Yücel könn­te bald frei­kom­men

Tür­ki­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent nährt Hoff­nung zum Jah­res­tag der Fest­nah­me

Ems-Zeitung - - POLITIK - Von Su­san­ne Güs­ten

Die Tür­kei ist of­fen­bar be­reit, den Jour­na­lis­ten De­niz Yücel nach ei­nem Jahr Haft frei­zu­las­sen, um ih­re Be­zie­hun­gen zu Deutsch­land zu ver­bes­sern.

ISTANBUL. Vor sei­nem Tref­fen mit Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in Berlin an die­sem Don­ners­tag sag­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim, er hof­fe auf ei­ne bal­di­ge Frei­las­sung des Re­por­ters. „Ich bin der Mei­nung, dass es in kur­zer Zeit ei­ne Ent­wick­lung ge­ben wird“, so Yil­di­rim in der ARD. Dem­nach könn­te bald ein Ge­richts­ter­min für Yücel an­ge­setzt wer­den, der ei­ne Haft­ent­las­sung er­mög­li­chen wür­de. Ein En­de der Ver­fol­gung von Re­gie­rungs­kri­ti­kern lehnt Yil­di­rim aber ab – das Ver­hält­nis zur Tür­kei dürf­te des­halb wei­ter schwie­rig blei­ben.

Yil­di­rim macht auf dem Weg zur Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz ei­nen Ab­ste­cher nach Berlin, um mit Mer­kel zu spre­chen; Be­geg­nun­gen am Ran­de in­ter­na­tio­na­ler Kon­fe­ren­zen aus­ge­nom­men, ist sein Be­such bei der Kanz­le­rin das ers­te tür­kisch-deut­sche Spit­zen­tref­fen seit Mer­kels Be­such in Ankara vor gut ei­nem Jahr.

Kurz nach der da­ma­li­gen Vi­si­te der Kanz­le­rin hat­ten die Be­zie­hun­gen ei­nen neu­en Tief­punkt er­reicht: Yücel kam in Haft, und Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan warf den Deut­schen „Na­zi-Me­tho­den“vor. Seit ei­ni­gen Mo­na­ten be­mü­hen sich bei­de Sei­ten um ei­ne Wie­der­an­nä­he­rung, doch der Fall Yücel so­wie der au­to­kra­ti­sche Kurs der tür­ki­schen Re­gie­rung be­hin­dern ei­ne Nor­ma­li­sie­rung. Nun ist Er­do­gans Re­gie­rung

of­fen­bar zu ei­ner Frei­las­sung des Re­por­ters be­reit – mög­li­cher­wei­se, um ei­nem bald er­war­te­ten Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­ge­richts in Straß­burg zu­vor­zu­kom­men.

In dem ARD-In­ter­view be­ton­te Yil­di­rim zwar, er ha­be kei­nen Ein­fluss auf die tür­ki­sche Jus­tiz. Zugleich mach­te er aber un­miss­ver­ständ­lich deut­lich, dass Ankara den Fall Yücel aus der Welt schaf­fen will. „Lasst uns ei­ne neue Sei­te auf­schla­gen, die Ver­gan­gen­heit ver­ges­sen, in die Zu­kunft bli­cken und un­se­re Be­zie­hun­gen noch wei­ter aus­bau­en“, sag­te er.

Der Pre­mier ist ein loya­ler An­hän­ger von Er­do­gan und un­ter­nimmt nichts oh­ne Ab­stim­mung mit sei­nem Chef. Der Weg zu ei­ner Frei­las­sung Yücels ist je­doch wei­ter un­klar. Bis­her gibt es kei­ne An­kla­ge­schrift. Soll­te die Staats­an­walt­schaft nach dem Wink von Yil­di­rim ei­ne An­kla­ge ein­rei­chen, könn­te das zu­stän­di­ge Ge­richt – im für Yücel güns­tigs­ten Fall – das Do­ku­ment zu­rück­wei­sen und die Frei­las­sung des Re­por­ters an­ord­nen. Wenn das Ge­richt die Kla­ge an­nimmt, könn­te Yücel ähn­lich wie der Men­schen­recht­ler Pe­ter Steudt­ner im vo­ri­gen Jahr zu Be­ginn des Ver­fah­rens auf frei­en Fuß ge­setzt wer­den. Of­fen ist auch, ob die tür­ki­sche Sei­te po­li­ti­sche oder wirt­schaft­li­che Ge­gen­leis­tun­gen von Deutsch­land for­dert.

Al­ler­dings mach­te der Pre­mier deut­lich, dass sei­ne Re­gie­rung am har­ten Kurs ge­gen­über An­ders­den­ken­den fest­hal­ten will. So recht­fer­tig­te er die In­haf­tie­rung von Kri­ti­kern des der­zei­ti­gen tür­ki­schen Feld­zu­ges in Sy­ri­en. Mehr als 400 Men­schen wur­den seit Be­ginn der Ope­ra­ti­on we­gen ih­rer Ab­leh­nung der Of­fen­si­ve ver­haf­tet.

Der Fall Yücel: Be­rich­te und Hin­ter­grün­de auf noz.de/po­li­tik

Ka­ri­ka­tur: Klaus Stutt­mann

Fo­to: dpa

Bi­na­li Yil­di­rim

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.