Wie ein klei­nes Kran­ken­haus auf dem Meer

Göt­tin­ger Ärz­tin Pau­la Döll­scher hat auf der Sea­watch 3 bei der Ret­tung von Flücht­lin­gen ge­hol­fen

Eichsfelder Tageblatt - - AUS DER REGION - Von Han­nah Sch­ei­we

Göttingen. Wie ein klei­nes Kran­ken­haus auf ei­nem Schiff, so be­schreibt Pau­la Döll­scher ih­re Ar­beits­si­tua­ti­on auf der Sea­watch 3. Mit der See­notret­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on Sea­watch und de­ren Schiff war die Göt­tin­ger Ärz­tin auf dem Mit­tel­meer na­he der li­by­schen Küs­te un­ter­wegs, um Flücht­lin­ge vor dem Er­trin­ken zu ret­ten. Die me­di­zi­ni­schen Mög­lich­kei­ten in ih­rem dor­ti­gen Be­hand­lungs­raum sei­en sehr be­grenzt ge­we­sen, „aber man kann sehr sinn­voll und di­rekt Me­di­zin ma­chen“, sagt Döll­scher.

Das ist wohl ei­ner der Grün­de, war­um die 33-Jäh­ri­ge, die nor­ma­ler­wei­se in der Kin­der- und Ju­gend­psy­cha­trie Tie­fen­brunn ar­bei­tet, be­reits zum drit­ten Mal ei­ne sol­che Mis­si­on auf dem Mit­tel­meer be­glei­tet. „Ver­gan­ge­nes Jahr im April war ich zum ers­ten Mal mit Sea­watch un­ter­wegs“, sagt sie. Da sei sie ge­ra­de ar­beits­los ge­we­sen, ei­ne Freun­din ha­be sie auf die Mög­lich­keit auf­merk­sam ge­macht. Nur ei­nen Mo­nat spä­ter star­te­te ih­re zwei­te Mis­si­on, dies­mal mit der NGO „Ju­gend ret­tet“. Im April sei sie dann wie­der mit Sea­watch auf das Mit­tel­meer hin­aus­ge­fah­ren – in ih­rem Ur­laub, schließ­lich ar­bei­tet sie nun in Göttingen. Ei­ne Mis­si­on daue­re et­wa zwei­ein­halb Wo­chen.

„Auf dem Schiff hat­ten wir Schich­ten, bei de­nen wir mit ei­nem Fern­glas den Ho­ri­zont nach Schlauch­boo­ten ab­ge­scannt ha­ben“, er­zählt die Ärz­tin mit den brau­nen, lo­cki­gen Haa­ren. Sei ein Schlauch­boot oder manch­mal auch Holz­boot auf dem Ra­dar auf­ge­taucht, hät­ten sie sich dem mit zwei Schnell­boo­ten ge­nä­hert. „Das gro­ße Mut­ter­schiff ist im­mer auf Dis­tanz ge­blie­ben“, er­klärt Döll­scher. Um zu ver­hin­dern, dass Flücht­lin­ge, ob­wohl sie nicht schwim­men kön­nen, von ih­rem Boot sprin­gen, um zum Schiff zu kom­men.

Pau­la Döll­scher, Göt­tin­ger Ärz­tin

„Auf ei­nem Schnell­boot war im­mer me­di­zi­ni­sches Per­so­nal da­bei“, er­zählt die 33-Jäh­ri­ge wei­ter. Ne­ben ihr sei auf der Sea­watch 3 noch ein Arzt da­bei ge­we­sen, au­ßer­dem ei­ne Pfle­ge- und ei­ne Ret­tungs­kraft. „Mei­ne Auf­ga­be war es dann, zu gu­cken, ob ir­gend­wer akut in Ge­fahr ist“, sagt sie. Das sei aber sel­ten der Fall ge­we­sen. Die meis­ten sei­en zwar de­hy­driert oder hät­ten Ver­let­zun­gen von den Schlauch­boo­ten ge­habt, schweb­ten aber nicht in Le­bens­ge­fahr. Sie wur­den dann spä­ter, nach­dem sie mit den Schnell­boo­ten auf das gro­ße Schiff ge­bracht wur­den, in Döll­schers „klei­nem Kran­ken­haus“, ei­nem Raum mit zwei Lie­gen, be­han­delt.

„Vie­le ha­ben ih­re Kin­der hoch­ge­hal­ten, um schnel­ler ge­ret­tet zu wer­den“, so Döll­scher. Und das sei­en bei der Ret­tung in die­sem Jahr, bei der sie da­bei war, gar nicht so we­ni­ge ge­we­sen: „Es wa­ren un­ge­fähr 60 Frau­en und 20 Kin­der“, sagt sie. Ein­mal sei so­gar ein erst zwei Wo­chen altes Ba­by an Bord ei­nes Schlauch­boo­tes ge­we­sen. „Wie krass muss die Si­tua­ti­on sein, um sich mit ei­nem zwei Wo­chen al­ten Säug­ling auf so ein Boot zu set­zen?“, fragt sie sich ent­setzt.

Ei­ne Ge­fahr für sich selbst ha­be sie nie ver­spürt, so Döll­scher. Und das, ob­wohl die li­by­sche Küs­ten­wa­che im Ver­gleich zum ver­gan­ge­nen Jahr ag­gres­si­ver ge­wor­den sei. „Die sind manch­mal mit ih­ren Boo­ten nah an uns ran­ge­fah­ren und ha­ben Alarm ge­macht“, er­zählt die Ärz­tin. Sie hät­ten zwar nie auf Leu­te di­rekt ge­schos­sen, aber Warn­schüs­se ab­ge­ge­ben. „Ich ha­be mich trotz­dem im­mer si­cher ge­fühlt, weil es gut or­ga­ni­siert war und die Cr­ew wuss­te, was sie zu tun hat“, sagt sie.

So wür­de sie auch wie­der auf Ret­tungs­mis­si­on auf dem Mit­tel­meer ge­hen: „Nächs­tes Jahr viel­leicht“, sagt die Frau mit dem herz­li­chen Lä­cheln. Für die­ses Jahr ist der Ur­laub für Ret­tun­gen erst­mal auf­ge­braucht.

Wir ha­ben mit ei­nem Fern­glas den Ho­ri­zont nach Schlauch­boo­ten ab­ge­scannt.

FOTOS: NEU­GE­BAU­ER, MOTHS,(2)

Die Göt­tin­ger Ärz­tin Pau­la Döll­scher in dem Be­hand­lungs­zim­mer der Sea­watch 3 (gro­ßes Bild) und in ei­nem Schnell­boot auf dem Weg zur Ret­tung von Flücht­lin­gen (rechts).

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