Nach­wuchs­not im Hand­werk: Di­enst­wa­gen für Azu­bis

Be­trie­be wer­ben mit er­staun­li­chen Ex­tras um Fach­kräf­te / 60 Pro­zent der nie­der­säch­si­schen Fir­men kön­nen Aus­bil­dungs­plät­ze nicht ganz be­set­zen

Eichsfelder Tageblatt - - ERSTE SEITE - Von Chris­ti­an Wöl­bert

Han­no­ver. Der zu­neh­men­de Fach­kräf­te­man­gel zwingt Hand­werks­be­trie­be zu un­ge­wöhn­li­chen Maß­nah­men bei der Su­che nach Aus­zu­bil­den­den: Sie bie­ten jun­gen Leu­ten mitt­ler­wei­le Ex­tras wie Di­enst­wa­gen an. Hand­werks­ver­tre­ter for­dern die Po­li­tik auf, auf den Be­wer­ber­man­gel zu re­agie­ren und be­ruf­li­che Aus­bil­dun­gen stär­ker zu för­dern.

„Der Fach­kräf­te­man­gel hat sich in kür­zes­ter Zeit ver­schärft“, sag­te Mi­ke Schnei­der, Prä­si­dent des Nie­der­säch­si­schen Hand­werks­ta­ges (NHT), am Mitt­woch. In ei­ner ak­tu­el­len Nht-um­fra­ge un­ter 1000 nie­der­säch­si­schen Hand­werks­be­trie­ben ga­ben knapp 60 Pro­zent der Un­ter­neh­men an, dass sie ih­re Aus­bil­dungs­plät­ze nicht voll­stän­dig be­set­zen konn­ten. Im Vor­jahr hat­te die­ser Wert noch bei 40 Pro­zent ge­le­gen. Gleich­zei­tig be­ob­ach­ten 80 Pro­zent der Be­trie­be ei­nen Rück­gang der Be­wer­ber­zah­len.

„Das Hand­werk kann sei­nen Mit­ar­bei­ter­stamm nicht durch Ro- bo­ter er­set­zen“, warn­te Schnei­der. Der Fach­kräf­te­man­gel tref­fe nicht nur die Be­trie­be, son­dern die ge­sam­te Ge­sell­schaft, be­son­ders in länd­li­chen Räu­men. Auch die Kun­den spü­ren den Man­gel: Laut dem Zen­tral­ver­band des Deut­schen Hand­werks war­ten Bau­her­ren deutsch­land­weit ty­pi­scher­wei­se mehr als zehn Wo­chen auf Hand­wer­ker.

Nie­der­säch­si­sche Be­trie­be ver­su­chen mitt­ler­wei­le, Be­wer­ber mit be­son­de­ren An­rei­zen zu über­zeu­gen: Zum Bei­spiel bie­ten Gla­ser und Dach­de­cker ih­ren Azu­bis Aus­lands­auf­ent­hal­te oder be­zah­len den Füh­rer­schein, be­rich­tet die Hand­werks­kam­mer Han­no­ver. Der han­no­ver­sche Fri­seur Ton­de­mus ver­sprach vor Kur­zem dem bes­ten Be­wer­ber ei­ne Kreuz­fahrt. Au­ßer­dem stellt er Zu­satz­leis­tun­gen wie ei­ne Fit­ness­club-mit­glied­schaft und ei­nen Di­enst­wa­gen in Aus­sicht.

Aus Sicht von Nht-prä­si­dent Mi­ke Schnei­der muss die Po­li­tik mit ei­nem „Mas­ter­plan zur Stär­kung der dua­len Be­rufs­aus­bil­dung“auf den Fach­kräf­te­man­gel re­agie­ren. Die Un­ter­richts­ver­sor­gung an nie­der­säch­si­schen Be­rufs­schu­len von 88 Pro­zent sei de­so­lat. Das Pro­blem tref­fe aber auf we­nig In­ter­es­se. „Da ist es schon ver­wun­der­lich, dass bei ei­ner Un­ter­richts­ver­sor­gung von 98,9 Pro­zent an den Gym­na­si­en ein Auf­schrei durch das Land geht.“

Nach An­ga­ben der Ge­werk­schaft IG Bau­en-agrar-um­welt wer­ben gro­ße Bau­un­ter­neh­men in Nie­der­sach­sen seit Kur­zem auch mit Bar­prä­mi­en um neue Mit­ar­bei­ter. Aus­zu­bil­den­de könn­ten mit 500 Eu­ro rech­nen, Ge­sel­len mit 2000 Eu­ro. „Das ist kein Akt der Für­sor­ge, son­dern wirt­schaft­li­che Not­wen­dig­keit“, sag­te Kai Schwa­be, stell­ver­tre­ten­der Re­gio­nal­lei­ter der Ge­werk­schaft in Nie­der­sach­sen.

Schwa­be be­tont, dass Ar­beit­ge­ber ih­re Stel­len auch mit hö­he­ren Löh­nen at­trak­ti­ver ma­chen müss­ten. In den ak­tu­el­len Ta­rif­ver­hand­lun­gen im Bau­haupt­ge­wer­be for­dert die Ge­werk­schaft 6 Pro­zent mehr Lohn und ein 13. Mo­nats­ge­halt.

Das Hand­werk kann sei­ne Mit­ar­bei­ter nicht durch Ro­bo­ter er­set­zen. Mi­ke Schnei­der, Prä­si­dent des Nie­der­säch­si­schen Hand­werks­ta­ges

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