Die Putz­frau und das Biest

Os­car-fa­vo­rit: Das Fan­ta­sy­mär­chen „Sha­pe of Wa­ter“setzt auf So­li­da­ri­tät un­ter Au­ßen­sei­tern

Eichsfelder Tageblatt - - KINO - Von Ste­fan Stosch

Kino ist ein Me­di­um mit ver­zö­ger­ter Wir­kungs­kraft: Von der ers­ten Dreh­buchi­dee bis zum fer­ti­gen Film ver­ge­hen Jah­re. Folg­lich dau­ert es, bis sich ver­än­der­te ge­sell­schaft­li­che Ge­ge­ben­hei­ten auf der Lein­wand wi­der­spie­geln. Um­so mehr darf man sich über Hol­ly­woods Ak­tua­li­tät wun­dern: Ei­ne gan­ze Rei­he von USFil­men scheint di­rekt aus dem düs­te­ren Her­zen Trump-ame­ri­kas zu kom­men. Ha­ben die Re­gis­seu­re vor­aus­ge­ahnt, wie sich Hass und Aus­gren­zung in den USA ver­stär­ken wür­den? Ge­or­ge Cloo­ney knöpft sich in „Su­bur­bi­con“wei­ße Ras­sis­ten vor; Matt Da­mon stellt in „Down­si­zing“fest, dass der Ka­pi­ta­lis­mus auch in ei­ner Zwer­gen-welt re­giert; in „Th­ree Bill­boards Outs­ide Eb­bing, Mis­sou­ri“ge­biert die Wut von Ab­ge­häng­ten grö­ße­re Wut. Und nun träumt der Me­xi­ka­ner Guil­ler­mo del To­ro von ei­ner Lie­be zwi­schen ei­nem Fisch­men­schen und ei­ner Putz­frau, die sich in ei­ner frem­den-, frau­en- und schwu­len­feind­li­chen Welt be­haup­ten muss.

So wie manch an­de­rer Re­gis­seur auch lässt del To­ro die Ge­gen­wart nur in­di­rekt in sei­nen Film ein­si­ckern: „Sha­pe of Wa­ter“hat er in die Sech­zi­gerjah­re und in ein ame­ri­ka­ni­sches Hoch­si­cher­heits­la­bor ver­legt, das aus ge­ka­chel­ten Gän­gen wie in ei­nem Schwimm­bad be­steht. Hier­her ver­schlep­pen die Us-mi­li­tärs ein aus den Tie­fen des Ama­zo­nas ent­führ­tes We­sen, ket­ten es in ei­nem Was­ser­tank an und mal­trä­tie­ren es im Na­men der Wis­sen­schaft. Könn­te ja sein, dass sich die er­staun­li­chen kör­per­li­chen Fä­hig­kei­ten des Kie­men­men­schen im Wett­streit mit den So­wjets aus­beu­ten las­sen.

Ei­ne trau­ri­ge­re Krea­tur als die­se – neu­gie­ri­ge Fro­schau­gen, blau leuch­ten­de Punk­te un­ter der dunk­len Haut, St­a­chel­kamm auf dem Rü­cken – hat man sel­ten ge­se­hen. Da kön­nen schon mal Er­in­ne­run­gen an „E. T.“auf­kom­men.

Ein­sam ist auch die stum­me Putz­frau Eli­sa (Sal­ly Haw­kins), die im La­bor für Sau­ber­keit sorgt. Ih­re ein­zi­gen Freun­de sind der schwu­le Pla­kat­ma­ler Gi­les (Richard Jenk­ins) und ih­re schwar­ze Kol­le­gin Zel­da (Oc­ta­via Spen­cer). Ganz all­mäh­lich freun­det sich Eli­sa über Ges­ten, Zei­chen und Musik – denn hö­ren kann Eli­sa – mit dem Fisch­men­schen an. Und sie­he da: Er liebt ge­nau wie sie ge­koch­te Eier, Jazz und Re­vue­fil­me, bei de­nen Eli­sa so gern ein paar Schrit­te mit­tanzt. Der ver­meint­li­che Schre­cken des Ama­zo­nas ist gar kei­ner. Ganz vor­sich­tig und oh­ne in die Kitsch­fal­le zu ge­ra­ten er­zählt der Re­gis­seur von die­ser An­nä­he­rung.

Ei­ne er­staun­li­che Ki­no­mi­schung kommt zu­stan­de: Tanz-, Hor­ror- und Fan­ta­sy­film, da­zu ein Häpp­chen Spio­na­ge­thril­ler, denn auch ein rus­si­scher Spi­on hat es ins Hoch­si­cher­heits­la­bor ge­schafft – das Gan­ze mit ei­nem nost­al­gi­schen B-mo­vietouch ver­se­hen. Vor al­lem aber ist „The Sha­pe of Wa­ter“ein mär­chen­haf­ter Lie­bes­film. Das stellt sich aber erst so rich­tig her­aus, als der bon­bon­zer­mal­men­de Ge­heim­dienst­of­fi­zier Strick­land (bril­lant: Micha­el Shan­non) mit der Tö­tung des Am­phi­bi­en­we­sens be­auf­tragt wird.

Eli­sa ent­schließt sich, die Krea­tur zu­sam­men mit ih­ren Freun­den zu ret­ten. Ei­ne Tau­be, ein Schwu­ler und ei­ne Schwar­ze schmie­den ei­nen ver­we­ge­nen Plan, un­ter­stützt von dem rus­si­schen Spi­on. Ei­ne Ko­ali­ti­on der Au­ßen­sei­ter tritt so­li­da­risch an, um es dem men­schen­ver­ach­ten­den mi­li­tä­risch-in­dus­tri­el­len Kom­plex mal so rich­tig zu zei­gen.

Zwi­schen­drin bleibt del To­ro im­mer noch ge­nug Zeit fürs Poe­ti­sche: Wir wer­den Zeu­ge ei­ner zärt­li­chen se­xu­el­len An­nä­he­rung im ge­flu­te­ten Ba­de­zim­mer. Schwe­re­los schwebt die Ka­me­ra in dem von Licht­strah­len durch­wirk­ten Blau. Vor Mil­lio­nen Jah­ren ent­stand das Le­ben im Was­ser, hier nimmt ei­ne Lie­be ih­ren An­fang. Bei so viel Glück in ei­ner so men­schen­feind­li­chen Welt konn­te die Ju­ry des Film­fes­ti­vals Ve­ne­dig nicht wi­der­ste­hen: Sie gab „Sha­pe of Wa­ter“den Gol­de­nen Lö­wen. Und nun gilt die­ses Mär­chen mit 13 No­mi­nie­run­gen als hei­ßer Os­car-fa­vo­rit.

Aber hat die Ver­bin­dung zwi­schen Eli­sa und dem gar nicht mons­trö­sen Mons­ter ei­ne Chan­ce? Der Re­gis­seur del To­ro hat sei­ne Fil­me noch nie son­der­lich mit Wirk­lich­keits­bal­last be­schwert. Und sym­pa­thisch ist die Idee al­le­mal, die jüngst schon in De­nis Vil­le­neu­ves Sci­en­ceFic­tion-film „Ar­ri­val“ge­tes­tet wur­de: Wie wä­re es denn, Frem­de jed­we­der Art erst ein­mal freund­lich zu be­grü­ßen? ★★★★★

„Sha­pe of Wa­ter“, Re­gie: Guil­ler­mo del To­ro, 123 Mi­nu­ten, FSK 16

FO­TO: FOX

Ech­te Lie­be: Putz­frau Eli­sa (Sal­ly Haw­kins) und Fisch­mensch füh­len sich von­ein­an­der an­ge­zo­gen.

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