Pe­ter Holtz: Sein glück­li­ches Le­ben er­zählt von ihm selbst

Eichsfelder Tageblatt - - KULTUR - VON IN­GO SCHUL­ZE

26. Fort­set­zung

»War­um?«, sagt der Ge­nos­se. »Muss ja nicht gleich je­der Ton sit­zen.«

»Herr Ma­litz­ki und Herr Beu­chel se­hen das an­ders …«

»Ach, Pe­ter …« Der Ge­nos­se zün­det sich schon die nächs­te Zi­ga­ret­te an, er schmeißt das Streich­holz in den Aschen­be­cher. Es brennt noch ei­nen Mo­ment, be­vor es sich zu­sam­men­krümmt und ver­lischt. »Die in der Schu­le über­trei­ben im­mer«, sagt er und bläst den Rauch hin­auf zur Gar­di­nen­stan­ge. »Es ist ja rich­tig, wach­sam zu sein. Aber bei euch hier wit­tern die auf Schritt und Tritt gleich den Klas­sen­feind, das bremst die Ei­gen­in­itia­ti­ve!«

»Das ist nicht gut«, sagt sie Ge­nos­sin. »Das hat die Par­tei er­kannt.«

»Will denn die Par­tei, dass ich wei­ter­sin­ge?«

»Klar, biss­chen mehr üben, biss­chen mehr Schu­lung, war­um denn nicht?«

»Ler­nen, ler­nen und noch­mals ler­nen«, sa­ge ich.

»Eu­re Band – al­so ich fand die gut!«, sagt die Ge­nos­sin.

End­lich be­grei­fe ich, dass mir die Par­tei zwei Ex­per­ten ge­schickt hat, die sich mit Musik aus­ken­nen. Das ist wirk­lich ei­ne Aus­zeich­nung!

»Wie kam’s denn zum Auf­tritt eu­rer Kir­chen­band?«, fragt die Ge­nos­sin.

»Wir sind kei­ne Kir­chen­band. Wir üben nur dort. Ich bin kein Christ, Andre­as auch nicht und Ulf ganz si­cher nicht. Wie es …«

»Wel­cher Ulf?«

»Ulf Brandt, un­ser Tech­ni­ker. Wir sind fünf.«

»Ulf Brandt«, sagt die Ge­nos­sin und no­tiert sich den Na­men auf dem klei­nen Block vor ihr.

»Das war mein Vor­schlag, dass wir uns für das Nach­mit­tags­pro­gramm des Kin­der­ta­ges mel­den. Herr Beu­chel hat es ge­neh­migt. Er hat sich ge­freut über die Mu­sik­lis­te. ›Das passt zu dir‹, hat er ge­sagt. Das kam gut an, die meis­ten ha­ben mit­ge­sun­gen …« »›Mit­ge­grölt‹, sagt eu­er Di­rek­tor …« »Das hat nur so ge­klun­gen, weil al­le mit­ge­sun­gen ha­ben.«

»Und dann hat er dir …« Der Ge­nos­se macht mit der frei­en Hand ei­ne Be­we­gung, als schnapp­te er nach ir­gend­was.

»Er hat mir das Mi­kro­fon ent­ris­sen.«

»Nun bist du ein Held, der Held der Schu­le, stimmt’s?«

»Wie­so?«

»Komm, Sports­freund, stell dich nicht düm­mer … Eu­re Mä­dels! Die ste­hen jetzt auf dich! War doch an eu­rer Ta­fel zu le­sen!«

»Das ha­be ich nicht ver­stan­den.« »Es ehrt dich, dass du es im­mer­hin ab­ge­wischt hast.«

»Du weißt nicht, was ›Pe­ter Punk lebt!‹ be­deu­tet?«

»Das er­gibt kei­nen sinn­vol­len Satz! Ulf hat mir er­klärt, es wird eng­lisch aus­ge­spro­chen, mit a. Punks sind in En­g­land ganz links, aber dann wä­ren wir hier ja al­le Punks. Ulf hat ge­sagt, dass es ein pro­gres­si­ver Mu­sik­stil ist, den wir pfle­gen.«

»Und ihr ver­steht euch gut, so in der Band?«

»Ja, es herrscht ein ka­me­rad­schaft­li­ches Ver­hält­nis.«

»Sehr gut! Vie­le Bands ge­hen aus­ein­an­der, nur weil es am in­ne­ren Zu­sam­men­halt man­gelt«, sagt die Ge­nos­sin.

»War­um hast du ge­sagt, die an­de­ren Band­mit­glie­der hät­ten dich in­stru­men­ta­li­siert?«, fragt der Ge­nos­se.

»Ich mein­te in­stru­men­tiert, weil sie In­stru­men­te spie­len …«

»Wie sich eu­re Band ent­wi­ckelt – dar­an liegt uns, die Musik geht schließ­lich al­le an, die gan­ze Ge­sell­schaft«, sagt er.

»Wir wol­len ja für al­le spie­len!«, sa­ge ich, froh, auf so viel Ver­ständ­nis zu tref­fen.

»Du hältst uns ein­fach auf dem Lau­fen­den, was ihr plant, du und dei­ne Band, was ihr für Ide­en habt, was euch ge­fällt und was euch miss­fällt, wo­für ihr euch be­geis­tert und was es zu kri­ti­sie­ren gilt, da­mit die Par­tei, die Schu­le, die El­tern, wir al­le zu­sam­men eben noch bes­ser auf die Be­dürf­nis­se un­se­rer Ju­gend­li­chen re­agie­ren kön­nen.«

»Wir ge­ben dir ei­ne neue Chan­ce, nut­ze sie, mach was draus!«, sagt die Ge­nos­sin, de­ren Stim­me gar nicht mehr so hoch klingt, ei­gent­lich ei­ne ganz nor­ma­le Frau­en­stim­me.

»Wie aber«, fragt der Ge­nos­se und beugt sich über den Tisch, »kann das kon­kret durch­ge­führt wer­den? Hast du ei­nen Vor­schlag, Pe­ter?«

Ich will nicht leicht­fer­tig ant­wor­ten. Mir fällt aber auch nicht so­fort et­was ein.

»Nun?«, fragt die Ge­nos­sin. »Wer mit uns ar­bei­tet, muss sich selbst ge­nau be­ob­ach­ten. Schreibst du Ta­ge­buch? Ta­ge­buch ist ei­ne gu­te Form der Selbst­kon­trol­le.«

»Ich ha­be ei­ne Schreib- und Le­se­schwä­che.«

»Ah, und des­halb …« Sie sieht den Ge­nos­sen an.

»Ich brau­che da­für viel Zeit«, er­klä­re ich.

»Und Stich­punk­te? Wie wär’s mit Stich­punk­ten?«

»Könn­ten wir uns nicht ab und zu tref­fen? Im münd­li­chen Aus­druck hab ich im­mer ’ne Eins!«

»Gu­te Idee«, sagt die Ge­nos­sin.

Fort­set­zung folgt

Aus „Pe­ter Holtz: Sein glück­li­ches Le­ben er­zählt von ihm selbst“von In­go Schul­ze. 576 Sei­ten, 22 Eu­ro. © 2017 S. Fi­scher Ver­lag Gm­bh

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