Frau Hol­le ver­zau­bert die Kin­der

33. Göt­tin­ger Fi­gu­ren­thea­ter­ta­ge: Be­geis­te­rung über das Pup­pen­spiel im Gda-wohn­stift

Eichsfelder Tageblatt - - KULTUR - Von Han­nah Sch­ei­we

Göt­tin­gen. Es ist ei­nes der be­kann­tes­ten Mär­chen der Brü­der Grimm: In „Frau Hol­le“geht es um die un­glei­chen Stief­schwes­tern Ma­rie und Ma­rie – ei­ne flei­ßig und freund­lich, ei­ne faul und un­ge­zo­gen. Die Ge­schich­te kann­ten auch schon vie­le der Kin­der­gar­ten­kin­der, die sich das Pup­pen­spiel am Mitt­woch im Gda-wohn­stift wäh­rend der 33. Göt­tin­ger Fi­gu­ren­thea­ter­ta­ge an­sa­hen – und fie­ber­ten trotz­dem be­geis­tert mit.

„Da ist Frau Hol­le“, ruft ei­nes der Kin­der, als die et­wa knie­ho­he Pup­pe in dem hell­blau­en Kleid mit dem hell­blau­en Kopf­tuch zum ers­ten Mal auf der klei­nen Büh­ne er­scheint und die flei­ßi­ge Ma­rie mit zu sich nimmt. Ma­rie – die net­te von den zwei Stief­schwes­tern – hat­te schon zu­vor die rund 140 Kin­der in die­ser Vor­stel­lung für Kin­der­gär­ten zum La­chen ge­bracht, in­dem sie be­schwingt die klei­ne Büh­ne feg­te oder sich mit dem Go­ckel un­ter­hielt.

Kein Lohn für den Fleiß

Doch dass Ma­rie so flei­ßig ist, wird von der Stief­mut­ter nicht be­lohnt. Wäh­rend ih­re leib­li­che Toch­ter ver­wöhnt wird – „mein But­ter­plätz­chen, mein Herz­blatt“, nennt die Mut­ter sie –, muss Stief­toch­ter Ma­rie ne­ben der Ar­beit am Spinn­rad auch noch die Schu­he der sie her­um­kom­man­die­ren­den Stief­schwes­ter put­zen.

Doch das än­dert sich, als der flei­ßi­gen Ma­rie ver­se­hent­lich die Spu­le vom Spinn­rad in den Brun­nen fällt und die Stief­mut­ter sie zwingt, die­ser hin­ter­her­zu­sprin­gen, um sie wie­der zu ho­len. Sze­ne­wech­sel: Das Licht geht aus, im Dun­keln wird das Büh­nen­bild ge­än­dert, Ma­rie wacht auf ei­ner Blu­men­wie­se auf. Dar­ge­stellt durch ei­nen Ap­fel­baum, ei­nen Back­ofen und ei­ne hän­gen­de Son­ne – al­les recht ein­fach ge­hal­ten – stellt sich die­se Wie­se als zau­ber­haft her­aus. Denn der Ap­fel­baum kann spre­chen und mit den Äp­feln wa­ckeln und der Bro­to­fen for­dert Ma­rie auf, sein Brot her­aus­zu­ho­len. Dar­über freu­en sich nicht nur die Kin­der, son­dern auch Fi­gur Ma­rie, die wie die an­de­ren Pup­pen – Stief­mut­ter, fau­le Ma­rie, Frau Hol­le, Bä­cker Hans und der Go­ckel – lie­be­voll in­sze­niert wird von Jo­han­na und Ha­rald Sper­lich.

Die bei­den Pup­pen­spie­ler sind seit 1974 ge­mein­sam als Ho­hen­lo­her Fi­gu­ren­thea­ter auf den Pup­pen­spiel-büh­nen in Deutsch­land und in­ter­na­tio­nal un­ter­wegs – und an die­sem Vor­mit­tag in Göt­tin­gen. Wo sie nach dem be­geis­ter­ten Ap­plaus der Kin­der auch vor der Büh­ne noch­mal zei­gen, wie sie die Pup­pen zum Le­ben er­we­cken.

Als die Pup­pen­spie­ler vor die Büh­ne tre­ten, gu­cken die Kin­der vor al­lem auf die ho­hen Pla­teau­schu­he von Jo­han­na Sper­lich. Mit den et­wa 20 Zen­ti­me­ter ho­hen Soh­len ist sie so groß wie ihr Mann und auf der rich­ti­gen Hö­he, um ge­mein­sam die Pup­pen ges­ti­ku­lie­ren oder eben Fe­der­bet­ten aus­schüt­teln zu las­sen wie in „Frau Hol­le“.

Als Ma­ries Zeit bei Frau Hol­le zu En­de geht, be­kommt das Mäd­chen von Frau Hol­le ei­ne Be­loh­nung. Wäh­rend sie un­ter dem Tor steht, das aus der blau-glit­zern­den Ku­lis­se her­aus­führt, fällt ein gol­de­nes Kleid zu ihr her­ab – ge­näht wie die an­de­ren Pup­pen-ko­s­tü­me von Jo­han­na Sper­lich.

Die Ko­s­tü­me für die Pup­pen schnei­dert Jo­han­na selbst. Ha­rald Sper­lich (Pup­pen­spie­ler) über sei­ne Ehe­frau und Kol­le­gin Jo­han­na Sper­lich

Zu­rück bei der Stief­mut­ter sorgt das Kleid für Freu­de beim Go­ckel – „Ki­ke­ri­ki, die Gold­ma­rie ist wie­der hie’“– und für Neid bei der fau­len Ma­rie: Prompt wird die­se auch zu Frau Hol­le ge­schickt. Doch sie er­weist sich auch hier als faul, hält den Be­sen falsch her­um – „an­ders­rum“, schrei­en die Kin­der – und viel Schnee gibt’s „da un­ten auf der Er­de“un­ter der fau­len Ma­rie auch nicht.

Die Moral der Ge­schicht’ ken­nen vie­le Kin­der schon und freu­en sich trotz­dem: Statt ei­nem Gold­kleid wird die fau­le Ma­rie zum Ab­schied mit Pech über­gos­sen; wer flei­ßig ist ,wird, be­lohnt, wer faul ist, be­straft. „Ich will, ich will, ich will“, schreit die fau­le Ma­rie – wie es so man­cher Kin­der­gärt­ner viel­leicht häu­fi­ger mal hört. Und da­von sit­zen ne­ben den Kin­dern ei­ni­ge im Pu­bli­kum; denn ne­ben den Kin­der­gar­ten­grup­pen war auch ei­ne Grup­pe an­ge­hen­der Er­zie­her zu Gast.

„Wir ma­chen ge­ra­de ein Pro­jekt, bei dem wir selbst ein Fi­gu­ren­thea­ter er­stel­len“, er­zählt Si­na Wer­ner, die an der Vin­zenz-von-paul-schu­le in Du­der­stadt zur Er­zie­he­rin aus­ge­bil­det wird. Des­halb durf­ten sie sich nicht nur das Fi­gu­ren­thea­ter an­se­hen, son­dern be­ka­men an­schlie­ßend vom Ehe­paar Sper­lich auch noch ei­ne Ein­füh­rung in das Fi­gu­ren­thea­ter-spie­len. Was die zwei Pup­pen­spie­ler be­son­ders gut kön­nen, wie sie zu­vor be­wie­sen hat­ten.

FO­TO: SPF

Fi­gu­ren­thea­ter­ta­ge: „Frau Hol­le“ist der fau­len Ma­rie nicht gut ge­neigt – und be­straft sie spä­ter mit Pech.

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