Berlin über­rascht mit ei­nem gro­ßen Wurf

Eichsfelder Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Tho­ralf Cle­ven

Dass ir­gend­wann ein­mal im Bun­des­kanz­ler­amt ei­ne Re­vo­lu­ti­on an­ge­zet­telt wür­de, war nicht zu er­war­ten. Nichts we­ni­ger als das ist je­doch die An­kün­di­gung der am­tie­ren­den Bun­des­re­gie­rung, in Deutsch­land den kos­ten­lo­sen öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr ein­füh­ren zu wol­len. Noch ist es ei­ne Vi­si­on. Doch die steht schwarz auf weiß in ei­nem Brief an den Eu-um­welt­kom­mis­sar. Un­ter­schrie­ben von Kanz­ler­amts­chef Pe­ter Alt­mai­er (CDU) so­wie den Mi­nis­tern Bar­ba­ra Hend­ricks (SPD) und Chris­ti­an Schmidt (CSU). Ir­gend­wel­che Spin­ner sind das nicht.

Bus und Bahn gra­tis in den Kom­mu­nen – das wä­re wirk­lich ein gro­ßer Wurf. Er wür­de mit Si­cher­heit noch mehr Men­schen vom Au­to in die Öf­fent­li­chen um­stei­gen las­sen, er wür­de für sau­be­re­re Luft in den Städ­ten sor­gen und die In­fra­struk­tur scho­nen. Plä­ne die­ser Art hat­ten sich vie­le im Ko­ali­ti­ons­ver­trag von Uni­on und SPD ge­wünscht. Doch aus­ge­rech­net dort, im gro­ßen Haus­auf­ga­ben­heft der künf­ti­gen Bun­des­re­gie­rung, fin­det sich nicht ei­ne klit­ze­klei­ne An­deu­tung die­ses Vor­ha­bens. Wie ernst ist es al­so zu neh­men?

Bus­se und Bah­nen gra­tis? Egal ob der Vor­schlag aus Ver­zweif­lung ent­stand – er soll­te ernst­haft dis­ku­tiert wer­den.

Die Schad­stoff-grenz­wer­te in der Luft wer­den in vie­len Städ­ten seit Jah­ren über­schrit­ten. Es dro­hen weit­rei­chen­de Fahr­ver­bo­te und ein von der Eu-kom­mis­si­on an­ge­streng­tes Ver­fah­ren vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof. Doch un­ab­hän­gig da­von muss Berlin han­deln, weil die Ge­sund­heit vie­ler Men­schen be­ein­träch­tigt wird – und die Be­hör­den durch ihr Ver­sa­gen bei der Kon­trol­le der Au­to­mo­bil­bau­er noch da­zu bei­ge­tra­gen ha­ben.

Ob die­ser Vor­schlag al­so aus Ver­zweif­lung ent­stand oder nicht: Er soll­te je­den­falls ernst­haft dis­ku­tiert wer­den. All die re­flex­ar­tig ge­äu­ßer­ten Be­den­ken – von der feh­len­den Fi­nan­zie­rung bis hin zu nicht vor­han­de­nen Ka­pa­zi­tä­ten – sind nö­tig, ja. Aber gleich zu Be­ginn lau­fen sie auf ei­nes hin­aus, was den Bür­gern satt­sam be­kannt ist: Still­stand. Sie er­war­ten aber von den Re­gie­ren­den mu­ti­ges, in die Zu­kunft ge­rich­te­tes Den­ken und Han­deln.

Ein aus Steu­er­mit­teln fi­nan­zier­ter Nah­ver­kehr ist zu­nächst ein­mal nichts an­de­res als die aus Steu­er­mit­teln fi­nan­zier­ten Kom­mu­nal­stra­ßen – für die heu­te auch kein Au­to­fah­rer ei­ne Maut zahlt. Der im­mer wei­ter wach­sen­de In­di­vi­du­al­ver­kehr stößt längst an Gren­zen. Zu­kunfts­fä­hi­ge Lö­sun­gen kön­nen kaum dar­in lie­gen, noch mehr oder noch brei­te­re As­phalt­schnei­sen in die Städ­te zu schnei­den. Das Prin­zip der heu­ti­gen Ver­kehrs­po­li­tik, sich an den Be­dürf­nis­sen des Ein­zel­nen aus­zu­rich­ten, wür­de durch das Gra­ti­s­an­ge­bot bei Bus­sen und Bah­nen um­ge­kehrt: Es gin­ge zu­erst um ge­mein­sa­me Be­dürf­nis­se.

In­so­fern ist der Vor­stoß die­ser Re­gie­rung über­ra­schend mu­tig. Al­so los! Zu­kunfts­mu­sik soll­te man nicht nur kom­po­nie­ren, man muss sie auch spie­len.

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