Reich­sein macht auch nicht glück­lich

Rid­ley Scott ge­rät mit dem Ent­füh­rungs­dra­ma „Al­les Geld der Welt“mit­ten in die „Metoo“-de­bat­te

Eichsfelder Tageblatt - - KINO - Von Ste­fan Stosch

Fast möch­te man in den Bil­dern die­ses Ent­füh­rungs­dra­mas nach den Näh­ten su­chen. „Al­les Geld der Welt“ist der Film, aus dem „Hou­se of Cards“-star Ke­vin Spacey nach­träg­lich her­aus­ge­schnit­ten wur­de. Als Spaceys se­xu­el­le Über­grif­fe ans Licht ka­men, trom­mel­te Rid­ley Scott in ei­ner Hau­ruck-ak­ti­on sei­ne Darstel­ler noch mal zu­sam­men und dreh­te die Spacey-sze­nen mit Chris­to­pher Plum­mer in Re­kord­zeit neu. Scott be­fürch­te­te, dass das in „Metoo“-zei­ten emp­find­lich ge­wor­de­ne Pu­bli­kum sein Werk sa­bo­tie­ren könn­te.

Es wa­ren vie­le Sze­nen, die der Sche­re zum Op­fer fie­len: Hol­ly­wood-hau­de­gen Plum­mer gibt den Pa­tri­ar­chen J. Paul Get­ty, der wie Charles Di­ckens‘ Scroo­ge auf sei­nem Ver­mö­gen hockt und zu gei­zig ist, um die für ihn lä­cher­li­che Sum­me von 17 Mil­lio­nen Dol­lar Lö­se­geld für sei­nen in die ka­la­bri­schen Ber­ge ent­führ­ten En­kel her­aus­zu­rü­cken. „Ich ha­be 14 En­kel­kin­der“, sagt der Mil­li­ar­där in Ka­me­ras. „Wenn ich ei­nen Pen­ny zah­le, wer­de ich bald 14 ent­führ­te En­kel ha­ben.“Ge­nau das hat der ech­te Get- ty, 1973 der reichs­te Mann der Welt, ge­sagt. Plum­mer macht sei­ne Sa­che so gut, dass er im Ja­nu­ar den Gol­den Glo­be ge­wann und nun auch für den Os­car no­mi­niert ist. Sein Öl­ma­gnat und Kunst­samm­ler ist der Dreh- und An­gel­punkt: ei­ne dia­bo­li­sche Gestalt, die kost­ba­re Je­sus-ge­mäl­de mehr liebt als den ei­ge­nen En­kel­sohn. Man er­schrickt vor die­sem Geiz­kra­gen, aber gleich­zei­tig be­mit­lei­det man ihn bei­na­he in sei­ner Ein­sam­keit.

Scott kon­zen­triert sich aber nicht auf die­se fas­zi­nie­ren­de Fi­gur, die da­für steht, was Gier mit ei­nem Men­schen ma­chen kann: Genau­so er­zählt er von Pauls ver­zwei­fel­ter Mut­ter Gail (Mi­chel­le Wil­li­ams), die als ver­sto­ße­ne Ex-schwie­ger­toch­ter kei­nen Zu­gang zum Pa­tri­ar­chen hat. Ihr zur Sei­te steht Get­tys Si­cher­heits­be­ra­ter Flet­cher Chace (Mark Wahl­berg), der hin- und her­ge­ris­sen ist in sei­ner Loya­li­tät zu Gail und Get­ty.

Wer aber nun ei­nen ech­ten Thril­ler er­war­tet, wird ent­täuscht. Weil wir den Aus­gang der Ge­schich­te ken­nen, wird der Film zu ei­ner mit­un­ter so zä­hen An­ge­le­gen­heit, wie es wohl auch die sich da­mals über fünf Mo­na­te hin­zie­hen­de Ent­füh­rung war. Die be­klem­mends­te Sze­ne: En­kel Paul wird das Ohr ab­ge­schnit­ten. Da ist das Ent­füh­rungs­op­fer aber schon von den ka­la­bri­schen Vieh­hir­ten an die Ma­fia ver­kauft wor­den (wer mehr über die Hin­ter­grün­de der da­mals zahl­rei­chen Ent­füh­run­gen in Sü­dita­li­en er­fah­ren will, dem sei der Ro­man „Schwar­ze See­len“von Gioac­chi­no Cri­a­co, Fo­lio Ver­lag, emp­foh­len).

Zwi­schen­zeit­lich ist „Al­les Geld der Welt“doch wie­der in die De­bat­te um die Un­gleich­be­hand­lung von Frau­en in Hol­ly­wood ge­ra­ten: Darstel­ler Wahl­berg soll für den Nach­dreh 1,5 Mil­lio­nen Dol­lar kas­siert ha­ben, Wil­li­ams 1000 Dol­lar. Die Em­pö­rung in Hol­ly­wood war groß. Mitt­ler­wei­le hat Wahl­berg sei­ne Ga­ge dem Hilfs­fonds „Ti­me’s Up“zu­kom­men las­sen. Er weiß ja, dass Geld nicht glück­lich macht.★★★☆☆

„Al­les Geld der Welt“, Re­gie: Rid­ley Scott, 132 Mi­nu­ten, FSK 12

FO­TO: TO­BIS

Der reichs­te Mann der Welt hat mehr In­ter­es­se an sei­nen Kunst­schät­zen als an sei­nem En­kel: J. Paul Get­ty (Chris­to­pher Plum­mer).

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