, hat sich fürs Tem­po ent­schie­den. Bei ge­sell­schaft­li­chen und re­li­giö­sen Re­for­men. Bei der Mo­der­ni­sie­rung der Wirt­schaft. Bei der Aus­schal­tung von Kri­ti­kern. Bei der – krie­ge­ri­schen – Aus­deh­nung des sau­di­schen Ein­fluss­be­reichs am Golf. Der 32 Jah­re jun­ge Heiß­sporn mit dem Ge­ha­be des all­mäch­ti­gen Herr­schers fährt auf Ri­si­ko. Gera­de hat das Kö­nigs­haus Prin­zen, Mil­li­ar­dä­re und Mi­nis­ter ver­haf­ten las­sen. Es hat das Emi­rat Ka­tar in ei­nem bei­spiel­lo­sen Akt po­li­tisch iso­liert und ei­ne Staats­kri­se im Li­ba­non aus­ge­löst. Im Je­men führt Ri­ad seit Jah­ren ei­nen blu­ti­gen Krieg. Gleich­zei­tig stellt der Kron­prinz ei­ner der rück­wärts­ge­wand­tes­ten Re­gie­run­gen der Welt plötz­lich High­tech­pro­jek­te von Zu­kunfts­städ­ten im Wüs­ten­sand vor und ver­spricht re­li­giö­se Li­be­ra­li­sie­rung.

All das Wi­der­sprüch­li­che macht es so schwer zu ent­schei­den: Ist die­ser jun­ge Mann eher Fluch oder eher Se­gen für die Welt? Oder auch nur für sein ei­ge­nes Land?

Auf je­den Fall ist Mo­ham­med bin Sal­man ein Au­ser­wähl­ter. Nicht, wie an­de­re Mon­ar­chi­en glau­ben ma­chen wol­len, von Gott, son­dern au­ser­wählt von sei­nem Va­ter, Kö­nig Sal­man. Die Erb­fol­ge auf dem Thron in Ri­ad ist kom­pli­ziert, Sau­di-ara­bi­en ist voll von Prin­zen mit An­sprü­chen. Die Thron­fol­ge wird im­mer wie­der neu un­ter den Fa­mi­li­en meh­re­rer Dutzend Söh­ne von Abd al-

Ich will zu­rück zu ei­nem mo­de­ra­ten Is­lam, der sich der Welt öff­net.

Mo­ham­med bin Sal­man,

Kron­prinz des Kö­nig­reichs Sau­di-ara­bi­en

Aziz ibn Saud, der das Kö­nig­reich und das Haus Saud 1932 aus­rief, aus­ver­han­delt. Als des­sen Sohn Sal­man im Ja­nu­ar 2015 Kö­nig und Pre­mier­mi­nis­ter wur­de, fiel die Wahl des Kron­prin­zen auf Sal­mans Nef­fen Mo­ham­med bin Naif. Nur Ken­ner des ver­äs­tel­ten Kö­nigs­hau­ses ha­ben da­mals schon ei­ne Ah­nung ge­habt, dass Sal­man ei­nen ganz an­de­ren Nach­fol­ger im Au­ge hat­te: sei­nen ei­ge­nen Sohn, den sechs­ten von elf, den macht­hung­rigs­ten un­ter all sei­nen Spröss­lin­gen.

Seit je­nem Ja­nu­ar 2015 trägt al­les, was un­ter Kö­nig Sal­man ge­schieht oder ge­schah, die Hand­schrift des ehr­gei­zi­gen Soh­nes. Er ist der heim­li­che Re­gent. Erst als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, der aufs Bru­tals­te in den Bür­ger­krieg des Nach­bar­lan­des Je­men ein­griff, um sei­nem Land Ach­tung zu ver­schaf­fen. Dann als Vor­sit­zen­der des neu ge­schaf­fe­nen Ho­hen Wirt­schafts­rats, der den Um­bau des Golfs­staats mit dem Wirt­schafts­plan „Vi­si­on 2030“für die Zeit nach dem Öl vor­an­treibt. Und schließ­lich, nach der Ab­set­zung Mo­ham­med bin Naifs im Ju­ni die­ses Jah­res, als Kron­prinz, Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und Vi­ze­pre­mier in Per­so­nal­uni­on, der of­fen die Ab­kehr des fun­da­men­ta­lis­tischs­ten al­ler Kö­nig­rei­che von ei­nem ra­di­ka­len Is­lam pro­pa­giert.

Genau da­rin liegt das Po­ten­zi­al für ei­ne Neu­sor­tie­rung der is­la­mi­schen Welt, wie es sie seit der Re­vo­lu­ti­on des Aya­tol­lah Khomei­ni im Iran 1979 nicht mehr ge­ge­ben hat.

Es sind un­er­hör­te Ge­dan­ken, die der sau­di­sche Prinz kürz­lich im In­ter­view mit dem bri­ti­schen „Guar­di­an“vor­ge­tra­gen hat: Dass näm­lich sein ul­tra-kon­ser­va­ti­ves Land jahr­zehn­te­lang „nicht nor­mal“ge­we­sen sei. Er geht nicht so weit ein­zu­ge­ste­hen, dass das Kö­nig­reich is­la­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten in al­ler Welt mit Mil­li­ar­den un­ter­stützt hat, dass der welt­wei­te Auf­bau von Kor­an­schu­len, in de­nen ein un­er­bitt­li­cher Is­lam ge­lehrt wird, mit den Ein­nah­men aus dem Öl­ge­schäft fi­nan­ziert wur­de, aber er sagt: „Was in den letz­ten 30 Jah­ren pas­siert ist, ist nicht wirk­lich Sau­di-ara­bi­en. Nach der ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­on von 1979 woll­ten die Men­schen die­ses Mo­dell in an­de­ren Län­dern ko­pie­ren, eins da­von ist Sau­di-ara­bi­en. Und das Pro­blem hat sich über die gan­ze Welt ver­brei­tet. Jetzt ist es an der Zeit, es los­zu­wer­den.“

Ge­schickt weist MBS – so wird der Kron­prinz ge­nannt – die Ver­ant­wor­tung für die Ra­di­ka­li­sie­rung im ei­ge­nen, wa­ha­b­i­ti­schen Land dem schii­ti­schen Erz­feind und re­gio­na­len Kon­kur­ren­ten Iran zu. Tat­säch­lich aber will er die Zeit zu­rück­dre­hen – in die Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­re, als Frau­en sich bar­häup­tig in der Öf­fent­lich­keit zei­gen durf­ten, als Jun­gen wie Mäd­chen Sport- und Mu­sik­un­ter­richt hat­ten, als es so­gar ein paar Ki­nos gab. Er will zu­rück „zu ei­nem mo­de­ra­ten Is­lam, der sich der Welt und al­len Re­li­gio­nen öff­net. 70 Pro­zent al­ler Sau­dis sind jün­ger als 30 Jah­re, ehr­lich ge­sagt, wir wol­len nicht wei­te­re 30 Jah­re da­mit ver­schwen­den, ex­tre­mis­ti­sche Ge­dan­ken zu be­kämp­fen, wir wol­len sie zer­stö­ren, jetzt und so­fort.“

Mo­ham­med, der bär­ti­ge Prinz mit dem nach in­nen ge­kehr­ten Blick, gibt sich als ra­di­ka­ler Er­neue­rer. West­li­che Be­ob­ach­ter wie Fre­de­rick Kem­pe, Prä­si­dent des tra­di­tio­nell sau­di-kri­ti­schen „At­lan­tic Coun­cil“, se­hen da ei­nen „si­gni­fi­kan­ten Hauch von Hoff­nung“und „al­ter­na­ti­ven Weg“, den der Wes­ten un­ter­stüt­zen soll­te. Im ei­ge­nen Land aber macht sich Mo­ham­med da­mit an­greif­bar, bei den wa­ha­b­i­ti­schen Scheichs, die den Groß­teil des re­li­giö­sen Esta­blish­ments und der wirt­schaft­li­chen Eli­te stel­len. Er kann sich des Rück­hal­tes in der Kö­nigs­fa­mi­lie nie ganz si­cher sein. In der Ver­tei­di­gung greift der Re­for­mer selbst zu den ver­trau­ten, ra­di­ka­len Me­tho­den des Sys­tems.

Vor zehn Ta­gen hat er min­des­tens elf Prin­zen und 32 Ge­schäfts­leu­te ver­haf­ten las­sen, hält die Prin­zen seit­her un­ter Haus­ar­rest im Ho­tel Ritz-carl­ton in Ri­ad. Die of­fi­zi­el­le Be­grün­dung: Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung. Aber je­der im Kö­nig­reich glaubt, dass MBS, der die Be­fehls­ge­walt über die Si­cher­heits­kräf­te hat, sich mit der Ak­ti­on sei­ner ge­fähr­lichs­ten Wi­der­sa­cher hat ent­le­di­gen wol­len. Nur die vie­len jun­gen Men­schen im Land neh­men es als Zei­chen, dass ihr mäch­ti­ger Al­ters­ge­nos­se im Kö­nigs­pa­last es ernst meint mit sei­nem Vor­ha­ben, den Golf­staat zu­kunfts­fest zu ma­chen.

Da­zu ge­hört auch, das Le­ben zu­min­dest der jün­ge­ren Frau­en, die mitt­ler­wei­le die Mehr­heit der Hoch­schul­ab­sol­ven­ten stel­len, nach und nach von Zwän­gen zu be­frei­en. Ab 2018 dür­fen sie end­lich Au­to fah­ren, gera­de ist per kö­nig­li­chem De­kret ver­kün­det wor­den, dass Frau­en Tur­nie­re in den gro­ßen Sta­di­en be­su­chen dür­fen. Die fein­sin­ni­ge Er­klä­rung an al­le Ei­fe­rer ge­gen solch lo­cke­re Sit­ten: „Der Kö­nig und der Kron­prinz set­zen sich nicht nur da­für ein, is­la­misch Ver­bo­te­nes zu ver­hin­dern, son­dern auch das Er­laub­te zu schüt­zen.“Der Kron­prinz hat is­la­mi­sche Rechts­wis­sen­schaft stu­diert, be­vor er erst in die In­dus­trie und dann in die Po­li­tik ging.

MBS ist auch nah ge­nug dran an den jun­gen Men­schen, um zu wis­sen: Ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on ist in Ge­fahr. Die Ein­nah­men aus dem Öl­ge­schäft, auf dem der sa­gen­haf­te Reich­tum der Sau­dis be­ruht, sin­ken we­gen des Preis­ver­falls, die Re­ser­ven selbst ge­hen zur Nei­ge. Und fünf Mil­lio­nen jun­ge Men­schen drän­gen in den nächs­ten zehn Jah­ren auf den Ar­beits­markt, für die es kei­ne Jobs gibt. Wenn das Re­form­pro­gramm „Vi­si­on 2030“mit sei­nen Son­der­wirt­schafts­zo­nen, mit ei­ner fu­tu­ris­ti­schen High-tech-ci­ty, mit der Öff­nung des Wüs­ten­staats für ei­nen Tou­ris­mus nach in­ter­na­tio­na­len Stan­dards, mit Ho­tel­bars und ge­mein­sa­men Ba­de­strän­den für Män­ner und Frau­en ge­lin­gen soll, braucht es aber mehr als öko­no­mi­sche Pla­nung. Es er­for­dert, so wirbt der Prinz selbst, ei­nen „So­zi­al­ver­trag mit der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on“.

Heißt das im Kl­ar­text, jun­ge Sau­dis kön­nen sich schon mal auf ei­nen frei­en Le­bens­stil oh­ne Angst vor Knech­tung durch ei­nen ab­so­lu­tis­ti­schen Kö­nig und ei­ne fun­da­men­ta­lis­ti­sche Geist­lich­keit freu­en?

Wohl nicht. Der Kron­prinz mag ein Re­for­mer sein, ein Li­be­ra­ler ist er nicht. Nichts hat er bis­lang ge­sagt oder ge­tan, um die Mei­nungs­frei­heit im Golf­staat zu be­för­dern, die Au­s­peit­schung von po­li­tisch An­ders­den­ken­den ist nach wie vor All­tag. Der Blog­ger Raif Ba­da­wi sitzt seit fünf Jah­ren in Haft, weil er un­zen­siert schrei­ben will.

Fluch oder Se­gen? Mo­ham­med bin Sal­man bleibt bis auf Wei­te­res ein rät­sel­haf­ter Prinz.

FO­TOS: DPA

Zwi­schen Auf­bruch und Tra­di­ti­on: Der Tou­ris­mus be­steht bis­lang vor al­lem aus Mek­ka-pil­gern, Frau­en müs­sen sich – an­ders als Män­ner – im­mer noch scham­haft be­de­cken, und der Öl­boom geht zur Nei­ge. Sau­di-ara­bi­en ist ein Land mit ho­hem Re­form­be­darf.

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