Der Horst passt auf uns auf

Eichsfelder Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Chris­ti­an Schü­le Chris­ti­an Schü­le ist Au­tor des Bu­ches „Hei­mat. Ein Phan­tom­schmerz“.

Ein Mi­nis­te­ri­um für Hei­mat ist ein ge­schick­ter, ge­ra­de­zu ge­nia­ler Schach­zug sym­bol­po­li­ti­scher Psy­cho­lo­gie. Mit ei­nem ein­zi­gen Wort wird ei­ne gan­ze kul­tu­rel­le Wer­te­ord­nung auf­ge­ru­fen: christ­li­ches Abend­land, klas­si­sches Fa­mi­li­en­bild, Leit­kul­tur und Sitt­lich­keit. Un­mit­tel­bar wer­den so na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve Sehn­süch­te durch­aus be­trächt­li­cher Tei­le der deut­schen (Wahl-)be­völ­ke­rung auf höchs­ter Ebe­ne re­prä­sen­tiert. Sym­bol­po­li­tisch heißt Hei­mat: Der Horst passt jetzt auf euch auf, nie­mand braucht al­so mehr AFD zu wäh­len.

Mi­nis­triert muss Hei­mat al­ler­dings et­was ganz an­de­res leis­ten als die mu­sea­li­sie­ren­de Ver­wal­tung von Tra­di­ti­on. Ein Hei­mat­mi­nis­ter muss Hei­mat im­mer wie­der aufs Neue her­stel­len. Er müss­te struk­tur­schwa­che Grenz­re­gio­nen sta­bi­li­sie­ren und das Land flä­chen­de­ckend di­gi­tal ver­net­zen. Er müss­te kom­mu­na­le Ju­gend­zen­tren er­hal­ten, lo­ka­le Bil­dungs­part­ner­schaf­ten schaf­fen, Sport­plät­ze aus­bau­en. Ha­ben Men­schen das Ge­fühl, wert­ge­schätz­ter Teil des Gan­zen zu sein, las­sen sich Land­flucht nach­kom­men­der Ge­ne­ra­tio­nen ver­hin­dern und das De­sas­ter der Wohn­si­tua­ti­on in den über­füll­ten Groß­städ­ten auf na­tür­li­chem We­ge ent­schär­fen.

Und an­ge­sichts der schie­ren Rea­li­tät auch künf­tig un­ver­meid­ba­rer Mi­gra­ti­on müss­te Hei­mat als kul­tu­rel­ler Pro­zess de­fi­niert wer­den: dy­na­misch und of­fen, da­mit all je­ne, die sich im Rechts­ge­biet der Bun­des­re­pu­blik auf das Grund­ge­setz ver­pflich­tet ha­ben, sich mit ih­rer All­tags­kul­tur dar­in ein­schrei­ben kön­nen. Teil­ha­be durch Teil­nah­me ist nach wie vor die wich­tigs­te Res­sour­ce für ein ge­lin­gen­des Ge­mein­wohl.

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